Der Engel kehrt in die Hölle zurück

Fast vier Jahre sass sie im Gefängnis, ihr Prozess verkam zum Medienspektakel: Nun ist Amanda Knox erstmals seit ihrem Freispruch wieder in Italien.

Das Interesse ist riesig: Amanda Knox bei ihrer Ankunft in Mailand. Video: AP

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Am Donnerstag beginnt im italienischen Modena eine Veranstaltung, die den etwas befremdlichen Namen «Festival der Strafjustiz» («Festival della giustizia penale») trägt. Sie widmet sich aber, soweit aus dem Programm zu erkennen ist, auch weniger spektakulären Themen: und zwar vor allem dem Verhältnis zwischen der staatlichen Gerichtsbarkeit und den Medien. Dieses hat sich vor allem durch den Einfluss der sogenannten sozialen Medien gründlich verändert. Es geht um den Justizirrtum und die Öffentlichkeit, um die amerikanische Serie «CSI» und die Bedeutung des Journalismus für die Wiederaufnahme von Verfahren.

Eine Podiumsdiskussion gilt dem «medialisierten» Strafprozess, also dem Gerichtsverfahren unter den Bedingungen grosser öffentlicher Aufmerksamkeit. Zu den Teilnehmern dieser Runde gehört eine Amerikanerin: Amanda Knox aus Seattle.

Sie war, wie man sich erinnern wird, beschuldigt worden, gemeinsam mit ihrem Liebhaber im November 2007 in einer improvisierten Wohngemeinschaft in Perugia ihre Zimmernachbarin, eine britische Kommilitonin, ermordet zu haben. Zweimal wurde sie wegen dieser Tat zu langen Haftstrafen verurteilt. Fast vier Jahre sass sie im Gefängnis. Im März 2015 wurde sie vom Obersten Kassationsgericht in Rom endgültig freigesprochen, mit dem Argument, es habe nie hinreichende Gründe für eine Anklage gegeben.

Ausgebreitet in allen Details

Vor allem in den ersten Jahren konnte sich die Öffentlichkeit über die Details eines Sexualmords informieren, über das Intimleben einer amerikanischen Gaststudentin in Europa, widersprüchliche Aussagen, gesetzeswidrig publizierte Tagebücher, rote Dessous. Der erste Staatsanwalt mutmasste ein satanisches Ritual, Amanda Knox klagte die Ermittler an, sie einer «Gehirnwäsche» unterzogen zu haben, die britische Boulevardpresse verlangte nach Rache für den Tod einer Landsmännin. Und weil die ansonsten eher verwirrt wirkende Beklagte eine junge Frau von kühler Schönheit war, trug sie bald auch einen Namen, eigens für die Medien: Von einem «Engel mit Eisaugen» war die Rede.

Von Carlo Ginzburg, dem italienischen Historiker, gibt es ein berühmtes Buch aus dem Jahr 1976 mit dem Titel «Der Käse und die Würmer», in dem er vom Leben, von der Bildung und vom eher handfesten Glauben eines Handwerkers aus dem Friaul erzählt, der sich zweimal der Inquisition stellen musste, seiner ketzerischen Anschauungen wegen, um im Jahr 1601 auf dem Scheiterhaufen zu enden. Das Augenmerk des Geschichtswissenschaftlers liegt dabei vor allem auf den Mythologien, die der Müller auf dem Weg durch die Instanzen der irdischen und göttlichen Gerichtsbarkeit ins Leben ruft, auf den Mythologien, die er selbst hervorbringt, und auf solchen, die ihm zugeschrieben werden.

Gäbe es in fünfzig oder hundert Jahren noch einen Carlo Ginzburg: Er – oder sie – fände im Fall der Amanda Knox ein unendliches Feld der wissenschaftlichen Forschung, beginnend mit den Mutmassungen der Gerichtsbarkeit («satanisches Ritual»), fortschreitend über die Erklärungsversuche der unmittelbar Beteiligten («Gehirnwäsche») bis hin zu den Versuchen der Medien, das Verbrechen in die Sphäre der Sagen und Legenden zu heben («der Engel mit den Eisaugen»). Wie kommt es, würde dieser zukünftige Carlo Ginzburg fragen, dass sich an diesen Fall so viele Mythologien heften?

In Perugia treffen Welten aufeinander

Perugia ist eine Stadt in Umbrien, die von einem weiten Bauernland umgeben ist. Sie besitzt einen geschlossenen mittelalterlichen Kern, in der es neben einer regulären Universität seit den Zwanzigern eine Universität für Ausländer gibt. Zwar bietet die Hochschule komplette Studiengänge und sogar akademische Abschlüsse an. Doch besteht der Hauptteil ihres Lehrangebots aus Sprachkursen und Einführungen in die italienische Kultur und Kunstgeschichte, woraufhin Hunderte, wenn nicht Tausende junger Menschen aus aller Welt – früher eher Briten und Amerikaner, heute eher Ostasiaten – die vermeintlichen Geheimnisse des Erwachsenwerdens in historischem Ambiente kennenlernen dürfen.

In Perugia trifft, anders gesagt, eine grosse Zahl jüngst aus der Obhut ihrer Familien entlassener Ausländer auf eine (sie eher abweisende) Kultur der italienischen Provinz, wobei die Studenten in ihrem Schatten oft einige Immigranten vor allem aus Afrika mit sich ziehen, die anderswo in der Gesellschaft keinen Halt finden: Rudy Guédé, ein kleiner Drogenhändler, geboren in der Elfenbeinküste, naturalisierter Italiener, ist der Einzige, der dauerhaft für den Mord an der Britin zur Rechenschaft gezogen wurde.

Bei einem solchermassen instabilen Milieu spricht die Ethnologie üblicherweise von einer «liminalen» Situation: von Verhältnissen also, in denen gesellschaftliche Verhältnisse so unsicher sind, dass die daraus entstehenden, möglicherweise extremen Ereignisse nicht vorhergesehen werden können. Die Folgen dieser Instabilität wirken fort: Bis heute ist nicht geklärt, was an diesem Abend im November tatsächlich geschah.

Dem Mord in der Via della Pergola gilt nicht nur die Aufmerksamkeit der grossen Medien. Er hat auch eine wissenschaftliche Literatur hervorgebracht. Es gibt mittlerweile Hunderte akademische Aufsätze, Buchkapitel und Qualifikationsarbeiten, die sich Amanda Knox widmen, in der Juristerei, in der Kommunikationstheorie, in den Kulturwissenschaften.

Sensationalismus hält Einzug in die Wissenschaften

Das mag einerseits daran liegen, dass die Wissenschaften seit geraumer Zeit gerne auch dahin gehen, wo das «Panorama», das «Vermischte» oder die «Nachrichten aus aller Welt» immer schon waren, der Demonstration von Lebensnähe und praktischem Nutzen wegen. Der Sensationalismus tritt in diesen Veröffentlichungen nicht nur, wie in den Massenmedien, mit unverhohlener Neugier auf, sondern erscheint zu Höherem berufen.

So verbindet etwa das «Harvard Journal of Law and Gender» (Band 41/2017), in Gestalt der Juraprofessorin Martha Grace Duncan (Emory University), einen Bericht von den Ereignissen in Perugia mit einer Theorie der Naivität, mit einer angeblich spezifisch italienischen doppelten Identität der Frau (Madonna und Hure), mit der Ideologie der «bella figura», die gegen das protestantische Ideal der Selbstfindung gewendet wird – und nicht zuletzt mit einer Interpretation des italienischen Rechtssystems. Dieses trachtete in einer Reform aus dem Jahr 1989, die inquisitorische Tradition des römischen Rechts mit einer Wendung zum kontradiktorischen Verfahren des angelsächsischen Rechts zu relativieren, so Duncan, stärkte dadurch aber die Position des Staatsanwalts ungemein und setzte erst recht einen Inquisitor in die Welt.

So lernte die Welt sie 2008 kennen: Amanda Knox in Perugia vor Gericht. Foto: Keystone

Zu den zahlreichen akademischen Arbeiten, die dem Verfahren gegen Amanda Knox gewidmet sind, zählt ein Artikel in der Zeitschrift «Italian Americana» (Band 31/2013) über die «bella figura» und die Unfähigkeit der amerikanischen Studentin, sich an die Ideale der italienischen Verkehrsformen anzupassen (was dann ein spezifisch italienisches Interesse an der Erniedrigung der Angeklagten begründet haben soll). Dazu gehören aber auch vergleichende Studien der amerikanischen und der italienischen Jurisdiktion, in denen immer wieder der vermeintlichen Überlegenheit der angelsächsischen Rechtsprechung entgegengetreten wird, etwa in der «McGeorge Law Review» (Band 45/2013).

