Zum Hauptinhalt springen

Bald bleibt nur noch Erinnerung

Die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben.

MeinungAnita Winter

Vor wenigen Wochen ist Klaus Appel gestorben. Er war Uhrmacher hier in der Schweiz. Und er war ein Holocaust-Überlebender. Klaus Appel war noch ein Kind und lebte in Berlin, als sein Vater Paul (45) von den Nazi-Schergen abgeholt wurde. «Du gehst in die Schule.» Das war das Letzte, was der Vater ihm sagen konnte. Er hat ihn nie mehr gesehen. Auch sein älterer Bruder Willi-Wolf (20) wurde verhaftet und wie der Vater in Auschwitz ermordet. Klaus Appel dagegen kam mit seiner Schwester Ruth in einem der letzten Kindertransporte nach England. Das war seine Rettung. Er hat überlebt und weitergelebt, lernte eine Schweizerin kennen und gründete hier eine Familie. Aber der Schmerz, der ist geblieben.

Klaus Appel hat uns seine Geschichte kurz vor seinem Ableben erzählt. Interviews mit ihm und anderen letzten Zeitzeugen sind die Basis für die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors». Sie macht in mehreren Schweizer Städten halt. Die Menschen, die die Ausstellung besuchen, sind ergriffen, sind erschüttert. Der Holocaust wird plötzlich zu mehr als einer abstrakten Zahl von Ermordeten und Verfolgten: Die Opfer waren Menschen, und die Täter waren Menschen. Tief beeindruckt hat mich die 15-jährige Dalal, die mit einer Sekundarschule die Ausstellung besuchte: «Man darf das nie vergessen», sagte sie. «Nie vergessen, damit es nicht wieder passiert.» Die Ausstellung hat sich wegen Dalal bereits gelohnt.

Kein Selbstzweck

Der Holocaust wird so verstanden zum Mahnmal. Der Völkermord ist nicht aus dem Nichts entstanden. Zuerst wurden Menschen entwürdigt und mit Gesetzen ausgegrenzt. Aus Staatsbürgern wurden Juden, markiert mit einem gelben Stern. Davon erzählen die Überlebenden des Holocaust. Sie erinnern sich sehr genau, wie sich ein Leben innert kürzester Zeit ändern kann, wie eine Kulturnation ihre eigenen Ideale verrät und gute Nachbarn zu Mördern werden. Die letzten Holocaust-Überlebenden blicken in Trauer zurück und beobachten wach und besorgt, wie sich Intoleranz auch hier in Europa wieder breitmacht, wie sich Fremdenfeindlichkeit verbreitet und auch Antisemitismus wieder aufflackert. Auch darum erzählen sie von früher, noch einmal.

Diese Erzählungen sind schmerzhaft. Nicht nur für die Betroffenen selbst. Als Tochter von zwei Holocaust-Verfolgten weiss ich selber, wie die Konfrontation mit dem Grauen einen fordert. Mein Vater hat am 9. November 1938 als 16-Jähriger in Berlin die Reichskristallnacht erlebt, alleine, versteckt hinter einem Schrank, angsterfüllt. Am nächsten Tag ging er allein zu Fuss durch Berlins Strassen, sah die zer­stör­­ten jüdischen Kaufhäuser und Synagogen und ging in die Schweizer Botschaft. Seine Mutter war bis zu ihrer Heirat Schweizerin und verlor ihr Bürgerrecht bei der Eheschliessung mit einem Deutschen, wie es damals üblich war. So hoffte er, dass er in die Schweiz flüchten könnte, aber in der Botschaft sagte man ihm nur: «Nein, Juden wollen wir nicht.» Trotz vieler Widrigkeiten und dank dem Einsatz verschiedener Schweizer Persönlichkeiten gelang ihm schliesslich die Flucht in die Schweiz, wo er dem Schicksal von sechs Millionen europäischen Juden entging.

Ja, Menschen haben hier in der Schweiz Zuflucht gefunden. Und Menschen wurden an den Grenzen abgewiesen. Der Holocaust ist Teil der europäischen Geschichte wie auch Teil der Schweizer Geschichte. Die Schweiz hat in diesem Jahr den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. Sie möchte über den Holocaust aufklären und die Erinnerung daran bewahren. Das ist gut so. Die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» ist Teil dieser Erinnerungsarbeit. Es geht darum, sich zu erinnern, nie gleichgültig zu sein, nie zu schweigen und nie zu vergessen. Nie.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch