Eine arabische Chefin für das Traditionsblatt

Roula Khalaf, die neue Chefredaktorin der altehrwürdigen «Financial Times», stammt aus dem Libanon.

Ist die erste Chefredaktorin der 1888 gegründeten «Financial Times». Foto: Charlie Bibby (Reuters)

Ist die erste Chefredaktorin der 1888 gegründeten «Financial Times». Foto: Charlie Bibby (Reuters)

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So viel Willen zum Wandel hätte man der Stimme der Industriekapitäne und der Hochfinanz gar nicht zugetraut. Die 1888 gegründete «Financial Times» (FT) gibt sich für ihre Verhältnisse ganz schön radikal. Nicht nur hat sie jetzt erstmals eine Frau auf den Chefredaktorsessel berufen. Die «Neue» an der Spitze des Blattes mit der legendären lachsfarbenen Printausgabe hat obendrein einen fremdländischen Namen und einen nicht britischen Akzent.

Sie heisst Roula Khalaf – und sieht ihren eigenen Aufstieg als «historische Zäsur». Geboren in Beirut, ist sie im Libanon aufgewachsen und dort während des bitteren Bürgerkriegs zur Schule gegangen. Ihre Muttersprache ist Arabisch. Noch heute ist sie nicht nur britischer, sondern auch libanesischer Nationalität. An der Columbia University in New York erhielt sie einen Master in Internationalen Beziehungen. Danach arbeitete sie vier Jahre lang für die US-Zeitschrift «Forbes».

Frühe Beachtung verschaffte sie sich in dieser Zeit durch eine kritische Geschichte über den Trader Jordan Belfort. Martin Scorseses Film «The Wolf of Wall Street» nahm 2013 Bezug auf ihre damalige Rolle – mit einer Protagonistin, die ihr nachempfunden war. Der FT-Redaktion gehört Roula Khalaf seit 24 Jahren an. Sie arbeitete erst als Afrika-, dann als Nahost-Expertin und wurde später Leiterin des Auslandsressorts. In den letzten vier Jahren war sie Stellvertreterin des Chefredaktors Lionel Barber. Ihn nennt Khalaf dankbar ihren «Mentor».

Die Herausforderung ist, die Öffnung der Zeitung und ihren globalen Anspruch voranzutreiben, ohne die alte Klientel zu verprellen. 

Auf Barbers «ausserordentliche Erfolge» werde sie «zu bauen ver­suchen», erklärte sie diese Woche. Es freue sie «wahnsinnig», ab Januar «die grossartigste Nachrichtenorga­nisation der Welt» leiten zu dürfen. Barber seinerseits hat seine Nach­folgerin als «fair, weise und zäh» bezeichnet. Der japanische Medienkonzern Nikkei, dem die FT seit 2015 gehört, hat «volles Vertrauen» darauf, dass Khalaf den «Qualitätsjour­nalismus» der FT weiter fördert.

In der Tat hat sich die «Financial Times» wacker geschlagen in den tumultuösen letzten Jahren. Auch für die «Lachsfarbene» brach der Printmarkt, wie für andere Zeitungen, kräftig ein. Als Barber vor 14 Jahren ins Amt kam, druckte das Blatt noch über 430'000 Exemplare. Jetzt sind es gerade noch 165'000. Aber der Stamm zahlender Abonnenten, von denen die allermeisten die FT nun digital beziehen, ist im April dieses Jahres auf eine stolze Million angewachsen. Weltweit verkauft sich die noch immer sorgsam verfertigte und als verlässlich betrachtete Ware wirtschaftlicher und politischer Information gut.

Freilich hat die FT sich unter Barber auch immer mehr vom Ruf einer reinen Wirtschaftszeitung befreit. Die Zeitung hat sich auf Recherchen spezialisiert, Auswüchse des Profitdenkens getadelt, Klimafragen aufgegriffen, die britischen Konservativen scharf unter die Lupe genommen und nachdrücklich pro-europäisch argumentiert.

Die Herausforderung für Roula Khalaf ist, diese Öffnung der Zeitung und ihren globalen Anspruch weiter voranzutreiben, ohne die alte Klientel zu verprellen. Gut vorbereitet ist sie auf diese Aufgabe jedenfalls – und beliebt in der Redaktion offenbar auch.

Erstellt: 14.11.2019, 19:09 Uhr

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