Angewidert vom «von»

Die linke deutsche Publizistin Jutta Ditfurth rechnet mit ihren Vorfahren ab, die so adelig wie antisemitisch waren.

Möchte mit der Legende aufräumen, der deutsche Adel habe Adolf Hitler abgelehnt: Publizistin Jutta Ditfurth. Foto: Horst Galuschka (imago)

Möchte mit der Legende aufräumen, der deutsche Adel habe Adolf Hitler abgelehnt: Publizistin Jutta Ditfurth. Foto: Horst Galuschka (imago)

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Jutta Ditfurth, 68-jährige Mitgründerin der deutschen Grünen, heisst eigentlich Jutta Gerta Armgard von Ditfurth. Sie wuchs im Adelsmilieu auf, an Familienfesten schwärmten ältere Verwandte vom Kaiser und verlorenen Landgütern im Osten.

Dieses elitäre Weltbild stiess die junge Frau ab. Politisiert durch die 68er, strich sie das «von» aus ihrem Namen und entwickelte sich zu einer kontroversen linksökologischen Aktivistin. Warum sie ihre Verwandtschaft ablehnt, zeigt ein gerade im «Spiegel» erschienener Text, der auf ein Buch von ihr zurückgeht («Der Baron, die Juden und die Nazis»). Ditfurth schildert die antisemitischen Einstellungen ihrer Vorfahren und deren Verstrickungen mit den Nazis. Damit möchte sie auch mit der Legende aufräumen, der deutsche Adel habe Adolf Hitler abgelehnt.

«Meine Verwandten verabscheuten die Juden»

Nur in den seltensten Fällen würden deutsche Adelsfamilien ihre Archive öffnen, schreibt Ditfurth. «Sie wissen warum.» Als Adelstochter bekam sie selber einen tiefen Einblick. Nach dem Mauerfall 1989 besuchte sie ehemalige Familiengüter in Sachsen, Thüringen und Pommern. Sie sichtete Briefe, Tagebücher, Fotos, spürte Material in staatlichen Archiven auf. Ihr Fazit: «Alle unter meinen Hunderten Verwandten – bis auf den einen, der in der Familie verachtet wurde – verabscheuten die Juden und bauten mit am ‹Tausendjährigen Reich›.»

Bei den Nazis seien die einflussreichen Adligen willkommen gewesen.

Zum Beispiel Freiherr Börries von Münchhausen, Ditfurths Urgrossonkel. Der Dichter beklagte sich über die «Verjudung unseres Volkes» und half dabei, die Akademie der Künste in Berlin von Juden wie Alfred Döblin zu säubern. Eine Urgrosstante empörte sich beim Urlaub im Schwarzwald über «Schieber und Juden». Andere Verwandte machten lieber Ferien auf jenen Nordseeinseln, die als «judenfrei» galten. Mehrere von Ditfurths Vorfahren gehörten während der Weimarer Republik rechtsradikalen Gruppen an. Typisch für ihr Milieu. Ab 1925 gab es ein Register «reinblütigen Adels». Bei den Nazis seien die einflussreichen Adligen willkommen gewesen, schreibt Ditfurth.

Vorwürfe, sie schmeisse «braunen Dreck» auf ihre Familie, kümmern sie nicht. Vielmehr bemängelt sie die Berichterstattung über den deutschen Adel. Man schildere dessen Privatleben und «Schrullen». «Der Judenhass, die Demokratiefeindlichkeit und die Kriegsverbrechen» dieser deutschen Elite würden verschwiegen.

Sie übt auch Kritik innerhalb der grünen Bewegung

Ditfurth, die sich als Radikalökologin und Feministin beschreibt, gehört zu den Kompromisslosen unter den deutschen Alt-68ern. Die einen nennen sie fundamentalistisch und linksextrem, andere loben sie als unbeugsam. Seit den 1970er-Jahren hat sie verschiedene Bewegungen mitgeprägt, unter anderem die Grünen. 1991 trat sie aus. Die Partei habe die eigenen Prinzipien verraten. Auch innerhalb der grünen Bewegung wehrte sie sich gegen aus ihrer Sicht antisemitische Strömungen. Gerade hat sie der Klimagruppe Extinction Rebellion vorgeworfen, mit der Verwendung eines Kraken ein antisemitisches Symbol aufzuwärmen.

Ditfurth hat über ein Dutzend Bücher geschrieben und sitzt für die Kleinpartei ÖkoLinX im Frankfurter Stadtparlament. Ihr «von» wird sie wohl nie mehr zurückwollen.

Erstellt: 27.11.2019, 21:39 Uhr

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