Der Rassist im ewigen Eis

Erinnerungskultur: Louis Agassiz ist jetzt selbst unter Gletscherforschern unerwünscht. Sein Erbe bleibt umstritten.

Die Agassiz-Medaille wird umbenannt. Im Bild: der Aletschgletscher. Bild: Valerie Chetelat

Die Agassiz-Medaille wird umbenannt. Im Bild: der Aletschgletscher. Bild: Valerie Chetelat

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Gletscher bewegen sich nur wenige Meter im Jahr. Und unerträglich langsam – finden die Kulturwissenschaftler Hans Fässler und Hans Barth – bewegt sich die Schweiz, wenn es darum geht, den einst gefeierten, 1873 verstorbenen Neuenburger Gletscherforscher Louis Agassiz als Rassisten anzuprangern. Einen Erfolg können die beiden mit ihrem Komitee «Demonter Louis Agassiz» jetzt vorweisen: Der Europäische Verband der Erdwissenschaftler (EGU) wird die Agassiz-Medaille umbenennen, eine Auszeichnung, die an verdiente Gletscherforscher geht. «Der Name der Medaille widerspricht den Werten unserer Organisation», schrieb EGU-Präsident Jonathan Bamber.

Das ändert nichts daran, dass in Neuenburg der Espace Louis Agassiz und im Berner Oberland das 3946 Meter hohe Agassizhorn an den Naturforscher erinnern. Die Bemühungen der Aktivisten, das zu ändern, sind bisher an unwilligen Gemeindebehörden gescheitert. Dennoch steckt das Komitee seine Ziele noch höher. Es weibelt bei der Internationalen Astronomischen Union für die Umbenennung des Kaps Agassiz. Es befindet sich im Mare Imbrium, dem Meer des Regens, auf dem Mond.

«Verharmlosung der damaligen Rassenhetze»

Dabei ist umstritten, wie der Rassismus des Louis Agassiz zu werten ist. Er war überzeugt von der Minderwertigkeit dunkelhäutiger Menschen. Nachdem er seine Karriere nach Harvard in den USA verlegt hatte, wollte er das beweisen, indem er schwarze Sklaven nackt fotografieren und vermessen liess. Aber entsprach das nicht dem gängigen Gedankengut gelehrter Kreise im 19. Jahrhundert? Für Fässler und Barth ist allerdings schon eine solche Aussage eine «grobe Geschichtsklitterung und eine Verharmlosung der damaligen Rassenhetze».

Die Forderung nach der Umbenennung von Medaillen, Plätzen, Alpengipfeln und Felsen auf der Mondoberfläche ist für sie denn auch nur Mittel zum Zweck. Sie wollen das Bild des hehren Wissenschaftlers Agassiz in der Schweiz gründlich korrigieren. Vor zehn Jahren haben sie mit ihrer Kampagne begonnen. Das Geschichtsbild verändert sich langsam wie ein Gletscher. Aber es verändert sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 21:25 Uhr

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