Bussen und sogar Gefängnis sind ihr egal

Chelsea Manning weigert sich, gegen Julian Assange auszusagen. Dabei würde ihr das niemand übel nehmen.

Die USA verurteilten sie zu 35 Jahren Haft: Chelsea Manning. Foto: AP/Keystone

Die USA verurteilten sie zu 35 Jahren Haft: Chelsea Manning. Foto: AP/Keystone

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Sie steht zu ihren Prinzipien: Chelsea Manning will nicht gegen Julian Assange antreten, der von ihr Hunderttausende geheime Dokumente der US-Armee erhielt und im Mai 2010 über seinen Kanal Wikileaks ver­öffentlichte. Chelsea Manning, die damals noch Bradley hiess und ein Mann war, hatte als Nachrichten­analystin Zugang zu streng geheimen Dokumenten gehabt. Viele davon schockierten sie. Sie belegten Erschiessungen von Journalisten und Zivilisten, Hunderte von Folterungen und andere Gräuel, welche die US-Armee im Irak und in Afghanistan verübt hatte.

Statt sich der Kritik zu stellen, machten die USA Manning den Prozess und verurteilten sie zu 35 Jahren Haft. Zuvor war sie unter folterähnlichen Haftbedingungen festgehalten und systematisch gedemütigt worden. Wie schwer sie die Haft auch später belastete, darauf deuten ihre beiden Suizidversuche hin.

Immerhin erreichte ihr Leiden die Öffentlichkeit und brachte Präsident Barack Obama in Bedrängnis. Zwar erwies sich der brillante Jurist, wie schon bei Edward Snowden, als strikter Legalist: Manning habe «gegen das Gesetz verstossen», sagte er – was natürlich stimmt, aber die Frage übergeht, aus welchen Motiven der Gesetzesbruch erfolgt war. Dennoch beschloss Obama, wohl auch wegen des anhaltenden öffentlichen Drucks, Manning an seinem letzten Amtstag zu begnadigen; so kam sie nach sieben Jahren Haft frei.

«Ich würde lieber verhungern, als meine Meinung in dieser Hinsicht zu ändern.»Zitat von Chelsea Manning in der «Washington Post»

Schon im März musste sie erneut ins Gefängnis. Manning hatte sich geweigert, vor der Grand Jury eines Gerichts gegen Assange auszusagen, einem Geschworenengremium mit weitreichenden Ermittlungsvollmachten. Sie akzeptiert das Gremium schon deshalb nicht, weil es ohne Richter und abseits der Öffentlichkeit operiert. Sie gab trotz der Beugehaft nicht nach. Nun sitzt sie seit gestern wieder in Beugehaft. Wie lange sie diesmal gefangen bleibt, steht offen.

Dass sie dabei Assange schützt, ist umso bemerkenswerter, als dieser in den USA mittlerweile ebenso viele Feinde hat wie sie selber. Der australische Hacker veröffentlichte bei der Wahl von Donald Trump vertrauliche Daten über Hillary Clinton, die russische Hacker ihm zugespielt hatten. Zuletzt wurde immer deutlicher, dass es ihm mehr um den eigenen Auftritt ging als um die Aufklärung der Öffentlichkeit.

Hohe Geldstrafen von bis zu 1000 Dollar pro Tag

Wie verhasst auch Chelsea Manning bleibt, zeigen die zahlreichen Todesdrohungen gegen sie. Die Aktivistin, die in Manhattan wohnt, kann nicht ohne Personenschutz auf die Strasse. Aber weder die Beugehaft noch die Androhung hoher Geldstrafen von 500 und später 1000 Dollar pro Tag können sie von ihren Überzeugungen abbringen. «Ich würde lieber verhungern, als meine Meinung in dieser Hinsicht zu ändern», zitiert die «Washington Post» sie.

Die 31-Jährige hatte ein schweres Leben von Anfang an. Ihre Eltern waren Alkoholiker, die ihre Kinder wochenlang allein liessen. Schon als Kind hatte Chelsea sich als Mädchen gefühlt und war an der Schule gemobbt worden. Der Druck auf sie scheint das Gegenteil seiner erhofften Wirkung zu erreichen: Statt sich zu ducken, begehrt sie auf.

Erstellt: 17.05.2019, 21:52 Uhr

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