Er sah sich nicht als Mörder

15 Jahre nach den Gewalttaten von Mischa Ebner wird ein Film über sein Leben gedreht. Während Wochen hielt der Koch und erfolgreiche Waffenläufer die Schweiz in Atem.

Das Phantombild zeigte den Täter unrasiert – mit Absicht.

Das Phantombild zeigte den Täter unrasiert – mit Absicht. Bild: Keystone

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Bei der ersten Einvernahme wirkte der Täter «völlig gefasst», fast emotionslos – und er gestand auch sofort. «Er könne es sich selber nicht erklären, sagte er. Er wirkte hilfesuchend, als brauche er jemanden, der ihn verstehen könnte.» Er habe aber auch «alert» gewirkt, und, anders als andere, nicht gestresst. Er sah unauffällig aus.

So erinnert sich die Gerichtspräsidentin Anastasia Falkner an ihren schwierigsten Fall vor fünfzehn Jahren. Sie war damals Untersuchungsrichterin beim Tötungsdelikt in Niederwangen, als in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2002 eine junge Frau mit Messerstichen getötet wurde. Stunden zuvor war in Bümpliz bereits eine andere junge Frau brutal niedergestochen worden. Sie überlebte schwer verletzt.

Über 100 Personen angehalten

Die Bevölkerung war verunsichert, der Druck von Öffentlichkeit und Medien enorm. Ein Serientäter ging um – wann würde er, der als «Mitternachtsmörder» bezeichnet wurde, das nächste Mal zuschlagen? Die Polizei suchte fieberhaft und mit einem grossen Aufgebot nach dem Täter. Ein Profiler aus Österreich wurde beigezogen.

Zwanzig Tage dauerte es, bis Polizei und Untersuchungsbehörden bekannt geben konnten, dass der Gesuchte verhaftet sei. «Wir haben über 100 Personen angehalten», sagt Falkner. Die Behörden wandten eine List an, sie gingen davon aus, dass der Täter eitel und auf sein Erscheinungsbild bedacht sein könnte. Ein Phantombild zeigte ihn unrasiert, im Signalement hiess es, er habe einen unreinen Teint. Tatsächlich begann der Täter dann brieflich mit der Polizei zu kommunizieren. Er war gekränkt, schrieb, er rasiere sich regelmässig.

Häufig kam es vor, dass der 27-jährige Ebner die Untersuchungsrichterin zu sehen wünschte, um mit ihr zu sprechen. Falkner musste dann abwägen, fuhr von Bern nach Thun ins Regionalgefängnis, wo Ebner einsass. «Er hat positiv auf mich reagiert», sagt Falkner über Ebner. «Er klammerte sich fast an mich.» Ebner, der ein erfolgreicher Waffenläufer war, hatte die Taten von Anfang an gestanden.

Falkner wollte das Gesprächsbedürfnis des Inhaftierten nicht zu stark abblocken, denn eine Kooperation war erwünscht, weil Ebner auch noch zahlreiche andere Delikte begangen hatte. «Ich wollte ihn als Menschen behandeln, aber ich wollte ihm natürlich auch die Taten nachweisen.» Wegen der Fluchtgefahr trug Ebner bei den Einvernahmen stets Fussfesseln.

Schon lange bevor es zur Eskalation kam, wusste die Polizei, dass ein unberechenbarer Gewalttäter unterwegs war. Es gab eine lange Serie von Überfällen auf junge Frauen. Der Täter rempelte sie an, entriss ihnen die Handtasche, spritzte ihnen eine Flüssigkeit ins Gesicht. Die Fälle wurden immer heftiger. Im Dezember 2001 wurde eine junge Frau in Bremgarten überfallen und verletzt, im Januar 2002 würgte ein Unbekannter bei Büren zum Hof eine 19-Jährige, schlug ihren Kopf auf die Strasse, versuchte sie auf ein Feld zu schleifen. Sie konnte fliehen, als sich ein Auto näherte. Für all diese Attacken war – wie sich herausstellte – Ebner verantwortlich. Er schrieb manchmal seinen Opfern nach der Tat, nicht selten endeten die Briefe mit einer Beleidigung oder einer Verhöhnung.

Nicht mehr über die Zeit sprechen will die Frau, die damals in Bümpliz auf dem Nachhauseweg schwer mit Messerstichen verletzt worden war. Den Film könne sie zwar nicht verhindern, sagt sie. «Aber ich habe das hinter mir gelassen und will nicht dauernd mit der Vergangenheit in Verbindung gebracht werden.» Sie führe nun ein normales Leben und verwende ihre Energie für Gegenwart und Zukunft.

