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Ein Held mit Mängeln

Der Weltmeister Manuel Charr aus Deutschland ist kein Deutscher.

Manuel Charr (links) jubelt als ihn der Ringrichter zum Sieger erklärt. Rechts steht Alexander Ustinow enttäuscht im Ring. Bild: Keystone/Guido Kirchner
Manuel Charr (links) jubelt als ihn der Ringrichter zum Sieger erklärt. Rechts steht Alexander Ustinow enttäuscht im Ring. Bild: Keystone/Guido Kirchner

Max Schmeling, das ist in Deutschland ein klingender Name. Der Boxer war von 1930 bis 1932 Weltmeister in der Königsklasse, dem Schwergewicht – er war ein kluger Kämpfer und ein anständiger Kerl. Seitdem hat es kein Deutscher mehr an die Spitze geschafft. Bis letzten Samstag. «Manuel Charr ist der erste deutsche Weltmeister im Schwergewicht seit Max Schmeling!», jubelten die Medien. Schon seit Wochen hatte der TV-Sender Sky, der den Titelkampf gegen den 40-jährigen Russen Alexander Ustinow übertrug, mit der Schmeling-Nachfolge Werbung gemacht. Dumm nur, dass Charr gar kein Deutscher ist.

In den letzten Tagen hatte der im Libanon geborene 33-Jährige immer wieder beteuert, den deutschen Pass zu besitzen. «Ja, ich schwöre es!», sagte er der «Bild»-Zeitung. Seine Anwälte hätten ihm versichert, das Dokument liege bei den Behörden, es müsse nur noch abgeholt werden. Am Mittwoch kam dann der Rückzieher. Sein seit zwei Jahren laufender Antrag auf Einbürgerung sei abgewiesen worden, erklärte Charr dem Kölner «Express». Der Prozess muss noch einmal von vorn beginnen. «Ich möchte mich beim deutschen Volk entschuldigen», sagte er. «Aber vom Herzen her fühle ich mich als Deutscher.»

Kampf wegen Platzwunde abgebrochen

Eingebürgert zu werden, ist für Charr nicht ganz einfach, denn sein Strafregister ist nicht ganz sauber. Der Champion hat ein wildes Leben hinter sich. Schon als Kleinkind wurde er im Bürgerkrieg im Libanon von einer Kugel verletzt. Sein Vater wurde getötet, als Charr drei Jahre alt war. 1989 flüchtete seine Mutter mit sechs ihrer acht Kinder nach Berlin. Als junger Mann «mit Migrationshintergrund» wollte Charr sich nichts gefallen lassen, es gab Streitereien, eine Anklage wegen versuchten Totschlags, die mit Freispruch endete. Eine Verhaftung wegen Autoschiebereien endete ohne Anklage.

Charr begann seine Sportkarriere als Thaiboxer, wurde Europameister. Seit 2005 gewann er als Profiboxer 31 von 35 Begegnungen, gilt als solide, aber nicht sonderlich versiert. Gegen Witali Klitschko hatte er 2012 keine Chance; der Kampf wurde wegen einer Platzwunde an Charrs Kopf abgebrochen.

«Ich bin wie eine Katze, die sieben Leben hat. Fünf habe ich verbraucht.»

Als ein Rivale ihm 2015 mehrfach in den Bauch schoss, rettete ihn eine Notoperation. «Ich bin wie eine Katze, die sieben Leben hat», sagte er danach. «Fünf habe ich verbraucht.» Doch Ruhe kehrte nicht in sein Leben ein. Immer schon hatte Charr Schmerzen in den Hüften, obwohl diese für einen Boxer besonders wichtig sind: Aus der Hüfte kommt die Kraft. Dieses Jahr wurde eine angeborene Fehlbildung festgestellt, im Mai wurde er operiert. Charr gewann seinen Titel mit zwei künstlichen Hüften.

Als Heldenepos reichte all das den Marketingspezialisten nicht aus. Es musste historischer sein, es musste um die Schmeling-Nachfolge gehen. Nun ist Manuel Charr Weltmeister. Aber kein anständiger Kerl.

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