Wo die Royals zu Hause sind

Auf Schritt und Tritt ist in London zu spüren, dass die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton bevorsteht. Die Monarchie ist mehr als historisches Erbe, sie gehört zum Alltag in der britischen Hauptstadt.

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Die grossen Augen meiner zehnjährigen Nichte sind mir in lebhafter Erinnerung: Sie sog den Glitzer des Royal Opera House in Covent Garden in sich auf, als wir dort eine Ballettvorstellung besuchten. «Wo ist die Loge der Königin?», wollte sie wissen. Und: «Kommt die Königin heute Abend auch?» Ihre Majestät war leider anderweitig beschäftigt, aber völlig unrealistisch war die Erwartung nicht.

Besucher Londons finden schnell heraus, wie sehr die königliche Familie zum Alltag der britischen Hauptstadt gehört. Einheimische blicken kaum noch auf, wenn Blaulichter und Sirenen einer Motorradeskorte signalisieren, dass es dem Prinzen von Wales eilt oder dass der Premierminister auf dem Weg zur wöchentlichen Audienz mit der Königin ist. Stolz auf die Royals mischt sich freilich mit Verdruss, wenn das Auto im Verkehr stecken bleibt, weil eine Strasse abgesperrt ist, und einem zu spät einfällt: Natürlich, es ist gerade Wachwechsel im Buckingham-Palast.

Soldaten der Household Cavalry, prächtig ausstaffiert mit roten Jacken und goldenen Federhelmen, reiten ihre Pferde auch heute noch regelmässig von Knightsbridge zu den Kasernen in Chelsea. Die Royal Albert Hall, das Royal-Court-Theater und Fortnum & Mason, der «Lebensmittelhändler der königlichen Familie» an der Piccadilly-Strasse, sind Wahrzeichen der Stadt.

Vom Kopf der Königin auf jeder Briefmarke bis zum «Duchy»-Etikett auf Schokolade, Marmelade, Milch und Eiern aus Prinz Charles’ organischer Produktion in den Supermärkten ist die Monarchie ins gesellschaftliche Gewebe eingeflochten. Und ja, sie gehen auch ins Theater, die Royals: Auf dem Weg zu einer Gala im London Palladium blieben Charles und Camilla letzten Dezember in einem Studentenkrawall im Westend stecken. Schlagzeilen machte, dass ihr Rolls-Royce mit Farbe beworfen wurde.

Pracht und Gepränge

Aber die Windsors sorgen auch selbst für Theater. Egal wie kalt oder wie feucht ein Morgen ist: Eine Menge Menschen drängen sich zu den Toren des Buckingham-Palasts, um den Wachwechsel zu sehen. Erst kommt die Kapelle der Trommler und Pfeifer, gefolgt von berittenen Truppen mit Bärenfellmützen, dann Blechbläser zu Fuss, danach die Infanterie. Die Uniformen und Regimenter wechseln, aber Pracht und Pomp sind beständig. Da wird der Welt vorgeführt, welchen Glanz das britische Königreich zu entfalten vermag.

Die Staatsräume im Buckingham-Palast sind nur im August und September geöffnet. Aber wer einen Blick ins Räderwerk des königlichen Haushalts werfen will, kann bei den Palasttoren um die Ecke biegen zu den Royal Mews, den alten Stallungen. Hier findet man die Kutschen und andere Festtagsgefährte, etwa die goldene Staatskutsche, die seit 1821 bei jeder Krönung aufgefahren wird (und die bei den Feierlichkeiten zum diamantenen Jubiläum der Queen 2012 wieder eine wichtige Rolle spielen wird). Auch die irische Staatskutsche steht da, in der die Königin zur jährlichen Parlamentseröffnung fährt, und die australische Kutsche, die Zentralheizung und elektrische Fenster besitzt. Nicht zu vergessen die Glaskutsche, in der königliche Bräute seit alters her an der Seite ihres Vaters zur Hochzeit fahren.

