Entzugskliniken statt Museen

Die Fotografin Nan Goldin war opiatsüchtig. Nun benennt sie die Schuldigen.

Zweimal abhängig, zweimal den Entzug geschafft: Nan Goldin. Foto: Jared Siskin (Getty)

Zweimal abhängig, zweimal den Entzug geschafft: Nan Goldin. Foto: Jared Siskin (Getty)

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Die Opiat-Epidemie in den USA befällt nicht nur verarmte Arbeiter, die aus dem Provinzelend in den Rausch flüchten. Nein, die Sucht nach dem chemisch hergestellten, legalen Heroin verheert auch das Dasein erfolgreicher Menschen, die teure Häuser in Brooklyn bewohnen.

Nan Goldin ist eine davon. Die weltberühmte Fotografin bekam das Opiat Oxycontin (genannt Oxy) 2014 vor einer Operation verschrieben. Sofort sei sie abhängig geworden, sagt sie. Oxy vertreibe die Angst, mache wohlig, matt und asozial. Während dreier Jahre sei sie kaum mehr ausgegangen, ständig steigerte sie die Dosis. Irgendwann habe sie sich das teure Medikament nicht mehr leisten können, sie wich aus auf billigeres Strassenheroin oder das stärkere Fentanyl, erwischte dabei eine Überdosis und starb beinahe – ein üblicher Verlauf dieser Sucht. Goldin zwang sich in eine Entzugsklinik, hielt durch, seit letztem März ist sie clean.

Im Herbst sprach sie erstmals über ihre Sucht, seither hat sie den Kampf aufgenommen gegen die «Drogendealer», die Familie Sackler, deren Firma Purdue Pharma Oxycontin herstellt und es lange als sicheres Schmerzmittel beworben hat, sodass es Ärzte grossflächig verschrieben. Um die 35 Milliarden Dollar hat die Familie seit 1995 mit Oxycontin verdient. Experten bezeichnen es als «Ground Zero» der Opiat-Epidemie, an deren Folgen über 200'000 Menschen gestorben sind.

Bekannt geworden sind die Sacklers nicht als Pillenmacher, sondern als Kunstmäzene. Das Guggenheim-Museum in New York, der Louvre in Paris, die Tate Gallery in London, sie alle bekamen Sackler-Millionen und revanchierten sich mit Widmungen. «Viele Institutionen haben das Blutgeld angenommen und es so gewaschen», sagt Goldin in Interviews und verlangt: Museen sollen künftig Spenden der Familie ablehnen.

Goldin selber sieht sich als doppelte Überlebende. Ruhm erlangte die heute 64-Jährige mit Porträts aus ihrem frühen Umfeld – Transvestiten, Aussenseitern, Junkies. Während der 70er- und 80er-Jahre verkehrte sie in der New Yorker Subkultur, mit ihren unverstellten Bildern gilt sie als Begründerin des «Heroin Chic». Erst habe sie die Drogen romantisiert, sagt sie, bald habe sie deren verheerende Wirkung zu spüren bekommen. Viele Freunde starben an einer Überdosis. Goldin selber gelang 1989 der Entzug.

25 Jahre blieb sie clean, dann verfiel sie dem Oxycontin. «Die düsterste Zeit meines Lebens begann», sagt Goldin, die Droge sei ein «schwerer Fuss auf dem Kopf», einen Rückfall würde sie nicht überstehen – wie viele andere nicht. Die Firma Purdue sagte zur «New York Times», dass sie schon viel unternehme gegen den Oxy-Missbrauch. Goldin reicht das nicht. Mit Abermillionen Dollar hat sich die Familie Sackler ein Philanthropen-Image erspendet, Goldin will es zerkratzen. Ihre Petition fordert: Entzugskliniken bauen statt Museen sponsoren.

Erstellt: 23.01.2018, 23:11 Uhr

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