Die Genugtuung des Gefallenen

Moderator Jörg Kachelmann klagt sich seinen guten Ruf zurück.

Gang durch die Instanzen: Jörg Kachelmann vor dem Frankfurter Regionalgericht, 2012. Foto: Keystone

Gang durch die Instanzen: Jörg Kachelmann vor dem Frankfurter Regionalgericht, 2012. Foto: Keystone

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Wenn Rache süss ist, muss für Jörg Kachelmann das Leben nach Zuckerwatte schmecken. Auf dem Feldzug gegen seine Feinde hat er gestern den bisher grössten Triumph errungen. Der mächtige Axel-Springer-Verlag muss ihm wegen seiner Berichterstattung 635'000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Rekord in Deutschland.

Der Schweizer Fernsehmeteorologe, dessen Ruf einst heller strahlte als die Sonnen auf seinen Wetterkarten, wurde 2010 von einer Ex-Geliebten als Vergewaltiger beschuldigt. 2011 kam der Freispruch. Doch der Prozess zertrümmerte fast alles, was sich Kachelmann aufgebaut hatte. Mehrere Medien stellten ihn als Lüstling dar, veröffentlichten intime Details seines Privatlebens. Kachelmann verlor seinen Job bei der ARD. Um die Anwaltskosten zu bezahlen, hat er Häuser verkaufen und sich verschulden müssen.

Der Prozess zertrümmerte fast alles, was sich Kachelmann aufgebaut hatte.

In der Untersuchungshaft schwor er, «später allen auf den Sack zu gehen, die mir das Leben schwergemacht haben». Das erzählte Kachelmann kürzlich dem «Spiegel». Seit vier Jahren setzt er den Schwur in Taten um.

Erst erwischte er die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die seinen Freispruch als «Schaden für den Rechtsstaat» bezeichnet hatte. Sie darf ihm seither keine Schuld mehr unterstellen. Mit dem Burda-Verlag («Bunte» und «Focus»), den er auf 1 Million Euro einklagt hatte, einigte er sich im Mai aussergerichtlich. Und nun haben er und sein Anwalt den Springer-Verlag («Bild») besiegt.

«Da ist kein Hass, auch keine Wut. Ich weigere mich nur, zur Tagesordnung überzugehen.»Jörg Kachelmann gegenüber dem «Spiegel»

Kachelmann kämpft auch auf Twitter. Neben Kommentaren zum Wetter («Hochnebel-Gschlurz in den Voralpen») teilt er aus, stichelt, zündelt, am liebsten gegen Boulevard-Journalisten, die er als Vollpfosten oder Hetzer beschimpft. Kürzlich provozierte er sogar die Behörden. Seine Wetter-Website bewarb er mit einem Plakat, auf dem stand: «Besser als die Schwetzinger Polizei erlaubt.» Es waren Polizisten aus Schwetzingen bei Heidelberg, die Kachelmann verhafteten.

«Da ist kein Hass, auch keine Wut», sagte der 57-Jährige dem «Spiegel». «Ich weigere mich nur, zur Tagesordnung überzugehen.» Er geniesse die Freiheit dessen, der beruflich alles verloren hat. Wenn man ihn deswegen für einen «verbohrten Heini» halte, nehme er das in Kauf.

Ein Gericht entscheidet bald, ob sich die Ex-Geliebte ihre Schürfungen, Kratzer und Hämatome selbst zugefügt hat.

Der wichtigste Termin im Vergeltungskalender steht noch bevor. Am 19. November entscheidet ein Gericht aufgrund eines neuen Gutachtens, ob sich die Ex-Geliebte ihre Schürfungen, Kratzer und Hämatome selbst zugefügt hat. Das würde ihn ganz vom Vergewaltigungsverdacht reinwaschen. Sein Freispruch «aus Mangel an Beweisen» reicht im öffentlichen Empfinden nicht dazu.

Auf Twitter nahm Kachelmann gestern unzählige Glückwünsche mit ebenso vielen «Danke» entgegen. Leider werde von den 635'000 Euro wohl nicht mehr viel übrig bleiben, bis er sich durch alle Instanzen prozessiert habe. Der Springer-Verlag will Berufung einlegen. Rache ist nicht nur süss. Sie kann sehr teuer werden.

Erstellt: 30.09.2015, 18:44 Uhr

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