Rolls-Royce statt Kutsche

Zwar hat Kate Middleton ihrem William klargemacht, dass sie mit dieser Tradition brechen und am 29. April im Auto zur Kirche chauffiert werden möchte – wahrscheinlich in einem der Rolls-Royce aus den Royal Mews. Aber wenn sie dann als Prinzessin Catherine wieder aus der Westminster Abbey ins Freie tritt, werden sie und Prinz William ganz traditionell Platz in der Glaskutsche nehmen (wenn es das Wetter erlaubt, stünde auch ein offener Landauer von 1902 zur Verfügung).

Neben Miniaturkutschen, die für Queen Victorias Kinder gebaut wurden, findet man auch einen grossen roten Schlitten, ein Geschenk des kanadischen Volkes. Er wird jedes Jahr herausgeholt für Santa Claus, damit er den Kindern im Palast die Geschenke stilgerecht bringen kann. Statt Rentieren ziehen ihn die Pferde der Königin. Der ganze Komplex ist ein vitaler Teil des britischen Erbes, eher Arbeitsstallung als Museumsanlage. Die Pferde der Queen sind hier, unweit der Kutschen und Limousinen, untergebracht; die Bediensteten, die das königliche Transportsystem am Laufen halten, leben mit ihren Familien in Wohnungen am anderen Ende des Hofs.

Die Pferde kommen und gehen zwischen den Mews und den sehr viel weiter verzweigten Stallungen von Windsor Castle, dem ältesten und grössten bewohnten Schloss der Erde. In Windsor verbringt die Königin die meisten Wochenenden. Das war für Prinz William und Prinz Harry praktisch, als sie noch im nahen Eton zur Schule gingen: Sonntagnachmittags schauten sie bei der Grossmama jeweils zum Tee vorbei.

Buntes Treiben

Windsor Castle, auf einem Hügel über der Themse gelegen, ist ein im Laufe der Geschichte gewachsenes Schloss. Einige Monarchen waren grosse Baumeister, wie Edward III., der «Warrior King», der die Felsenfestung gegen Aufstände und Rebellionen sicherte. Andere betätigten sich als Dekorateure, wie Charles II., der dem Versailles seines Cousins Louis XIV. Konkurrenz machen wollte, oder George IV., der Windsors Räume mit erlesenen Kunstwerken füllte.

Ein Feuer, das im November 1992 in der Privatkapelle Queen Victorias ausbrach, breitete sich in der Nordostecke des Schlosses aus und zerstörte über hundert Räume. In der Zwischenzeit sind die Repräsentationsräume sorgfältig wiederhergestellt worden, und Windsor Castle dient erneut als private Residenz und zeremonieller Palast zugleich. Gemäss dieser Doppelfunktion beherbergt Windsor eine bunte Gemeinde von Bewohnern und Mitarbeitern, von Rittern und Stiftsherren bis hin zu den Stallburschen und Kutschern, Uhrmachern und Fahnenschwenkern, Buchbindern und Chorknaben, die in der St.-George’s-Kapelle singen. Die Kapelle selbst ist ein anmutiges Beispiel spätmittelalterlicher Architektur.

Asche und Blut

Königliche Taufen, Geburtstagsfeiern und Hochzeiten finden hier seit vielen Jahrhunderten statt. Hier ist der Segen gesprochen worden bei der Heirat von Prinz Charles und Camilla. Hier wurde die Asche der Königinmutter beigesetzt – und die ihres Gatten, König George VI. (um den es im viel gefeierten Film «The King’s Speech» geht).

Als Wilhelm der Eroberer das Gelände fürs Schloss Windsor wählte, war es einen Tagesmarsch vom Tower von London entfernt. Heute kann man in kurzer Zeit vom einen Ort zum andern fahren und den Tower über die Zugbrücke betreten. Nicht ein Turm, zwanzig Türme machen den Tower aus, eine imposante Festung am Ufer der Themse, im Herzen Londons. Über zwei Millionen Besucher pilgern jedes Jahr hierher. Manche kommen, um die fabelhaften Kronjuwelen zu sehen, andere der blutrünstigen Aura wegen. Sie bleiben am Traitor’s Gate hängen, dem Verrätertor, oder am Hinrichtungsplatz, wo Anne Boleyn so rasant zu Tode befördert wurde, dass ihre Augen noch immer rollten und ihre Lippen sich bewegten, als ihr Kopf schon durch die Luft flog.