Kaum Reue über seine Taten

Als Häftling war Ebner gesprächig, aber darauf bedacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Er bedauerte zwar die Taten und sagte, es tue ihm leid, doch Falkner hatte den Eindruck, dass die Reue nur oberflächlich und die Fähigkeit zur Empathie schwach ausgebildet war: Denn nach den Opfern erkundigte er sich kaum. «Mehr beschäftigte ihn die Frage, ob er jemals wieder aus dem Gefängnis käme. Er war sehr ichbezogen.» In diesem Punkt konnte ihm Falkner nur wenig Hoffnungen machen, wollte aber auch nicht zu deutlich aussprechen, dass Ebner mit einer Verwahrung ohne Aussicht auf Freilassung rechnen musste. In diesen Momenten sei seine Verzweiflung angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage spürbar geworden.

«Ich wollte Ebner als Menschen behandeln, aber ich wollte ihm natürlich auch die Taten nachweisen»: Untersuchungsrichterin Anastasia Falkner. Foto: Manu Friederich (Archiv)

Falkner spürte bei ihm ein «extremes Bedürfnis nach Zuneigung». Er hatte auch eine sehr schwierige persönliche Geschichte. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder lebte er als Kind in einem Zustand grosser Verwahrlosung. Einmal habe der ältere Bruder, weil nichts zu essen im Haus war, Mischa ein Blatt Papier mit der Schere in Streifen und Fetzen geschnitten. Das sei nun das Abendessen, sagte er.

Die Behörden schritten ein und brachten die Kinder in ein Heim. Als die beiden zu einer Pflegefamilie kamen, waren sie vier und sechs Jahre alt. Mit vier Jahren konnte Ebner noch nicht richtig gehen und sprechen. Allerdings wertet Falkner diese Lebensumstände nicht als Entschuldigung, denn als er die Taten beging, hatte Ebner eine Beziehung zu einer Freundin, die diese als «liebevoll» schilderte. «Die Möglichkeit, sich anders zu entwickeln, wäre da gewesen», sagt Falkner. Auch die Pflegeeltern hätten sich sehr stark bemüht.

Ebner sprach von Verzweiflung

Ebner gab immer wieder Kontaktanzeigen auf, sprach Frauen an, denen er beim Joggen oder sonst auf der Strasse begegnete, schickte ihnen Briefe. Das hatte etwas Suchthaftes. Den meisten Frauen war er unheimlich: Sie hatten den (zutreffenden) Eindruck, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Ebner wiederum nahm die Ablehnung sehr persönlich und entwickelte einen Hass auf Frauen.

Später schrieb er dazu, er habe an sich selber «so viel Gutes» gesehen, er sei aber immer wieder abgewiesen worden. «Da hat sich eine Verzweiflung breitgemacht, die mich Sachen machen liess, welche ich selber nicht verstehen kann.» Er spürte auch ein Verlangen, andere zu demütigen und Macht auszuüben. Auch wenn er von einem Etwas sprach, das ihn die Taten begehen liess, so bereitete er die Attacken doch vor, plante sie. Er packte ein Messer in seine Bauchtasche, fuhr auf dem Velo durch die Gegend, verfolgte Frauen, spionierte ihnen nach – schrieb ihnen Briefe.

Im Rahmen der Fahndung publizierte die Polizei nicht nur ein Phantombild, sondern auch Schriftproben aus den Briefen, die er an die Polizei geschickt hatte. Den entscheidenden Hinweis lieferte eine junge Frau, die von Ebner Post erhalten hatte. Sie kenne diese Handschrift, sagte sie aus.

Die Polizei besass DNA-Proben von einem «Würgefall» und konnte diese mit der DNA, die Ebner auf der Rückseite der Briefmarken hinterlassen hatte, abgleichen. Ebner wurde in einer Wohnung im Spiegel verhaftet, er war Koch in einem Restaurant in der Berner Altstadt, galt als geschätzte Arbeitskraft. Bei den Strafverfolgungsbehörden und in der Öffentlichkeit war die Erleichterung gross, als man den Täter erwischt hatte.

Der «Blick» veröffentlichte Bilder des Täters als Waffenläufer, im Tarnanzug und mit Gewehr auf dem Rücken. Die Zeitung nannte auch den vollen Namen. «Nun machte es keinen Sinn mehr, den Namen geheim halten zu wollen», sagt Anastasia Falkner. «Zudem ging es darum, die über 100 angehaltenen Personen von jedem Verdacht zu entlasten.» So nannte auch die Polizei in ihren Mitteilungen den Namen. Ebner war empfänglich für die Aufmerksamkeit der Medien. «Er fand das spannend, doch wir unterbanden die Korrespondenz weitgehend», erinnert sich Falkner. Andererseits wirkte Ebner geknickt, wenn die Berichterstattung über ihn negativ war.

