«Jetzt wissen wir, wer der wahre Bill Cosby war»

Eine Jury hat den US-Fernsehstar Bill Cosby wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen. Er könnte den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

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Im ersten bedeutenden Strafprozess wegen sexueller Übergriffe seit Beginn der #MeToo-Bewegung ist US-Entertainer Bill Cosby schuldig gesprochen worden. Die Jury entschied in allen drei Fällen, in denen Cosby schwere sexuelle Nötigung vorgeworfen wurde, auf schuldig.

Das bestätigte die Staatsanwaltschaft im Montgomery County am Donnerstag. Damit droht dem 80 Jahre alten Cosby eine zehnjährige Haftstrafe – er könnte den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Das Strafmass für Cosby wird zu einem späteren Zeitpunkt verkündet.

Vor rund zehn Monaten war ein erster Prozess geplatzt, weil die damalige Jury sich auch nach tagelangen Beratungen nicht hatte einigen können. Beide Male ging es um die Frage, ob Cosby 2004 die aus Kanada stammende frühere Universitätsangestellte Andrea Constand mit Tabletten hilflos gemacht und dann sexuell genötigt hatte.

Opfer war bewusstlos

Ein erster Prozess gegen Cosby im Fall Constand war im Juni geplatzt, nachdem sich die Geschworenen nach 52-stündigen Beratungen nicht auf ein Urteil einigen konnten. Die aktuelle Jury hatte an zwei Tagen insgesamt mehr als 14 Stunden lang beraten. Sie befand Cosby in allen drei Anklagepunkten für schuldig: Penetration ohne Einwilligung, bei Bewusstlosigkeit des Opfers und nach der Verabreichung von Medikamenten. Die Höchststrafe dafür sind jeweils zehn Jahre Gefängnis.

Die 45-jährige Kanadierin befand sich bei der Verlesung des Urteils im Gerichtssaal. Cosby hörte sich das Urteil schweigend an und machte dann seinem Ärger in einer Schimpftirade Luft. Sein Anwalt Meserau zeigte sich «sehr, sehr enttäuscht» und kündigte Berufung an. «Der Kampf ist noch nicht vorbei», sagte er.

Könnte jetzt womöglich den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen: Der frühere TV-Star Bill Cosby ist des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden worden. (Video: Tamedia/AFP)

Kaum Reaktion auf das Urteil

«Dies war ein ausserordentlich schwieriger Fall», sagte Richter Steven O'Neill am Donnerstag und dankte den Geschworenen für ihre Arbeit. Rund 13 Stunden brauchte die zwölfköpfige Jury seit ihren Beratungen am Mittwoch, um in dem neu aufgerollten Prozess eine Entscheidung zu treffen.

Cosby zeigte erst kaum Reaktionen auf das Urteil und starrte mürrisch wirkend auf den Tisch im Saal vor ihm, berichtete der «Philadelphia Inquirer». Anschliessend machte er seinem Ärger in einer Schimpftirade Luft.

Die in der ersten Reihe sitzende Klägerin Constand blickte geradeaus, ohne Regung zu zeigen. Andere Frauen, die Cosby sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten, seufzten oder schluchzten laut und wurden aus dem Saal gebracht.

Vorerst auf freiem Fuss

Eindeutig beendet scheint das lange juristische Gezerre um Cosbys Schicksal noch nicht. «Wir glauben nicht, dass Herr Cosby wegen irgendetwas schuldig ist. Der Kampf ist nicht beendet», sagte sein Anwalt Tom Mesereau, der 2005 Superstar Michael Jackson erfolgreich gegen den Vorwurf des Kindesmissbrauchs verteidigt hatte. Cosby blieb gegen eine Million Dollar Kaution vorerst auf freiem Fuss. Cosby hatte die Vorwürfe immer zurückgewiesen. Er selbst hatte in beiden Prozessen nicht ausgesagt, aber über seine Anwälte mitteilen lassen, die Vorgänge seien einvernehmlich gewesen. In einer aussergerichtlichen Einigung wenige Monate nach dem Vorfall hatte er Constand bereits mehr als drei Millionen Dollar gezahlt.

Cosbys Verteidigung hatte Constand als Trickbetrügerin dargestellt, die es auf das Geld des Entertainers abgesehen hatte.

Dagegen zeigte sich der Staatsanwalt Kevin Steele hoch erfreut. «Heute können wir endlich sagen, dass der Gerechtigkeit genüge getan wurde», sagte er in einer Pressekonferenz an der Seite von Constand. Er hoffe, das Urteil sende eine «starke Botschaft» an alle Missbrauchsopfer, dass sie solche Verbrechen anzeigen sollten. Cosby sei «zu lange» straffrei geblieben. «Er nutzte seine Prominenz. Er nutzte seinen Wohlstand, sein Netzwerk aus Unterstützern, um seine Verbrechen zu vertuschen. Jetzt wissen wir, wer der wahre Bill Cosby war.»

Insgesamt haben bislang mehr als 50 Frauen Cosby öffentlich sexuelle Belästigung vorgeworfen, die meisten Fälle sind verjährt.

Debatte über sexuelle Übergriffe

Cosby wurde in den USA jahrzehntelang als «America's Dad» verehrt. In der Rolle als liebenswürdiger Arzt und gutmütiger Familienvater in seiner «Cosby Show» war er einer der beliebtesten TV-Stars des Landes. Doch die meisten Kollegen aus dem Showbusiness wandten sich zuletzt von ihm ab.

Unter den Schlagworten #MeToo und #TimesUp findet in den USA seit einem halben Jahr eine Debatte über sexuelle Übergriffe statt. Die Bewegung begann mit Enthüllungen über Filmproduzent Harvey Weinstein im Herbst 2017 - die Entscheidung, Cosby anzuklagen, fiel in beiden seiner Prozesse schon vorher.

Als mächtiger Schauspieler und Comedian wurde Cosby aber dennoch zum Symbol einer Entertainment-Kultur, in der einflussreiche Männer ihre Machtposition ausnutzen, um Frauen zu belästigen, zu nötigen und zu vergewaltigen. «Bill Cosby hat verloren. #MeToo hat gewonnen», schrieb die Website «Vox» zum Urteil. (nag/sda/afp)

Erstellt: 27.04.2018, 07:36 Uhr

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