Amanda Knox, die perfekte Täterin

Ein brutaler Mord. Zwei Verdächtige, angeblich gierig nach Drogen und Perversion: Eine Netflix-Doku beleuchtet die mediale Lynchjustiz im Fall Amanda Knox.

Amanda Knox spricht am 27. März 2015 in Washington zu Journalisten.

Amanda Knox spricht am 27. März 2015 in Washington zu Journalisten. Bild: Jason Redmond/Reuters

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Die junge Frau im rosa Pulli schaut direkt in die Kamera, ungeschminkt, sie ist blass, die Nase ist vom vielen Weinen rot, und ihre Wangen sind von den Tränen nass. «Plötzlich war ich an diesem dunklen Ort», sagt sie.

Mit «dunkel» meint sie weder den Tatort – eine Studentenwohnung in der zentralitalienischen Universitätsstadt Perugia – noch die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2007, in der in jener Wohnung die britische Studentin Meredith Kercher brutal ermordet worden war. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten, sie dann mit einer Bettdecke verhüllt. Die wirklichen Umstände der Tat wurden nie aufgeklärt.

Die junge Frau ist heute 29 Jahre alt. Sie erinnert sich an die dunklen Jahre ihrer Haft in Italien. Bilder von nackten Gefängniskorridoren werden eingeblendet. «Sind Sie schuldig?», fragt eine Stimme aus dem Off. «Nein». «Haben Sie den Richtern etwas verschwiegen?» «Nein», sagt Amanda Knox. Dann sagt sie: «Sollte ich schuldig sein, wäre ich eine Psychopathin im Schafsfell. Bin ich unschuldig, bin ich du.»

So ist Amanda Knox. Jahrelang hatte sie die Öffentlichkeit auf der Anklagebank in Atem gehalten. Mit ihrem damaligen Freund, dem Italiener Raffaele Sollecito, war sie des Mordes und der sexuellen Nötigung ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher beschuldigt. Sie erschien mal aufgewühlt, mal eiskalt, sie weinte oder lächelte im Gerichtssaal. Eingeschüchtert, dann wieder herausfordernd, launisch, fast arrogant blickte sie in Hunderte Kameras der internationalen Medien.

Der Kassationshof in Rom hat den Schuldspruch wegen Mordes gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito endgültig aufgehoben. «Ich bin unglaublich dankbar für das Urteil, das gesprochen wurde», sagte Knox. Der «Engel mit den Eisaugen», wie ein Buchtitel sie nannte, blieb rätselhaft, war auch nach acht Jahren Ermittlungen und 500 Prozesstagen nicht zu entziffern. Nur die Richter des Obersten Gerichtshofes hatten keine Zweifel und sprachen sie und Sollecito im Frühjahr 2015 endgültig frei.

Eine Durchschnittsamerikanerin

Warum vieles im Dunkeln blieb, hinterfragt die Doku «Amanda Knox», die bei Netflix ab dem 30. September online geht. Die Autoren Brad McGinn und Rod Blackhurst interessierte aber keine neue Beweisführung. Sie hinterfragen die Rolle verschrobener Provinzmagistraten, der Öffentlichkeit, die Macht medialer Lynchjustiz und ihre morbide Gier nach Zutaten wie Sex, Gewalt, Perversion.

Mit Effekten heischen sie selbst gerne, zeigen neue, bisher nicht veröffentlichte Videos vom Tatort, die sie aus Gerichtsarchiven gekramt haben. Man taucht noch mal ein in die Horrorszene der kleinen Villa, die vier Studentinnen als WG diente: Scherben, blutverschmierte Laken und Wäschefetzen, Blutspritzer überall, mutmassliche Tatwaffen. Man sieht Amanda Knox, wie sie in den Gerichtssaal geführt wird, wie sie abgeführt wird. Man sieht, wie sie nach der Tat noch ihren Freund Raffael küsst. Für den ermittelnden Staatsanwalt damals ein Zeichen ihres diabolischen Charakters.

In der Netflix-Doku steht Knox zu Hause in Seattle am Herd und brät Buletten. Eine Durchschnittsamerikanerin mit kurzem, unfrisiertem Pagenschnitt. Sie philosophiert darüber, dass das Zusammenziehen mit ihrem Freund sie an die Gefängniszelle erinnert. Sie ist besser in ihrer Rolle als beispielsweise Hayden Panettiere, die sie in einem Kinofilm darstellte. Ihr Fazit: «Die Leute mögen Monster. Sie brauchen sie, um die eigenen Ängste darauf zu projizieren.» Ihr Ruhm als Monster ist heute eine gute Verdienstquelle. Vier Millionen Dollar soll sie mit den Rechten an ihrem Buch bisher verdient haben.

Etwas blasser erscheint Raffaele Sollecito, von jeher in den Medien als der schwächere Part jener Liebesbeziehung dargestellt, «die keine Liebe war», wie Amanda sagt. Trotzdem sollte er, ihren angeblich sadistischen Gelüsten folgend, am Mord an Meredith Kercher beteiligt gewesen sein. Auch Sollecito wurde freigesprochen.

Die Ermittlungen waren ein Skandal. Polizisten verhörten die Verdächtigen ohne Einhaltung ihrer Mindestrechte, ohne Aufzeichnungen und Verteidiger. Wertvolle Beweise und Spuren am Tatort wurden verschlampt. Leute wie der damalige Staatsanwalt Giuliano Mignini, ein leidenschaftlicher Anhänger von Sherlock Holmes, führten die Anklage, getränkt von Vorurteilen über die hübsche Studentin.

Im Film kommt auch der «Daily Mail»-Reporter Nick Pisa zu Wort, der damals als Erster am Tatort war. In seinen Texten stellte er die Angeklagte als männerfressend und blutrünstig dar. Der Weg zum öffentlichen Schuldspruch vieler Medien war nicht weit. «Was sollte ich tun?», rechtfertigt er sich in der Netflix-Doku. «Die Fakten prüfen, bevor ich meine Berichte veröffentlichte? Eine Zeitung erscheint täglich. Es gefiel auch den Ermittlern, internationalen Ruhm zu erlangen.» Dazu gehörte auch Staatsanwalt Mignini.

Dabei gab es schon früher einen Schuldigen, Rudy Guede, der für den Mord an Meredith zu einer 16-jährigen Haftstrafe verurteilt worden war. «Rudy Guede?», sagt Nick Pisa. «Die Story interessierte doch niemanden. Die Attraktion im Prozess war Amanda.»

Erstellt: 30.09.2016, 09:28 Uhr

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