Applaus hier, Prügel dort

Der russische Teenager Nikolai Desjatnitschenko stellte sich nach seiner Rede im Bundestag anlässlich des Volkstrauertages in seiner Heimat ins Abseits.

«Ich verstehe nicht, was passiert ist»: Nikolai Desjatnitschenko steht nun unter Personenschutz. Bild: Screenshot/Das Erste

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Die Reise nach Berlin war weit für Nikolai Desjatnitschenko, der im russischen Nowy Urengoi aufs Gymnasium geht, eine Stadt mit 100'000 Einwohnern ganz im Norden Sibiriens. Der Ort existiert überhaupt nur, weil es dort viel Gas gibt.

Doch Nikolai kam nicht deswegen nach Berlin, sondern wegen des Zweiten Weltkriegs, der seinem Land so viel Leid gebracht hatte. Am Volkstrauertag letzten Sonntag war der Junge in den Deutschen Bundestag eingeladen. Zusammen mit drei deutschen Teenagern und zwei Mädchen aus Russland. Die Deutschen sprachen über das Schicksal dreier Rotarmisten, die Russen über drei Soldaten der Wehrmacht.

Der Junge aus Sibirien erzählte die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Georg Johann Rau, der die Schlacht von Stalingrad überlebte und dann in Kriegsgefangenschaft geriet. 1943 sei er «an den schweren Haftbedingungen» im Lager Beketowka bei Stalingrad gestorben, er war 21 Jahre alt. Raus Familie habe erst letztes Jahr erfahren, was aus ihm geworden sei. Die Geschichte habe ihn bewegt, sagt Desjatnitschenko. Er habe den Ort besucht, an dem Rau begraben worden sei. «Ich habe die Gräber unschuldiger Menschen gesehen, unter denen viele einfach nur in Frieden leben und nicht Krieg führen wollten.»

Personenschutz dringend nötig

In Berlin gabs für die ergreifenden Worte Applaus, doch zu Hause in Russland lösten sie einen Sturm der Empörung aus. Insbesondere der Satz über die «unschuldigen Opfer», aber auch die Reise des Jungen auf das Grabfeld wurden scharf kritisiert. Nikolai sollte man verprügeln, verbrennen, aus dem Land werfen, er werde keine ruhige Minute mehr haben in Russland, rauschte es durch die sozialen Medien. Er sei ein Faschist und rechtfertige den Nationalsozialismus. Der Junge habe Opfer und Täter durcheinandergebracht, kritisierte ein Historiker im nationalen Fernsehen.

Die Reise nach Berlin sei eine «Mission des Friedens» gewesen, verteidigte ihn seine verzweifelte Mutter. Ihr Sohn wisse, was der Krieg für Russland bedeute, seine Urgrosseltern hätten gekämpft und gelitten. Ihre Familie habe immer die Veteranen geehrt und an den Paraden zum Tag des Sieges teilgenommen. «Ich verstehe nicht, was passiert ist», sagte der Junge selber nach seiner Rückkehr nach Hause. Er steht jetzt unter Personenschutz.

Wladimir Putin versucht via seinen Sprecher, die Wogen zu glätten: Nikolai habe bestimmt nichts Böses im Schilde geführt. Und der Bürgermeister von Nowy Urengoi beteuerte, in seiner Stadt seien alle jungen Leute Patrioten. Doch es half nichts. Staatsanwaltschaft, Erziehungsbehörden und sogar der Geheimdienst haben Untersuchungen eingeleitet. Nikolai Desjatnitschenko sei noch ein Kind, deshalb müssten die wahren Schuldigen in seiner Stadt und in seiner Schule gesucht werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 19:07 Uhr

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