Der Medienprofi, dem der Papst vertraut

Der französische Soziologe Dominique Wolton hat Franziskus die Aussage von den «minimalen Sünden unter der Gürtellinie» entlockt.

Reist auf der Lateinamerika-Visite von Papst Franziskus mit: Dominique Wolton. Bild: PD

Reist auf der Lateinamerika-Visite von Papst Franziskus mit: Dominique Wolton. Bild: PD

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Zeit für Franziskus, sich mit der Jugend zu beschäftigen – noch bis Sonntag am Weltjugendtag in Panama mit der gläubigen Jugend, Ende Februar dann am Bischofsgipfel in Rom mit der missbrauchten Jugend. Das Überraschendste an der Lateinamerika-Visite: In seinem Gefolge reist der französische Soziologe Dominique Wolton mit.

Der heute 71-jährige Spezialist für die Kommunikation im öffentlichen Raum war bis 2013 Direktor des Zentrums für wissenschaftliche Grundlagenforschung mit 30'000 Mitarbeitern, gründete das Institut für Kommunikationswissenschaften sowie die Zeitschrift «Hermès». Als Altmeister der politischen Kommunikation, weder katholisch noch gläubig, geniesst er offensichtlich das Vertrauen des Papstes. Er hatte sich wiederholt mit Franziskus getroffen und Ende 2017 das Gesprächsbuch «Politique et Société» veröffentlicht. Darin nennt er den Papst «den letzten Kommunisten Europas». Für Aufsehen sorgte das Buch vor allem mit freimütigen Aussagen, die Wolton Franziskus entlockte: etwa mit dem Bekenntnis, dass der spätere Papst als abtretender Jesuitenoberer in Argentinien eine jüdische Psychoanalytikerin aufsuchte, um eine Lebenskrise zu bewältigen.

Jetzt, nur knapp einen Monat vor dem Missbrauchsgipfel, der vom 21. bis zum 24. Februar in Rom stattfindet, sticht eine andere päpstliche Aussage im Wolton-Buch ins Auge. Nämlich weshalb er den sexuellen Missbrauch durch Kleriker nicht so sehr für ein Problem von Moral und Sex hält, sondern der Macht, der klerikalen Macht. Gegenüber Wolton ärgert sich der Papst über die vielen Priester, die nur die Sünden «unter der Gürtellinie» verurteilten, kaum aber die schwerwiegenden Sünden wie Hass, Neid, Stolz und Eitelkeit, Mord und Suizid. Auf Nachfrage Woltons erklärt Franziskus: «Die Sünden des Fleisches sind die leichtesten Sünden. Weil das Fleisch schwach ist. Die gefährlichsten Sünden sind die des Geistes, eben Stolz und Neid.»

Schön, wenn ein Papst erkennt, dass sich Kirche zu sehr auf die Moral unter der Gürtellinie fokussiert. 

Für den italienischen Journalisten und versierten Vatikanisten Sandro Magister hilft dieses päpstliche Herunterspielen der sexuellen Sünden dessen Schweigen und Toleranz gegenüber konkreten Missbrauchsfällen zu verstehen, gerade von hochrangigen Würdenträgern, «die von ihm geschätzt und begünstigt wurden». Gemeint sind die argentinischen Geistlichen Julio Cesar Grassi und Bischof Gustavo Zanchetta, die sich an Kindern vergangen hatten, von Franziskus aber gedeckt werden.

Schön, wenn ein Papst erkennt, dass sich Kirche zu sehr auf die Moral unter der Gürtellinie fokussiert. Da sagt er etwas Richtiges, aber zur falschen Zeit. Ausgerechnet jetzt, daes mit Blick auf den Kindsmissbrauch um Sex mit Minderjährigen geht, ist es fatal, die sexuellen Sünden herunterzuspielen. Zudem haben zu Keuschheit verpflichtete Kleriker wohl nicht nur ein Macht-, sondern auch ein Sexproblem. Ob ausgerechnet Dominique Wolton den Papst vor weiteren verbalen Fehltritten bewahren kann? Wer weiss – vielleicht hat er den Theoretiker der Kommunikation ja gerade deshalb nach Panama mitgenommen, dass er ihm helfen möge, gegenüber der Jugend der Welt angemessene Worte zu Sexualität und Missbrauch zu finden.

Erstellt: 25.01.2019, 21:02 Uhr

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