Auftritt Epstein: Jeans, offenes Hemd, Slipper – ein Alphatier

Ein Abend in New York, Jeffrey Epstein hat geladen. Im Knast ein paar Meilen entfernt wird er sterben. Über einen Multimillionär, seinen Tod und die USA.

Gern gesehener Gast: Jeffrey Epstein, hier bei der Lancierung des Magazins «Radar» im Mai 2005 in New York. Foto: Getty Images

Gern gesehener Gast: Jeffrey Epstein, hier bei der Lancierung des Magazins «Radar» im Mai 2005 in New York. Foto: Getty Images

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Gefängnisse sind nie gute Orte, aber das Metropolitan Correctional Center (MCC) in New York, in dem das Leben des Investors und wegen Mädchenhandels und Vergewaltigung verhafteten Jeffrey Ep­stein vor einer Woche endete, ist ein besonders mieser Ort. Sie nennen es das «Kakerlaken-Motel».

Im MCC hat Jeffrey Epstein, der ein Leben in Luxus führte, der Immobilien in New York und Palm Beach, Florida, und Paris besass, eine Ranch in New Mexiko und eine Karibikinsel, seine letzten Wochen verbracht, nachdem er am 6. Juli festgenommen worden war. In dieser finsteren Burg endete nach 66 Jahren ein Leben, das bürgerlich begonnen hatte, dann bis in die höchsten Sphären der amerikanischen Gesellschaft führte und schliesslich in Abgründe, die nun das ganze Land beschäftigen.

Sein Tod hinterlässt viele Rätsel. Wie konnte einer, der schon einmal wegen Verführung Minderjähriger im Gefängnis gesessen hatte, einer, der nie erklärt hatte, wie er zu seinem Vermögen gekommen war, so lange seinen Platz bei den oberen Zehntausend halten?

Die Party an bester Lage

Es wird etwas klarer, wenn man diese Geschichte in dem Herrschaftshaus mit der Adresse 9 East 71st Street beginnt, nur wenige Schritte vom Central Park entfernt. Wert der Adresse: 77 Millionen Dollar. 1996 war das Haus ein Geschenk des Milliardärs Leslie H. Wexner an seinen Schützling Epstein.

Eingang zu Jeffrey Epsteins Haus am Central Park in New York. Foto: Keystone

An einem Abend vor gut zehn Jahren fand hier ein Galadiner statt. Die besten Wissenschaftler hatte Epstein geladen. Hatte man als Reporter das Glück, als «Plus One» dazuzustossen, also als namenloser Gast eines Gastes, so fand man sich im Speisesaal im ersten Stock auf einem eilig dazu platzierten Stuhl an einem Tisch wieder, an dem der einzige Gast ohne Nobelpreis (neben dem Reporter) Marvin Minsky war, der «Vater der künstlichen Intelligenz».

Schon die Ankunft war einschüchternd. Der Eingang des Hauses ist ein zwei Stockwerke hohes Tor mit Flügeln. Über eine breite Treppe ging es nach oben, wo einen Ghislaine empfing, an deren Seite eine junge Assistentin die Namen der Gäste auf einer Liste abzeichnete. Ghislaine Maxwell, Tochter des unter mysteriösen Umständen umgekommenen britischen Verlegers Robert Maxwell, Epsteins ehemalige Geliebte, die sein Leben immer noch gut im Griff zu haben schien.

Für die Wissenschaftler war er ein Gönner aus einer Welt, die sie nur aus Geschichten kannten.

Auftritt Epstein. Jeans, offenes Hemd, Slipper. Freundlich schritt er von Tisch zu Tisch, ein Hüne, das silberne Haar in Wellen, kantiger Kiefer. Ein Alphatier, wie man es aus der Werbung für amerikanische Herrenmode von Ralph Lauren oder Tommy Hilfiger kennt.

Für die Wissenschaftler war er ein Gönner aus einer Welt, die sie nur aus Geschichten kannten. Hätten die Wissenschaftler ahnen können, dass Jeffrey Epstein in seinen Villen und Anwesen minderjährige Mädchen zu bezahltem Sex drängte? Die er mit Reichtum blendete und sie in Abhängigkeiten trieb?

Aussagen von über 50 Mädchen

Einer, der Epstein hin und wieder besuchte, erzählt, dieser habe die Welten immer streng getrennt. Einmal habe Epstein ein Abendessen für einen Kreis prominenter Wissenschaftler gegeben. Punkt neun sei der Abend sehr rasch zu Ende gewesen. Verwundert seien sie alle auf der Strasse gestanden. Am übernächsten Tag lasen sie in der Zeitung, dass Epstein an jenem Abend noch eine rauschende Party mit Prince Andrew gefeiert habe, dem Problemprinzen aus London.

