Lausbub und Killer

Gegner zermürbt, sonst recht fröhlich: Ein Treffen mit Schach-Weltmeister Magnus Carlsen, der sich in Biel auf die WM vorbereitete.

Rückkehr als Weltmeister: Magnus Carlsen in der Bieler Altstadt. Bild: Lennart Ootes / Biel International Chess Festival

Rückkehr als Weltmeister: Magnus Carlsen in der Bieler Altstadt. Bild: Lennart Ootes / Biel International Chess Festival

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Carlsen mit Bauer auf d4, Karjakin mit Springer auf f6, Carlsen mit Läufer auf g5. «Trompowsky» hiess die seltsame Eröffnung, und im Publikum tönte es ungefähr so: «Oh!», und «Ah!» Magnus Carlsen hatte die Schach-WM 2016 gerade mit einer Idee eines ­gewissen, kaum bekannten Octavio Trompowsky begonnen – das in New York, drei Tage nach Trumps Sieg, ausgerechnet. Seither rätseln die Fans: Ist Carlsens «Trompowsky» der beste Scherz der Schachgeschichte? Die coolste Zugfolge je?

Magnus Carlsen sitzt in einem Zimmer des Kongresshauses Biel, hier ­duelliert er sich bis nächsten Mittwoch mit anderen Grossmeistern. Als er das Wort «Trompowsky» hört, steigen die Mundwinkel und legen die weissen Zähne frei. Es ist das Grinsen eines Jungen, dem niemand böse sein kann, und es passt perfekt zum Image des Schach-Mozarts, der seine Gegner mit genialer Dreistigkeit übertölpelt.

«Ich möchte die Trompowsky-Legende nicht zerstören», sagt Carlsen. Jedenfalls habe sich diese Eröffnung damals überhaupt nicht ­gelohnt, so viel könne er sagen. Tatsächlich gewann der Norweger sein letztes WM-Finale nur knapp. Diesen November muss Carlsen seinen Titel gegen Fabiano Caruana verteidigen. Der Amerikaner gilt als extremer Pedant. Karjakin, selber ein eher reservierter Typ, beklagte sich, mit diesem Caruana könne man nicht reden. Zu introvertiert.

Wie langsames Ertrinken

Magnus Carlsen wurde auch deshalb zur globalen Marke, weil man ihm den Nerd nicht gleich anmerkt. Viele seiner Gegner haben unvorteilhafte Stimmen, dicke Brillen, fusselige Bärtchen. Carlsen dagegen zeigt sich auf Instagram als Naturbursche: wie er im See schwimmt oder mit nacktem Oberkörper am Barren turnt. Seine Hände sind kräftig, der Gang o-beinig, der Wuchs gedrungen und kompakt. Auch ist er der erste Schachspieler, der von einer Modefirma gesponsert wird. In Biel trägt er einen schwarzen Anzug, die Haare sind zur Tolle gegelt. Carlsen spricht das propre Englisch der Skandinavier. Vermutlich könnte er auch Surfkurse leiten. Oder als Jungmanager eine dynamische Powerpoint-Präsentation hinlegen.

Am Schachbrett allerdings ist Magnus Carlsen nur eins: ein Killer. Berüchtigt dafür, dass er nach vielen Zügen und abgeräumten Figuren allmählich eine Art Verhör­situation aufbaut. Dass er nicht brachial in die Offensive geht, sondern den ­Gegner mit kleinen, überraschenden, kniffligen Fragen und Herausforderungen traktiert. Carlsen liebt es, auf diese Weise lange Partien zu spielen. Das Gegenüber befindet sich im Dauerstress – ein Fehler, die Implosion, und bereits wechselt Carlsen in den Endspielmodus. Gegen Magnus Carlsen zu spielen, sagte die ungarische Grossmeisterin Judith ­Polgar einmal, fühle sich an wie langsames Ertrinken.

Er bügelt die Fragen weg

Für die Organisatoren des Schach­festivals Biel ist Carlsens Verpflichtung ein Coup. Eingefädelt hat ihn der Schachprofi und gebürtige Bieler Yannick Pelletier. «Wir wollten ihn schon früher nach Biel holen, aber es muss halt einiges stimmen: seine Agenda, das Geld, die Ansetzung anderer Turniere.»

Wie viel Geld er für Carlsen in die Hand nehmen musste, will Pelletier nicht ­sagen. Er betont, Carlsens Zusage habe auch emotionale Gründe. «Er spielte ja bereits als 14-Jähriger einmal hier. Er hat definitiv gute Erinnerungen an unsere Stadt.»

Jede halb gare Idee ist ihm eine Qual, jede Dummheit ein Gedankenbremser.

An der Pressekonferenz bügelt Carlsen alle Fragen weg. Welcher Gegner ihn überraschen könnte? Alle könnten ihm gefährlich werden, sagt er. Warum er länger nicht in Biel gewesen sei? Konzentrieren wir uns auf die Gegenwart. Wie er die Wirren im Schachverband sieht? Er will sich da nicht einmischen. Danach eine halbe Stunde Zeit fürs ­Gespräch im kleinen Rahmen. Dazu befragt, ob er immer noch anonym im Internet Schach spiele, und ob er sich zuweilen zum Spass als Carlsen zu erkennen gebe – da wird Magnus Carlsen grummelig. Knapp sagt er: «Anonym zu bleiben ... darum gehts doch im anonymen Spiel, nicht?!»