Am 24. November 2002, einem Sonntag, erhängte sich Ebner mit einem Leintuch. Vier Jahre zuvor hatte sich sein älterer Bruder erhängt. Als sich Ebner umbrachte, befand er sich in einer Zweierzelle im Gefängnis in Thun, der andere Insasse war jedoch vor dem TV eingeschlafen. Er hatte 29 Straftaten gestanden. Darunter war auch ein Delikt, das er einige Tage nach dem Mord von Niederwangen begangen hatte – im Kanton Aargau, wo seine damalige Freundin lebte und wo er hinziehen wollte. In Köniz hatte er sich bereits abgemeldet.

«Passte nicht zum Selbstbild»

Es war keine Überraschung, dass sich Ebner umgebracht hatte. Die Behörden wussten, dass er suizidgefährdet war. Es sei aber gegen die Menschenwürde, einen Häftling 24 Stunden am Tag zu überwachen, sagt Falkner. Zwischenzeitlich war er aus diesem Grund auch in der Bewachungsstation in der Insel untergebracht, im Regionalgefängnis in Thun wurde er regelmässig kontrolliert. Ebner sei eine vielschichtige, problematische Person gewesen, sagt Falkner. «Er sah sich nicht als Mörder, das passte nicht zu seinem Selbstbild.»

Es gab keine eigentliche Diagnose, da sich die Psychiater in der Beurteilung nicht einig waren. Das Gutachten, das im Hinblick auf den Prozess in Auftrag gegeben worden war, wurde nicht fertiggestellt. Die Befunde blieben unter Verschluss.

Der Psychiater hielt Ebner zwar nicht für einen Psychopathen, wie er später in einem Dokumentarfilm sagte, denn gerade der Sport habe ihm auch viel an Disziplin abverlangt. Mit seinem älteren Bruder habe ihn eine fast symbiotische Beziehung verbunden. Der Psychiater sagte aber auch, er hätte grosse Zweifel gehabt, ob eine Therapie erfolgreich gewesen wäre. (Der Bund)

Erstellt: 31.07.2017, 10:24 Uhr

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Der Film über den Fall kommt 2018

Der Fall Ebner wird immer wieder zur Vorlage für
Kulturschaffende.


In Luxemburg wurde 2008 ein Tanztheater über den Frauenmörder Mischa Ebner aufgeführt. Ein Roman über den Fall erschien letztes Jahr: «Ein passender Mieter» des Berner Schriftstellers Lukas Hartmann, der damals im selben Quartier lebte wie der Täter. Im Herbst will der frühere Polizeisprecher Jürg Mosimann seinen dritten Krimi vorlegen, dieser beruht auf den Begebenheiten des Falles. Und im Februar oder März 2018 kommt ein Spielfilm in die Kinos.

Beim Grand Prix von Bern wurden Szenen für den Film «Der Läufer» mit Max Hubacher in der Hauptrolle gedreht. Es handle sich um einen fiktionalen Film, der sich am realen Fall orientiere, sagt der Produzent Stefan Eichenberger von Contrast Film. 2012 habe sich die Idee für einen Film konkretisiert. «Ich hatte plötzlich dauernd den Fall im Kopf», sagt Eichenberger. Der Hintergrund: Eichenberger trieb als Teenager selber Spitzensport, dabei müsse es zu «unbewussten Begegnungen» mit Ebner gekommen sein. «Ich bin teilweise an den gleichen Rennen gelaufen wie Ebner. Ich habe ihn aber nicht gekannt und auch nicht bewusst wahrgenommen.»

«Teilweise vom Fall gelöst»

Zusammen mit Regisseur Hannes Baumgartner und Drehbuchautor Stefan Staub recherchierte Eichenberger den Fall und entwickelte das Drehbuch. «Aus Rücksicht auf die Opfer und die involvierten Personen ist es keine reine Nacherzählung. Wir haben uns teilweise ganz bewusst vom realen Fall gelöst», sagt Eichenberger. Der Film spielt zu einem grossen Teil in Bern, doch auch am Frauenfelder Waffenlauf, den Ebner zweimal gewonnen hatte, gab es Aufnahmen.

Der Film erzählt, wie ein junger Mann ein Doppelleben entwickelt, Frauen attackiert und zum Mörder wird. «Man hätte gerne eine logische Erklärung, ein klares Motiv, aber, ich glaube, das ist in diesem komplexen Fall unmöglich.» Eichenberger spricht von einer «dunklen Seite», die Ebner nicht habe kontrollieren können. Ein gesichertes Krankheitsbild gebe es nicht. «Er fühlte sich durch die Attacken stärker und mächtiger und wurde fast süchtig danach.» Bei den Übergriffen sei nicht selten auch der Zufall im Spiel gewesen, sagt Stefan Eichenberger. Andererseits sei Ebners Ziel in der Nacht auf den 1. August 2002 ganz klar gewesen: jemanden umbringen.

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