Wie viel Geld hatte Epstein in die Forschung gesteckt? Auch das weiss niemand. Seit seiner zweiten Verhaftung kamen immer neue Universitäten, die meldeten, das versprochene Geld sei nie angekommen.

Über 50 Mädchen hatten gegenüber der Polizei in Florida ausgesagt, Epstein habe sie in seiner Villa missbraucht. Manche waren erst 14. Ein einziger Fall kam vor Gericht. Der Staatsanwalt hiess Alexander Acosta, er wurde später von Donald Trump zum Arbeitsminister berufen. Anwalt Dershowitz sorgte dafür, dass der Richter Gnade walten liess. 18 Monate bekam Epstein. Sechs Tage die Woche durfte er zwölf Stunden lang in sein Büro. Nach 13 Monaten: Entlassen wegen guter Führung.

Er verfügte über ein Telefonbuch, in dem die Nummern von sehr vielen, sehr wichtigen Menschen verzeichnet waren.

Fall wie Urteil galten als Skandal. Aber jeder schreit ja heute ständig «Skandal». Also wurde alles bald vergessen. Den Krimiautor James Patterson regte die Sache in seiner Nachbarschaft am Strand von Florida allerdings nachhaltiger auf. Erst hiess es, Patterson wolle einen Schlüsselroman schreiben. Daraus wurde nichts. Aber ein Sachbuch schrieb er – «Filthy Rich», zu Deutsch «Ekelhaft reich», erschienen im Oktober 2016, einen Monat vor der Wahl Trumps. Allerdings ohne die Spur zu den ganz Mächtigen. Seitenweise stehen da die Vernehmungsprotokolle der Mädchen, die detailliert beschreiben, wie sie Epstein verführte, was sie zu tun hatten. Es ist das deprimierende Dokument der Gier eines Mannes, der glaubt, das Gesetz gelte nicht für ihn.

Epsteins Villa in Palm Beach, Florida. Foto: Keystone

Fast hätte das Privileg über das Recht gesiegt. Doch am 6. Juli 2019 nahm die Saga in New Jersey eine Wende. Epstein war, aus Paris kommend, im Gulf­stream gelandet. Vom Jet ging es dann mit der Polizei direkt ins MCC. Sein Gesuch, gegen Zahlung einer immensen Kaution zumindest vorübergehend draussen zu bleiben, lehnte der zuständige Richter ab. Von diesem Zeitpunkt an dürfte Ep­stein klar gewesen sein, dass er sein altes Leben für immer gegen ein neues Leben im Knast eingetauscht hatte. Es drohten 45 Jahre Haft.

Am Samstagmorgen wurde Epstein erhängt in seiner Zelle gefunden, es gibt keinerlei Indizien dafür, dass es sich nicht um einen Suizid gehandelt hat. Weil Epstein aber mit der High Society verbandelt war, weil er die Clintons ebenso kannte wie die Trumps, weil er über ein Telefonbuch verfügte, in dem die Nummern von sehr, sehr vielen, sehr, sehr wichtigen Menschen verzeichnet waren, kursieren nun die Verschwörungstheorien.

Hatten nicht doch viele seiner Freunde und Bekannten gewusst, dass Epstein sich Minderjährige zuführen liess? Hatten sie vielleicht selber Sex mit Minderjährigen, weil, wie manche Opfer aussagen, Epstein das als Service für seine Freunde angeboten hatte?

Frauen aus dem «jüngeren Sektor»

Bill Clinton liess vermelden, er habe niemals etwas von Epsteins illegalen Aktivitäten mit Minderjährigen gewusst. Er habe Epstein als Philanthropen geschätzt. Seit mehr als einem Jahrzehnt habe es keinen Kontakt gegeben. Allerdings ist Clintons Ruf, was den Umgang mit Frauen angeht, alles andere als einwandfrei. Daher kursieren im Internet nun ernst gemeinte Gerüchte, die Clintons könnten hinter dem Tod von Ep­stein stecken. Donald Trump hat in seinem Hass auf die Clintons jetzt einen Tweet des Schauspielers Terrence Williams verbreitet, der den Clintons die Schuld am Tod von Epstein zuweist.

