Der Mann, der Millionäre macht

Willy Mesmer von Swisslos überbringt Lottogewinnern die gute Nachricht. Er weiss, welche Gefahren Millionen von Franken mit sich bringen.

Willy Mesmer hat bereits 750 Menschen zu Millionären gemacht. Foto: Nicole Pont

Willy Mesmer hat bereits 750 Menschen zu Millionären gemacht. Foto: Nicole Pont

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Am Hauptsitz von Swisslos in Basel: Erdgeschoss, ein Sitzungsraum, wie er nüchterner nicht sein könnte: keine Dekoration, keine Unebenheit, schwarz-graue Wand. Manchmal stellt Willy Mesmer in diese Leere einen farbigen Blumenstrauss – «nicht zu gross, nicht zu klein» – und lässt einen Champagner bringen. «Aus der Betriebskantine, einer von der edlen Sorte.»

Mesmer stösst dann mit Lottomillionären an. Mit Bauarbeitern, Hausfrauen, Topmanagern, Flüchtlingen oder Forscherinnen, die auf die richtigen Zahlen gesetzt haben. Sie alle sitzen dem 64-Jährigen gegenüber. Erstarrt, red­selig, verängstigt oder aufgedreht. Oder gleich alles zusammen. Psychoanalytiker sprechen von einem positiven Trauma.

In diesem Zustand schauen die Gewinner mit einem Glas Champagner in der Hand dem Lotto-Vertreter zu, wie er ihr Leben endgültig in neue Bahnen lenkt. Dazu muss er zuerst die Gewinneinforderungsquittung kontrollieren und diverse Formulare unterschreiben lassen. Erst dann macht er aus einem Lottoschein ein Vermögen.

Willy Mesmer gratuliert seit über 30 Jahren im Namen der schweizerischen Lotteriegesellschaft, die von den Deutschschweizer und Tessiner Kantonen getragen wird. Etwa 750 Menschen hat der Bereichsleiter Wettbewerbe und Betrieb bereits zu Millionären gemacht. Jeder reagiere und agiere auf seine Weise, sagt er. «Die Menschen sind wirklich sehr unterschiedlich. Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Herkunft kann man absolut keine ableiten.»

Eine einzige Gemeinsamkeit hat er aber entdecken können: «Sie alle wollen wissen, wie viel sie dem Staat abgeben müssen.» Dann klärt Mesmer jeweils über die Verrechnungssteuer auf, die Unterschiede bei den kantonalen Steuern und dass seit diesem Jahr mit dem neuen Geldspielgesetz eine Million tatsächlich eine Million ist. Netto, steuerfrei.

Glück lässt sich nicht kaufen

Willy Mesmer sitzt mittlerweile in seinem Büro, ein Stock über dem Sitzungszimmer. Es ist voller Wimpel, Fotos und Fanartikel. Sie erzählen von seiner Leidenschaft für Sport, für den FC Basel natürlich und auch für den Eishockeyclub Ambri-Piotta. Mesmer ist hier nicht mehr der Beamte, der über die Verrechnungssteuer fachsimpelt und den Gewinnern erläutert, dass bei der zweiten Million etwa 350000 Franken abgezogen werden.

«Wer vor dem Lottogewinn schon unglücklich war, bleibt es. Wer glücklich war, ebenso.»Willy Mesmer

Mesmer ist hier im Zimmer voller Erinnerungen der Mann, der in einem Vierteljahrhundert Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in einer ausserordentlichen Situation begegnet ist. Er hat das Glück in seiner radikalen Ausprägung hautnah miterlebt. «Man muss sehen, dass Aufwand und Ertrag eigentlich überhaupt nicht übereinstimmen.» Ein Zettel, ein paar Zahlen, ein riesiger Gewinn. Manche glauben darum, dass dies die gleiche Menge an Pech einbringt. Manche glauben an ewiges Glück. Und andere ziehen einfach nur aus dem Altersheim wieder in eine Dreizimmerwohnung.

Hört man Mesmer erzählen, lässt sich das Leben bald auf eine überschaubare Anzahl von Gewissheiten runterbrechen. Eine davon ist: «Wer vor dem Lottogewinn schon unglücklich war, bleibt es. Wer glücklich war, ebenso.» Anders gesagt: Das Glück lässt sich nicht kaufen.

