Zum Hauptinhalt springen

Der letzte Jude in Afghanistan

Die Juden gehörten einst zur Elite in Kabul. Jetzt ist nur noch einer übrig: Zabolon Simantov. Er betreibt ein Restaurant in der Synagoge.

Ausser ihm kommt schon lange kein Jude mehr in die Synagoge: Zabolon Simantov. Bild: AP
Ausser ihm kommt schon lange kein Jude mehr in die Synagoge: Zabolon Simantov. Bild: AP

Jeden Freitag bereitet sich Zabolon Simantov auf den Sabbat vor: Er duscht und rasiert sich und schliesst am Abend sein Geschäft. Am Samstagmorgen, wenn das muslimische Afghanistan um ihn herum die Arbeits­woche beginnt, kleidet er sich für das Morgengebet am jüdischen Tag der Ruhe. Die Leute in seiner Heimat Kabul nennen ihn nur «den Juden». Denn er ist der Letzte seiner Art – der letzte Jude in Afghanistan.

«Ich bleibe, um mich um die Synagoge zu kümmern», sagte er der «Times of Israel». «Wäre ich nicht hier, wäre das Grundstück längst verkauft worden.» Der 52-Jährige will das jüdische Erbe bewahren. Schätzungen zufolge lebten bis ins frühe 19. Jahrhundert 40'000 Juden im Land. Ihre Spuren reichten zurück bis ins babylonische Exil. Später wurde Kabul zum Umschlagplatz auf den Handelsrouten zwischen Zentralasien und Indien; damals gehörten die jüdischen Kaufleute zur Elite der Stadt. Von dieser Blüte ist kaum etwas geblieben. Bei der Staatsgründung Israels 1948 fassten Tausende afghanische Juden den Entschluss, dorthin umzuziehen. Nach dem Ende des Kriegs mit der Sowjetunion 1989 zählte das Land nur noch wenige jüdische Familien. Auch sie zogen fort, viele nach New York oder Tel Aviv.

So blieben nur noch zwei Männer übrig: Zabolon Simantov und Yitzhak Levin. Die bittere Ironie ist: Obwohl die beiden zusammen in der Synagoge von Kabul wohnten und gemeinsam den Bürgerkrieg überlebten, hatten sie zeitlebens nur Hass füreinander übrig. Sie verrieten sich sogar gegenseitig an die Taliban und bezichtigten den jeweils anderen als angeblichen Spion des Mossad. Infolge des Zwists wurden sie verhaftet und gefoltert. Ihre Geschichte wurde sogar in Theaterstücken in den USA verarbeitet – etwa in der Komödie «Two Jews Walk Into a War». Seit Levins Tod 2005 lebt Simantov allein im heruntergekommenen zweistöckigen Gebäude in der Altstadt, das die letzte Synagoge des Landes beherbergt.

Das Ziel des Westens, Afghanistan zur echten Demokratie zu machen, gilt als gescheitert.

Die afghanische Hauptstadt ist ein bedrohlicher Ort. Immer wieder wurden dieses Jahr Anschläge verübt, um die Parlamentswahl zu sabotieren und die Menschen von den Urnen fernzuhalten. Das Kalkül der Taliban ging auf: Das Ziel des Westens, Afghanistan zur echten Demokratie zu machen, gilt als gescheitert.

Auch viele Afghanen haben resigniert, sogar Simantovs eigene Familie. Seine Ehefrau und die beiden Töchter verliessen Kabul vor vielen Jahren und gingen nach Israel. Simantov selbst will bleiben. Er spreche kein Hebräisch und hätte in Israel ohnehin keine Arbeit, sagt er. Vor allem will er das letzte Gotteshaus der jüdischen Gemeinde und deren Friedhof retten.

Ausser ihm kommt schon lange kein Jude mehr in die Synagoge. Um über die Runden zu kommen, betreibt er darin ein Kebab-Restaurant. Alles wird nach muslimischen Vorgaben zubereitet. Wenn er sein Lokal betritt, nimmt Simantov seine Kippa ab. Doch der Umsatz ist gering. In der Stadt sind viele Menschen ängstlich geworden. Und so kann er nur durch Spenden von Juden aus dem Ausland über­leben. Eine Gewissheit haben sie: Mit diesem Mann mittleren Alters, dem letzten Mitglied der Gemeinde, wird die jüdische Gemeinschaft Afghanistans wohl aussterben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch