Verkauft, vergewaltigt – und rehabilitiert

Cyntoia Brown-Long ermordete einen Freier, musste ins Gefängnis und wurde dieses Jahr begnadigt.

Cyntoia Brown-Long verbrachte fast ihr halbes Leben im Gefängnis. Foto: AP

Cyntoia Brown-Long verbrachte fast ihr halbes Leben im Gefängnis. Foto: AP

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Ihre eigene Heirat verpasste sie. Das Jawort gab sie am Telefon. Denn Cyntoia Brown-Long lebte im Gefängnis, seit sie 16 war. Heute ist die ­Amerikanerin 31 Jahre alt und ein freier Mensch. Bei ihrem ersten ­Interview in Freiheit sagte sie dem Fernsehsender NBC: «Es gibt nichts Spezielles über mich.»

Nun, das ist eine Untertreibung. Sie ist Tochter einer drogenabhängigen Mutter, die in der Schwangerschaft trank. Sie verbrachte ihre Kindheit in Heimen; als junge Frau nahm sie Drogen und wurde mehrmals vergewaltigt. Und sie traf als 16-Jährige auf den 24-jährigen Garion McGlothen (genannt Kut Throat). Sie lebten zusammen in Motels und konsumierten täglich Kokain. Er schickte sie anschaffen, schlug und vergewaltigte sie, wenn sie ohne Geld zurückkam. «Er sagte mir, dass gewisse Menschen geborene Schlampen seien. Und ich wäre so eine Schlampe. Und niemand würde mich wollen – ausser ihm. Das Beste, was ich tun könne, sei, zu ­lernen, eine gute Schlampe zu sein», erzählt Brown-Long heute. Sie glaubte und folgte diesen Worten.

In einem Restaurant traf sie 2004 den Immobilienmakler Johnny Allen, der wollte Sex mit ihr, für 150 Dollar. Sie ging mit dem 43-Jährigen mit, dieser zeigte ihr als Erstes seine Waffensammlung. Brown-Long bekam Panik – und erschoss ihn (die Versionen über den genauen Tathergang gehen auseinander). Sie nahm darauf Allens Portemonnaie (für ihren Zuhälter) und verschwand mit dessen Auto.

«Viele sind in unserem ­System verloren hinter Fallnummern.»Cyntoia Brown-Long

Für Staatsanwälte und die Geschworenen von Tennessee war klar: schuldig. Motiv: Habgier einer Prostitutierten. Strafe: lebenslänglich. Man verurteilte Brown-Long damals unter dem Erwachsenenstrafrecht – erst seit 2011 können Minderjährige in Tennessee nicht mehr wegen Prostitution angeklagt werden. Heute wäre die Frau ein Menschenhandelsopfer.

Wenn nun Brown-Long sagt: «Es gibt nichts Spezielles über mich», dann will sie damit ausdrücken, dass ­anderen Mädchen Ähnliches wider­fahre, dass Menschenhandel für sexuelle Zwecke verbreitet ist. In den USA. In der Welt. Tatsächlich hat es einen ähnlichen Fall auch schon in der Schweiz gegeben (ohne Mord). Ein 13-jähriges Mädchen wurde im Kanton Bern von einem sogenannten Loverboy verführt, zum Anschaffen gezwungen, von mehreren Männern vergewaltigt, wie die «Berner Zeitung» diesen Mai berichtete. Doch noch immer schützt das Mädchen ihren Ausbeuter und verzichtet auf eine Aussage.

Brown-Long hat ein Buch verfasst, damit das weniger oft geschieht. Sie schreibt darüber, wie lange sie brauchte, um zu realisieren, dass sie ein Opfer war (10 Jahre) und wie sie die Jahre im Gefängnis überlebte (sie verliebte sich dank Briefen in ihren künftigen Mann). Ihr kam auf dem Weg in die Freiheit entgegen, dass ihr Fall nie vergessen ging, dass Dokfilme über sie gemacht wurden und sich Stars wie Rihanna und Kim Kardashian für sie einsetzten (#FreeCyntoiaBrown). Anfang des Jahres begnadigte sie ­der Governeur von Tennessee. Nun möchte sich Brown-Long für andere Frauen einsetzen. «Viele sind in unserem ­System verloren hinter Fallnummern.» Darum wolle sie «allen anderen Cyntoias» eine Stimme geben.

Erstellt: 24.10.2019, 20:24 Uhr

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