Der Fall wird ferner herangezogen, um für eine Ausweitung des Kultur vergleichenden Lehrangebots in den Rechtswissenschaften zu plädieren («Journal of Legal Studies Education», Band 36/2019). Es geht um die offensive Sexualisierung der amerikanischen Studentin in den Medien (im Sammelband «Transmedia Crime Stories», London 2016), um «Figurationen der Unschuld» («Celebrity Studies», Band 5/2014) und um die «Kulturelle Konstruktion der ‹femme fatale›» (Buchveröffentlichung, London 2014).

«Madonna versus Hure»

Der Erkenntnisgewinn, der aus diesen Studien zu ziehen wäre, bleibt gering, insofern er den Fall Amanda Knox selbst betrifft. Um so produktiver erweisen sie sich im Hinblick auf die Verfertigung kulturphilosophischer Grossschimären vom Typ «Madonna versus Hure». Nicht anders als bei den Medien, aber mit existenziellem Anspruch, scheint in diesen Arbeiten ein provinzieller Historismus am Werk zu sein, der das (kontingente) Reale um jeden Preis metaphysisch auffassen will und jeden Menschen in eine überlebensgrosse Allegorie seiner selbst verwandelt.

Dies geschieht, weil die entsprechenden akademischen Disziplinen offenbar weniger ein Ereignis erklären wollen, sondern vielmehr als Mittler zwischen den Kulturen auftreten – gleichgültig, ob es sich dabei um die italienische oder angelsächsische Rechtskultur oder um die Schicksale einer realen Frau aus den westlichen Provinzen im Vergleich mit einem literarischen Muster (Thomas Hardys «Tess von den d'Urbervilles» zum Beispiel) handelt.

Vereinfachend gesagt: Indem diese Disziplinen sich anheischig machen, zwischen den «Kulturen» zu vermitteln, setzen sie diese überhaupt erst in die Welt. Der Zwang zur Lebensnähe und zu Lebenstauglichkeit, der seit geraumer Zeit auf den Geisteswissenschaften lastet, lässt Monster entstehen – wobei durchaus auffällt, dass die meisten dieser Publikationen aus den Vereinigten Staaten stammen.

Das Interesse ist «crazy»

Wenn Amanda Knox nun nach Modena kommt, tut sie das im Rahmen einer amerikanischen Initiative, die sich «The Innocence Project» («Das Projekt Unschuld») nennt und sich um die Aufklärung von Justizirrtümern bemüht. Dahinter aber scheint auch das idealistische Begehren zu stehen, zu Unrecht verurteilte und formal rehabilitierte Menschen wieder in den Stand der Unschuld zu versetzen. Vielleicht kehrt Amanda Knox nach Italien zurück, um ihre Integrität dort zu behaupten, wo nichts mehr von ihr übrig blieb.

Falls das so wäre, dürfte sie allerdings auch wissen, dass an der habitualisierten Brutalität der Medien nichts zu reparieren ist. Der Andrang der Neugierigen zum «Festival der Strafjustiz» in Modena ist jedenfalls laut Website des Veranstalters so «crazy», dass man in grössere Räumlichkeiten umziehen musste.

Der Aufsatz der Juraprofessorin Martha Grace Duncan im «Harvard Journal of Race and Gender» beginnt übrigens mit einem Katalog: «What Not to Do When Your Roommate Is Murdered in Italy» («Was man in Italien nicht tun sollte, wenn die Zimmernachbarin ermordet wurde»). Darin wird erneut aufgezählt, was man schon zuvor nicht wissen wollte, zum Beispiel, dass es keine gute «Idee» ist, sich nach einem solchen Ereignis rote Unterwäsche zu kaufen. Auch dieses Register scheint ein Produkt eines Interesses an Vermittlung zwischen den «Kulturen» zu sein, und auch dieses Register hat den gegenteiligen Effekt. Anstatt zu verbinden, trennt und verselbständigt eine solche Art der Vermittlung.

Es gibt eine lange Tradition des kosmopolitischen Amerikaners, der auf dem alten Kontinent nach den vergessenen Ursprüngen der eigenen Kultur sucht und beide Kulturen zu erneuern versucht. Sie reicht von Henry James («Bildnis einer Dame», 1881) über Gregory Peck («Ein Herz und eine Krone», 1953) bis hin zu Frances Mayes («Unter der Sonne der Toskana», 2003). Noch nicht an ihrem historischen, aber doch schon an ihrem systematischen Ende steht Amanda Knox.

Erstellt: 14.06.2019, 08:08 Uhr

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