Ein Preis als Anklage

Australien verweigert dem iranischen Flüchtling Behrouz Boochani Asyl. Jetzt hat er den führenden Literaturpreis des Landes gewonnen.

Der iranische Flüchtling Behrouz Boochani nennt das australische Asylwesen «Politik des Exils»: Bild: Jason Garman (Amnesty International)

Der iranische Flüchtling Behrouz Boochani nennt das australische Asylwesen «Politik des Exils»: Bild: Jason Garman (Amnesty International)

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Nach Australien hat Behrouz Boochani es nie geschafft. Trotzdem hat der Flüchtling aus dem Iran den am höchsten dotierten Literaturpreis des Landes gewonnen. Doch die 125'000 Australischen Dollar (90'000 Franken) für den Victorian Prize for Literature dürfte der 35-Jährige am Donnerstag nicht persönlich entgegennehmen. Seit Boochani 2013 mit 60 anderen Migranten in einem löchrigen Boot auf dem Indischen Ozean aufgegriffen wurde, lebt er in einem Flüchtlings­lager, das er nicht verlassen darf, anfangs auf der Weihnachtsinsel, jetzt auf der Insel Manus, die zu ­Papua-Neuguinea gehört.

Boochanis autobiografischer Text «No Friend but the Mountains» (Kein Freund ausser den Bergen) beschreibt seine Flucht aus dem Iran über Indonesien und den brutalen Alltag, den er mit Hunderten anderen Flüchtlingen teilt. Seit 2013 haben sowohl linke als auch konservative Regierungen in Australien an der «Politik des Exils» festgehalten, wie Boochani das System nennt: In Kooperation mit Papua-Neuguinea und dem Inselstaat Nauru werden die Flüchtlinge weit entfernt vom Kontinent auf Inseln zusammengepfercht. Asyl in Australien wird ihnen verweigert, selbst wenn sie darauf Anspruch hätten.

Boochani hätte Anspruch, er ist anerkannter Flüchtling. Der Kurde aus dem Norden des Iran hatte nach seinem Studium der Geopolitik in Teheran als Journalist kurdischer Zeitungen gearbeitet, bis seine Redaktion von den iranischen Revolutionsgarden geschlossen wurde. Nach drei Monaten im Untergrund flüchtete er Mitte 2013 aus dem Iran.

«Ich fühlte mich nie sicher vor dem Zugriff der Wächter und der Behörden.»Behrouz Boochani im «Guardian»

Seine Arbeit als Journalist nahm Boochani in Gefangenschaft wieder auf, schrieb für die australische ­Ausgabe der britischen Zeitung «Guardian», gab Interviews und drehte heimlich mit einem Mobil­telefon Videos im Flüchtlingslager. Montiert aus kurzen Handysequenzen entstand so der Film «Chauka, Please Tell Us the Time», der an mehreren Filmfestivals in Australien und Grossbritannien gezeigt wurde.

Zusammengeflickt wurde auch ­Boochanis Buch: aus Tausenden Whatsapp-Nachrichten und PDF-Dateien, fünf Jahre lang gesammelt und von den Übersetzern Omid Tofighian und Moones Mansoubi ins Englische übertragen. «Ich fühlte mich nie sicher vor dem Zugriff der Wächter und der Behörden», erzählte Boochani dem «Guardian». Zweimal wurde sein Telefon beschlagnahmt, mehrfach verschwand sein gesamter Besitz, etwa bei Aufständen im Lager oder bei erzwungenen Umsiedelungen. «Hätte ich alles auf Papier bewahrt, wäre es jetzt verloren.»

Kein Interesse mehr an Australien

Als Journalist habe er die Situation der Flüchtlinge nicht genau genug fassen können, sagt er. Deshalb habe er sich im Buch zu einer Mischung aus Lyrik, Erzählung und fiktiven Elementen entschlossen. «Die Menschen in Australien und weltweit sollen in aller Tiefe begreifen, wie dieses System unschuldige Menschen seit fast sechs Jahren systematisch gefoltert hat.»

Als Flüchtling hat Boochani kein Interesse mehr an Australien. Neuseeland hat angeboten, Menschen von der Insel aufzunehmen. Und einige Hundert konnten in die USA gehen. «Aber darüber», so der Autor, «hat mit mir noch niemand gesprochen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.01.2019, 18:43 Uhr

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