Es sind Sätze wie Floskeln. Auch jener vom Glauben ans Gute im Menschen. Bei Willy Mesmer, dessen Augen beim Zuhören ruhig auf dem Gegenüber ruhen, klingts aber wahrhaftig. Ihm will man vertrauen. Es gibt einige Lottomillionäre, die sich noch Jahre danach bei ihm melden, ihm erzählen, dass es immer noch gut laufe, sie das Reisen geniessen, auch das neue Haus. Es klingt so, als würden sich die Glücklichen selbst beruhigen, sich vergewissern wollen, dass sie noch immer normal sind und sich vom vielen Geld nicht haben verderben lassen.

Jüngst hat er von jener Schweizerin gehört, die die Euromillions geknackt hatte. 170 Millionen Franken. Eine Summe auch als Bürde. Ein Haus hat sie sich gekauft, ein neues Auto auch. «Aber sonst ist bei ihr und ihrem Mann alles noch wie vorher», erzählt er. Beide würden ganz normal arbeiten.

«Nur bei etwa einem von zehn, würde ich schätzen, gehts schief, die meisten können gut mit dem Gewinn umgehen.»Willy Mesmer

Das ist ganz im Sinn von Mesmer. «Ich rate immer, nicht alles sofort zu ändern. Und nur Dinge zu kaufen, die zu einem passen.» Noch viel wichtiger sei aber: den Kreis der Eingeweihten klein zu halten. Von der Aktion jenes Sozialhilfebezügers, der kurz nach der Ziehung sofort alle Nachbarn im Wohnblock über seinen Gewinn informierte, hält er wenig. «Es kam auch nicht gut heraus», sagt Willy Mesmer dazu. Zu viele Begehrlichkeiten. Dies war aber eine Ausnahme. «Nur bei etwa einem von zehn, würde ich schätzen, gehts schief», sagt er, «die meisten können gut mit dem Gewinn umgehen.» Das Bild vom Lottomillionär, der sich ins Verderben stürzt, bestätigt er nicht.

Die Verheissung eines Gewinns

Dabei trösten verschiedene Studien seit den 70er-Jahren alle Lottospieler, die nichts gewinnen, mit der Erkenntnis, dass ein plötzlicher Geldsegen unglücklich macht. Oder zumindest nicht glücklicher.

Ende September zeigte nun eine Studie, in der 370 Gewinner befragt wurden, dass ein Lottogewinn durchaus zufriedener macht. Co-Autor Rainer Winkelmann von der Universität Zürich erklärt diesen Befund wie folgt: «Wir konnten uns an einer Studie anhängen, die schon seit Jahren läuft und Menschen zu ihrer Zufriedenheit befragt. So zeigen wir auf, wie ein Lottogewinn diese Zufriedenheit veränderte.»

Die meisten Menschen dürften diese wissenschaftliche Erkenntnis kaum nötig haben, um weiter zu spielen. Sie glauben auch so an die Verheissungen eines Gewinns. 2018 wurden über 27 Millionen Spielscheine ausgefüllt. Die Schweiz liegt damit zusammen mit Deutschland, Österreich und den skandinavischen Ländern im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Die Spielernationen sind eher im lateinischen Raum zu finden. Und regelrecht spielsüchtig sind die Angelsachsen.

Willy Mesmer spielt selber kaum, auch wenn er als Mitarbeiter von Swisslos dürfte. Die vielen Begegnungen mit Menschen, die plötzlich reich sind, haben bei ihm keinerlei Begehrlichkeiten geweckt. «Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.» Und überhaupt: Die ­Gesundheit sei doch das Wichtigste. «Sorry, ich weiss, eine Floskel. Aber ­jeder, der schon mal was Gröberes hatte, wird das bestätigen.»

Vielleicht macht er aber Mittwochabend eine Ausnahme und füllt einen Lottoschein aus. Denn der Jackpot ist derzeit gefüllt wie selten. 15 Millionen Franken liegen bereit. Die Chance, dass er alle sechs Zahlen plus Glückszahl trifft, liegen bei 1 zu 31474716.

Erstellt: 29.10.2019, 21:03 Uhr

Grossbritannien und lateinische Länder an der Spitze

400 Millionen Franken schüttete Swisslotto mit den diversen Spielprodukten im letzten Jahr an die Gewinnerinnen und Gewinner aus.

27 Millionen Spielscheine wurden 2018 verkauft. Die Schweiz ist damit im europäischen Vergleich im Mittelfeld, in direkter Nachbarschaft mit Deutschland oder Österreich. An der Spitze liegen traditionell lateinische Länder und Grossbritannien. (cix)

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