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Das fliegende Auge

Ausgerechnet ein Schweizer Flachländer hat die globale Bergwelt fotografisch mitgeprägt: Robert Bösch. Nun hat der 64-jährige Zürcher sein Opus Magnum herausgebracht.

«Der Gegensatz – unten ruhig, harmonisch, weiss; oben hart, stürmisch schwarz – macht das Bild spannend. Und die Tourengeher, die aus dem Nichts auftauchen»: Robert Bösch über sein eigenes Werk. Bild: Robert Bösch
«Der Gegensatz – unten ruhig, harmonisch, weiss; oben hart, stürmisch schwarz – macht das Bild spannend. Und die Tourengeher, die aus dem Nichts auftauchen»: Robert Bösch über sein eigenes Werk. Bild: Robert Bösch

Der Titel gibt die Richtung vor: «Mountains» heisst der neuste Bildband des Schweizers Robert Bösch; das englische Wort für Berge. An deutsche oder gar Schweizer Grenzen denkt der Fotograf von internationalem Renommee nicht. Sein Freiluftbüro ist die Welt – und Bösch seit nunmehr 40 Jahren auf allen Kontinenten in ihm unterwegs. Dass der studierte Geograf und Bergführer selbst ein agiler Felskletterer und Höhenbergsteiger war, hat seiner Arbeit eine zusätzliche Dimension verliehen. Wobei es in seiner neusten Arbeit, einer Art Vermächtnis, gerade nicht um den Bergsteiger Bösch geht. Es ist das Werk des Fotografen und doch auch ein wenig des Sportlers.

«Landschaftsbilder sind aus dem Zusammenhang gerissene Zitate.»

Robert Bösch, Fotograf

Denn Bösch jagt seine Bilder, ist stets auf der Suche nach dem perfekten Schuss, steht im Wettbewerb mit sich selbst, aus einer gegebenen Situation etwas Ungesehenes zu kreieren. Bösch sagt:«Landschaftsfotografie ist für mich die Kunst des Bilder-Sehens. Wir sehen ja keine Bilder, wir sehen immer das Ganze. Während der Maler sein Viereck mit Farbe allmählich zu einem Bild gestaltet, indem er hinzufügt, gestalte ich als Fotograf das Bild umgekehrt, indem ich weglasse. Im Moment des Auslösens wird das Bild aus der Welt geschnitten. Landschaftsbilder sind aus dem Zusammenhang gerissene Zitate.» Für Redaktion Tamedia hat Bösch drei Fotografien seines neuen Buchs ausgewählt und kommentiert.

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Grat im Langtang, Nepal

Bild: Robert Boesch
Bild: Robert Boesch

«Solche Bilder liebe ich, solche Bilder suche ich: abstrakte Landschafts-formen», beschreibt Robert Bösch diese Aufnahme in Nepal. Aufgenommen ist das Bild aus einem Helikopter – und zwar genau dieser Ausschnitt. Seit Bösch als junger Mann die Kamera entdeckte, hat er stets nach einem Credo gehandelt: Das Bild entsteht im Moment des Auslösens, nicht danach am Computer. Er sei quasi in der Zeit der Dias stecken geblieben, sagt Bösch dazu ironisch. «Dieses Auge für den Ausschnitt und vor allem dieses Gefühl für den passenden Augenblick, den Auslöser zu drücken, habe ich mir über die Jahre erst erarbeiten müssen», sagt Bösch. «Es bedeutet aber auch, dass nicht alles immer gelingt.»

Er ging über all die Jahre konsequent autodidaktisch vor. Robert Böschs Lehrmeister war immer Bösch, Vorbilder hat er keine, den Austausch mit Berufskollegen meidet er – um möglichst nicht in Gefahr zu geraten, Bilder zu kopieren. Denn Bösch hat immer diesen unabhängigen Blick gesucht und eine eigene Bildsprache finden wollen. Obschon er sich dabei ständig in den Bergen, auch auf den höchsten Gipfeln der Welt bewegte, hielt er sich stets daran, möglichst wenig Risiko einzugehen. «Als Bergsteiger musst du etwas riskieren, als Fotograf habe ich es möglichst zu vermeiden versucht.»

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Ueli Steck auf dem Peuterey-Grat, Mont Blanc, Italien

Bild: Robert Boesch
Bild: Robert Boesch

«Für einen Grossen wie Ueli war diese Passage am längsten Grat der Alpen technisch nicht schwierig. Man spürt auf dem Bild, mit welcher Sicherheit und Leichtigkeit er in diesem Gelände unterwegs war. Speziell macht das Bild nicht nur die Exponiertheit des Felsgrates, sondern auch die Wolkenformation: symmetrisch und dramatisch», sagt Bösch zu dieser Aufnahme aus dem Helikopter. Er begleitete den im April 2017 tödlich verunfallten Extrembergsteiger seit dessen Anfängen – erst als Fotograf und dann auch als Freund. «Dank meiner Bilder wurde Ueli in der Öffentlichkeit vermutlich ein wenig schneller bekannt. Aber ein Athlet seines Formats hätte es auch ohne mein Wirken geschafft.»

Bösch hat neben Steck mit vielen Extremsportlern gearbeitet. Dabei ermahnt er sie stets, niemals über ihr Limit zu gehen. Er fordert von ihnen in der gemeinsamen Arbeit eine Sicherheitsmarge, gerade bei jungen, wilden Athleten. Dass es während seiner Shootings nie zu einemgrösseren Zwischenfall kam, bezeichnet er als eine seiner grössten Befriedigungen als «Actionfotograf». In dieser Disziplin zählt er zu den Vor-reitern. Denn Bösch hatte das Glück, quasi in den Anfängen dieser neuen Generation an Felsabenteurern oder Luftakrobaten mit ihren Gleitschirmen gross zu werden. Er wuchs so als junger Fotograf mit ihnen und half mit, einen neuen Beruf zu kreieren. Bösch hat sich darum immer als Landschafts- wie Actionfotograf verstanden, um in den besten Arbeiten – wie in diesem Buch – beide Welten verbinden zu können.

Übrigens: Steck benötigte für seine Solobegehung des Peuterey-Grats vom Val Vene nach Chamonix 19 Stunden, Normalos sind Tage unterwegs.

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Piz Julier, Schweiz

Bild: Robert Boesch
Bild: Robert Boesch

«Der Gegensatz – unten ruhig, harmonisch, weiss; oben hart, stürmisch schwarz – macht das Bild spannend. Und die Tourengeher, die aus dem Nichts auftauchen.» Bösch arbeitete an jenem Tag an einem anderen Thema, als er, der Bilderjäger, diese Situation erblickte und sie verewigte. Es ist das beste Beispiel für seine in der Einleitung erwähnte Vorgehensweise: Bösch provoziert die Bilder. «Ich schätze es nicht besonders, lange am gleichen Ort zu sitzen und zu warten, bis irgendwann vielleicht irgendetwas passiert. «Ich suche meine Bilder – und liebe diese Suche, sie ist spannend.»

Obschon er seine Bilder inhaltlich nicht bearbeitet, erlaubt er sich einen Eingriff: die Welt in Schwarzweiss zu zeigen. Er sagt dazu: «Schwarzweiss ist in der Fotografie etabliert und gewissermassen ehrlich, weil offensichtlich.» Bösch ist kein Verklärer der analogen Technologie. Dass er Fotos sofort betrachten und beim nächsten Versuch nach dem für ihn gesuchten Bild nachjustieren kann, empfindet er als Vorteil. «Mit der Digitaltechnik ist die Fotografie einfacher geworden. Entsprechend gibt es viel mehr gute Bilder. Umso schwieriger ist es geworden, Spezielles zu schaffen.» – Auch diese Facette seiner Arbeit hat ihn zu «Mountains» inspiriert.

Robert Bösch: Mountains, National-Geographic-Verlag, 336 S., ca. 129 Fr.Bildhalle Zürich: Teile von Böschs Arbeit sind ab dem 22. November ausgestellt.

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