In diesem Fall geht es, wie so oft bei Trump, um Ablenkung. Er war mit Ep­stein bekannt. 2002 veröffentlichte das «New York Magazine» ein Porträt von Epstein, und der Reporter, Landon Thomas, hatte sich dafür unter reichen New Yorkern umgehört. «Ich kenne Jeff seit 15 Jahren», zitiert er Donald Trump, «es macht Spass, mit ihm auszugehen. Es heisst, er mag schöne Frauen so sehr wie ich, und viele sind eher im jüngeren Sektor.» Trump mochte immer jüngere Frauen, aber nichts deutet darauf hin, dass er mit dem «jüngeren Sektor» auf Minderjährige rekurrierte.

Während manche Rechte glauben, es waren definitiv die Clintons, auf deren Geheiss Epstein getötet wurde, gibt es nun Linke, die glauben, es waren Trump und seine Leute, die Epstein haben erledigen lassen. Beide Gruppen bepöbeln einander nun innerhalb ihrer Filterblase aus Hass.

Die Tellerwäscher-Karriere

Dabei begann diese Psychogeschichte so schön. Jeffrey Epstein, Sohn einer Schulhilfe und eines Gärtners aus Brooklyn. Musterschüler. Er studiert Mathematik, allerdings nicht zu Ende, er arbeitet eine Weile als Lehrer, dann wird er Dealer an der Wallstreet. Er gründet seine eigene Firma. Epsteins einziger Klient: der Milliardär Leslie Wexner, Chef der Firma L Brands, zu der unter anderem die Unterwäschekette Victoria’s Secret gehört.

Wexner beschäftigt Epstein ab Mitte der Neunzigerjahre als Finanzberater. Niemand in Wexners Umfeld versteht das. Warum beschäftigt ein Milliardär einen Charmeur ohne Studienabschluss, der sonst kaum Klienten hat? Offenbar hat Wexner einen Narren an Epstein gefressen. Epstein kann im Namen des Milliardärs Immobilien kaufen, Dutzende Millionen zwischen Fonds bewegen.

Die Insel Little St. James in der Karibik gehörte zu Jeffrey Epsteins Besitztümern. Foto: Keystone

Epstein kassiert für seine Transaktionen damals Hunderte Millionen Dollar. Nachdem 2005 erstmals die Vorwürfe aufgetaucht sind, er habe Minderjährige missbraucht, dauert es weitere zwei Jahre, bis sich Wexner von ihm trennt. Wexners Anwälte haben inzwischen angedeutet, dass ihr Klient über Jahrzehnte betrogen worden sein könnte.

Es sei ein veraltetes gesellschaftliches Prinzip, dass man mit minderjährigen Mädchen keinen Sex haben dürfe, sagte Epstein.

Der amerikanische Autor James Stewart hat Anfang dieser Woche der «New York Times» von einem Treffen mit Epstein vor genau einem Jahr erzählt – am 16. August 2018. Stewart wollte über ein Engagement von Epstein bei Tesla sprechen, der Firma von Elon Musk. Aber Epstein hatte nichts über Musk zu erzählen. Stattdessen, so berichtet Stewart, habe er davon erzählt, dass es ein veraltetes gesellschaftliches Prinzip sei, dass man mit minderjährigen Mädchen keinen Sex haben dürfe. Homosexualität sei ja auch lange verpönt gewesen, sagte Epstein demnach. Was Epstein ihm aber vor allem mit auf den Weg gab: Er wisse sehr viel über andere Menschen. Er habe Informationen.

Einer der letzten Zellennachbarn von Jeffrey Epstein hiess Nicholas Tarta­glione. Ein ehemaliger New Yorker Polizist, der wegen vierfachen Mordes im MCC sitzt. Am 23. Juli war Epstein in der Zelle gefunden worden. Er hatte Male am Hals, die darauf hindeuteten, dass er versucht hatte, sich zu erhängen. Vielleicht war er auch gewürgt worden. Tartaglione sagte, er habe nichts mitbekommen. Epstein sagte, er habe auch keine Erinnerung an den Vorfall.

Danach stand Epstein unter besonderer Beobachtung: «Suicide watch» nennt sich das. Zudem bekam er einen neuen Zellengenossen. Leute, die suizidgefährdet sind, bekommen selbst in der Hölle des MCC einen Zellengenossen. Epsteins Genosse wurde am Freitagabend aber verlegt.

Und ab dann war Jeffrey Epstein nun mal lange genug allein in seiner Zelle.

Erstellt: 14.08.2019, 09:34 Uhr

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