Für viele Journalisten geht Carlsens schläfrige Gleichgültigkeit in Arroganz über. Aber vielleicht sind ja ihre Fragen das Problem. Carlsen ist seit Kindes­jahren extrem fokussiert, ein hoch präziser Denker, durchdrang die alt­indische Parallelwelt des Schachs früher als vielleicht irgendein Mensch. Mit 13 Jahren war er Grossmeister, mit 19 an der Spitze der Weltrangliste, mit 22 Weltmeister. Jede halb gare Idee ist ihm eine Qual, jede Dummheit ein Bremser der hoch getakteten Gedanken.

Am härtesten ist Carlsen mit sich ­selber. Alle Faktoren seines Spiels unterwirft er dieser Tage der Analyse – auch sein eigenes Hirn. Das Gedächtnis sei nicht mehr so zuverlässig, stellt er fest. Ansonsten sei er mit seiner kognitiven Leistung ganz zufrieden. Gut zehn ­Jahre gibt Carlsen seinem Hirn noch, um auf dem heutigen Level zu funktionieren. «Danach beginnt das Leiden.»

Mutter und Vater sind dabei

Biel ist wohl sein zweitletztes Turnier vor der WM. Es stehe für sich, sagt der Weltmeister, sei kein blosser Vorbereitungswettkampf. Aber natürlich will er hier Schwung und Selbstvertrauen ­holen. Magnus Carlsen braucht das mehr als früher. Das Siegen ist zäher geworden, die Wunderkind-Zeit passé. Am Umfeld des mittlerweile 27-Jährigen hat sich erstaunlich wenig geändert: Mutter Sigrun steht während des ­Gesprächs in einer Ecke, später kommt Vater Henrik dazu.

Carlsen erwartet den Kampf gegen Caruana mit grossem Respekt. Mit seiner aktuellen Verfassung ist er unzufrieden. Ein bisschen viele Fehler habe er gemacht in diesem Jahr, sagt er. Wie sieht das die Konkurrenz? Anruf bei ­Peter Svidler (42), mehrfacher russischer Meister. Svidler ist noch immer ein brillanter Spieler, aber auch für seinen Witz als Kommentator bekannt. Am Dienstag hat er in Biel gegen Carlsen gespielt und ihm ein Remis abgeluchst.

Er gleicht einem Tennisspieler, der mit dem Holzracket Wimbledon gewinnt.

«Mag sein, dass seine Resultate ­etwas schlechter sind als in früheren Jahren», sagt Svidler. Auch warte mit Caruana ein aggressiver Herausforderer. Karjakin habe vor allem Carlsens Angriffe eindämmen wollen. Nun müsse sich der Norweger auf ein offeneres Spiel einstellen. Aber echten Grund zur Sorge habe Carlsen nicht. «Er ist noch immer der Mann, der das Schach bis in die ­letzte Verzweigung versteht.» Pelletier schätzt Carlsens Gewinnchancen vorsichtig auf 60 Prozent. «Es wird ein enges Duell, weil Caruana mental extrem stark ist. Er spielt nach Rückschlägen jeweils völlig unbeeindruckt weiter.»

Die Intuition wirken lassen

Nebst der Formschwankungen könnte die Computerisierung längerfristig ein Problem für Carlsen werden, die Software-gestützte Verplanung des Spiels. Dem Schach passierte früh, was später anderen Lebensbereichen widerfuhr: die Abwertung des menschlichen Geistes durch rohe Rechnerpower. Als der weltbeste Spieler Garri Kasparow 1996 gegen die Maschine Deep Blue ­verlor, war das ein kopernikanischer Schock mittleren Grades. Der Computer stieg zum wichtigsten Assistenten ­jedes Topspielers auf. Auch Carlsens Crew nutzt Schach-Software, er selber spielt jedoch bis heute nicht gegen den Computer. Ein Entwickler von Schachcomputern verglich Carlsens Triumphe einmal mit dem Wimbledon-Sieg eines Tennisspielers, der mit einem Schläger aus Holz antritt.

Heute könne sich jeder für die ersten zehn, fünfzehn Züge mit dem Computer absichern, sagt Carlsen. «Aber das ist nicht das, was Schach ausmacht.» Gegen Karjakin habe er sich zu sehr mit diesen Eröffnungen herumgeschlagen, sagt er. Gegen Caruana will er sich nun auf spätere Spielstadien fokussieren. Auf jene Momente, wenn seine Intuition zu wirken beginnt. Wenn Caruanas Pläne verfallen.

Keine Freunde

Wer mit Carlsen spricht, merkt bald: Spitzenschach ist gnadenlos, beherrscht von purem Kalkül und kalter Abstraktion. So was kann die Seele angreifen. Andere Grossmeister geben erschreckende, später oft literarisierte Beispiele ab: Aaron Nimzowitsch sprang nach einer Niederlage brüllend auf den Tisch, Wilhelm Steinitz wurde in die Psychiatrie eingeliefert und soll Gott zu einer Partie herausgefordert haben, Bobby ­Fischer vagabundierte als Irrlicht durch die Welt.

Über solche Gefährdungen redet Carlsen ungern – «aber ja, Schach ist eine harte Sache». Mit seinen Gegnern will er sich gar nicht erst anfreunden. Das wäre eine Schwäche, unnötiger psychologischer Ballast. Er habe heute keine Probleme mit Caruana, doch das werde sich bald ändern. Die Anspannung an einer Weltmeisterschaft sei gross. Bei einem solchen Duell sei es kaum möglich, freundschaftlich zu ­bleiben. Damit, sagt Magnus Carlsen, könne er gut leben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2018, 11:33 Uhr

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