Die meisten aber kommen wegen all der Geschichte, die aus den Steinen zu sprechen scheint – einer Geschichte, die in den zahllosen Anekdoten weiterlebt, die die Yeomen, die Wachleute, Wärter und Fremdenführer, zu erzählen wissen. Die Yeomen, die auch als Beefeaters bekannt sind, weil sie Fleisch assen, während das einfache Volk nur Fisch und Hühnchen bekam, stellen die lebendige Verbindung zur mittelalterlichen Vergangenheit dar. Jeden Abend um 21.53 Uhr schreiten der Hauptmann und eine Eskorte zu den äusseren Toren, zur «Schliessung» des Towers. Die siebenminütige Zeremonie ist seit über 700 Jahren unverändert, ein wahrhaft historischer Wortwechsel wird wiedergegeben: «Halt, wer ist da?» «Die Schlüssel.» «Wessen Schlüssel?» «Königin Elizabeths Schlüssel.» «Recht so. Ihr könnt passieren.»

Auf Dianas Spuren

Wen aber das Schicksal unglücklicher Frauen rührt, der muss den Kensington Palace besuchen, wo Prinzessin Diana einst mit Charles und den gemeinsamen Söhnen William und Harry wohnte. Der Blumenteppich, mit dem eine untröstliche Bevölkerung nach ihrem Tod das Gelände vor dem Palast überzog, ist unvergessen. Nun hat man den Palast in einen Zauberpalast verwandelt mit einer Reihe mysteriöser Räume, in denen es raschelt und wispert, mit Bäumen, die aus Fussböden wachsen, und Efeu, das aus dem Mauerwerk kriecht wie bei Dornröschen. Die Meinungen über diese Installation sind höchst geteilt. Es wird davon ausgegangen, dass Prinz William nach seiner Heirat den Palast zu seiner Londoner Basis machen wird.

Eines der eindrücklichsten Bilder der jüngsten royalen Geschichte war, wie die jungen Prinzen hinter dem Sarg ihrer Mutter zur Abdankung in der Westminster Abbey schritten. Jetzt richtet sich das Augenmerk erneut auf die Abtei – diesmal in gespannter Erwartung der königlichen Hochzeit.

Zwischen Andacht und Plastiksouvenirs

«Königliche Hochzeiten sind unsere Spezialität», verkündet der Küster, der uns durch die Abtei führt. William und Kate hätten die Westminster Abbey wegen ihrer Schönheit, wegen der intimen Atmosphäre am Hochaltar und wegen ihrer 900 Jahre alten Geschichte für ihre Trauung ausgewählt. 1066 wurde mit Edward the Confessor der erste von 17 Königen hier begraben. Wilhelm der Eroberer war der erste von 38 Monarchen, die hier gekrönt wurden – unter ihnen auch Elizabeth II.

In Westminster Abbey kann man die mächtigen Steinmauern bestaunen, die gotischen Bögen, die italienischen Fussbodenmosaike, herrlich bemalte Seitenkapellen und Kunstwerke wie den Krönungsstuhl. Niemals vergessen lässt einen die Abtei, dass sie ein Platz der Andacht ist. Jede Stunde werden die Besucher aufgefordert, eine Besinnungspause einzulegen. Weltlich gestimmte Gäste können sich am Ende immer noch im Souvenirladen verlustieren, der vollgestopft ist mit Bildern, Postkarten, Büchern und königlichen Memorabilien. Zurzeit natürlich vor allem mit Produkten, die Prinz William zum Gegenstand haben – und seine Braut, die künftige Prinzessin Catherine.

Erstellt: 17.03.2011, 11:08 Uhr

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