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«Es war zu viel für eine Seele»

«Es tut mir von Herzen leid», sagt die angeklagte No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa vor Gericht. Die Entschuldigung gilt drei Männern, mit denen sie trotz HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte.

Gefallener Engel: Nadja Benaissa wartet auf den Prozessbeginn im Gericht in  Darmstadt.
Gefallener Engel: Nadja Benaissa wartet auf den Prozessbeginn im Gericht in Darmstadt.
afp
Letzte Besprechung mit Ihren Anwalt Oliver Wallasch.
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afp
2001 bestand die Band noch aus fünf Mitgliedern.
2001 bestand die Band noch aus fünf Mitgliedern.
Keystone
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Vor ein paar Jahren soll sie sich noch ganz anders angehört haben. Das berichtet der Zeuge, den sie angesteckt haben soll, vor Gericht. Nadja hatte demnach für ihn nur einen kurzen Kommentar übrig. «Er wird lernen, damit umzugehen», soll sie zu ihrer Tante gesagt haben.

Die Anklage wiegt schwer: gefährliche Körperverletzung. Dafür droht ihr eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren. In den Fällen, bei denen es nicht zur Ansteckung kam, wird ihr versuchte Körperverletzung vorgeworfen.

Für den 34-jährigen Künstlerbetreuer, den Benaissa 2004 bei Studio-Aufnahmen kennenlernte, ist seit seinem Aids-Test im Jahr 2007 nichts mehr, wie es war, nicht nur weil er beruflich kürzertreten musste. Die Immunschwäche-Krankheit kann jederzeit ausbrechen, die Lebenserwartung ist signifikant gesunken.

«Du hast mir so viel Leid zugetragen»

Damals hatten sie sich geliebt, fünf bis sieben Mal körperlich, so das Vernehmungsprotokoll. Nun begegnen sie sich vor Gericht wieder. «Ich wollte das hier nicht», sagt der Exfreund. Trotzdem hat er mit seiner 2008 erstatteten Anzeige den Prozess ins Rollen gebracht und tritt darin als Nebenkläger auf. Die Liebschaft der beiden währte nur kurz. Sie nahm ein jähes Ende, als Benaissa für die MTV-Sendung «Dismissed» in die Karibik flog. Und sich in der Dominikanischen Republik mit einem anderen Mann, so die Anklage, am Strand vergnügte. Wiederum ungeschützt.

«Du hast mir so viel Leid zugetragen», sagt der 34-Jährige direkt an Benaissa gewandt. In seiner Stimme scheint eine tiefe Wut mitzuschwingen. Mit jeder Bettpartnerin nach seiner Ansteckung habe er zum Arzt gehen müssen. «Über die Zeit hat sich mein Brechreiz erhöht», erklärt er dem Richter. Schliesslich will er der Sängerin ein Ultimatum gestellt haben: entweder öffentlich zur HIV-Infektion bekennen und 100.000 Euro an eine Aids-Stiftung überweisen oder der Rechtsweg. Benaissa hatte zu diesem Zeitpunkt wegen massiver Schulden gerade eine Eidesstattliche Versicherung abgegeben und somit gar keine Wahl.

Outing von Staats wegen

So kam es am 11. April 2009 zur spektakulären Verhaftung der Sängerin unmittelbar vor einem Soloauftritt in einer Frankfurter Diskothek. Das Outing nahm ihr die Staatsanwaltschaft in einer viel kritisierten Pressemitteilung ab. Zehn Tage blieb Benaissa in Untersuchungshaft. Später sprach sie im Fernsehen über ihre Krankheit. Dem Richter erklärt sie nun, dass das Verfahren ihr vor Augen geführt habe, dass ihr Umgang mit der Krankheit falsch war.

Der Druck aber sei enorm gewesen. Die Karriere, das ganze Projekt No Angels habe auf dem Spiel gestanden. Wie deutlich der Druck vonseiten ihres Managements war, liess sie offen. «Ich kann nur sagen, dass ich es nicht gewollt habe, dass Umstände dazu geführt haben, dass ich die Kontrolle verloren habe», sagt sie und Kämpft dabei sichtlich mit den Tränen.

Tante wurde als Zeugin vernommen

Gerüchte über die HIV-Infizierung Benaissas kursierten in der Musikbranche schon viele Jahre vor dem Zwangs-Outing. Sie selbst sei daher davon ausgegangen, dass der Künstlerbetreuer davon gewusst haben musste. Dieser hingegen erklärt, erst drei Jahre später von einer Tante der Sängerin davon erfahren zu haben. Über Verhütung sei damals jedenfalls nie gesprochen worden, darin sind sich beide einig.

Ob der 34-Jährige tatsächlich von Benaissa angesteckt wurde, bleibt zu klären. Denn erst nach dem Gespräch mit der Tante liess er sich selbst testen. Die Tante wurde am Nachmittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit als Zeugin vernommen.

Radikaler Lebenswandel

Wie Benaissa selbst zu ihrer Infektion gekommen ist, weiss sie nach eigenen Angaben nicht. Erfahren habe sie es, nachdem sie mit 16 Jahren schwanger geworden war - also 1998. Im Jahr 2000 nahm sie am Casting für die Band No Angels teil und wurde über Nacht zum Pop-Star. Von da an ging alles sehr schnell. Das alte Leben war vorbei. Das neue war in weiten Teilen öffentlich. In den Boulevard-Medien war schon bald auch ihr Drogen-Konsum als Jugendliche zum Thema. Vor einer offenen Debatte über HIV habe sie daher «tierische Angst» gehabt. «Ich musste die Rolle bewahren», sagt Benaissa. «Ich konnte nicht alles richtig machen. Es war zu viel für eine Seele.»

dapd Benjamin Wünsch/bru

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