Der stille Hüter eines «Nazischatzes»

Die Bilder des Sammlers Cornelius Gurlitt werden in Bern gezeigt.

Cornelius Gurlitt im November 2013 vor seinem Haus in München. Bild: babiradpicture/abp

Cornelius Gurlitt im November 2013 vor seinem Haus in München. Bild: babiradpicture/abp

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Kaum jemand kannte diesen Mann. Cornelius Gurlitt lebte zurückgezogen in München. Gesellschaft leistete ihm nur die «Liebe seines Lebens», wie der «Spiegel» schrieb: eine Sammlung von mehr als 1500 Bildern, das Erbe seines Vaters Hildebrand Gurlitt, eines in Deutschland bekannten Kunsthändlers während der Nazizeit. Diese grosse Liebe wurde Gurlitt zum Verhängnis. Manche sagen, die Kontroverse um diese Werke habe den 81-Jährigen in den Tod getrieben.

Von einem «Nazischatz», den Gurlitt vor seinen rechtmässigen jüdischen Eigentümern versteckt habe, schrieb das Magazin «Focus», das Ende 2013 aufdeckte, dass die Behörden die Sammlung schon Anfang 2012 beschlagnahmt hatten. Die Enthüllung sorgte weltweit für Aufsehen – und der schüchterne alte Herr wurde von den Medien belagert. «Was wollen diese Menschen von mir?», fragte er eine «Spiegel»-Journalistin. «Ich bin doch etwas ganz Stilles.»

Roter Nagellack und ein Dolch in der Brust

Gurlitt wurde 1932 in Hamburg geboren, wuchs im Krieg auf. Der Vater, der jüdische Vorfahren hatte, wurde von den Nazis als Händler geduldet. Nach dem Krieg studierte Cornelius in Köln Kunstgeschichte, machte eine Ausbildung als Restaurator. Doch nachdem der Vater gestorben war, liess er beides fallen. Der junge Mann zog nach Salzburg und scheint künstlerische Ambitionen gehabt zu haben. Ein Selbstporträt von 1955 zeigt ihn grell geschminkt und mit rotem Nagellack, in der Hand ein Glas Wein, in der Brust ein blutiger Dolch. Was bewegte ihn damals?

Cornelius machte nie Karriere, zog zu seiner Mutter nach München – in die Wohnung, in der er bis zuletzt blieb. Aber seine weltfremde Ruhe hatte ein Ende, als er im September 2010 im Zug von Zürich nach München kontrolliert wurde. Zollbeamte fanden bei dem alten Mann 9000 Euro Bargeld. Das ist nicht verboten. Doch auf die Frage, woher das Geld stamme, sprach Gurlitt von Kunstwerken, die sein Vater verkauft habe. Die Zollfahnder schöpften Verdacht, Gurlitt wurde überwacht. Ein gutes Jahr später griffen sie zu, holten gut 1200 Werke aus der Wohnung. Später kamen mehr als 300 weitere aus seinem Haus in Salzburg dazu.

Vorgehen der Fahnder juristisch höchst fragwürdig

Tatsächlich war das Vorgehen der Fahnder juristisch höchst fragwürdig. «Hätte Gurlitt einen Anwalt gehabt, hätte sich die ganze Sache sofort in Luft aufgelöst», sagte der Autor Maurice Philip Remy der Zeitung «Der Bund». Sein Buch «Der Fall Gurlitt. Die wahre Geschichte» ist gerade erschienen. Der sich anbahnende Justizskandal blieb aus: Cornelius Gurlitt starb im Mai 2014 nach einer Herzoperation.

Seine geliebte Sammlung vermachte Gurlitt dem Kunstmuseum Bern, das einen Teil jetzt ausstellt. Seit 2012 werden die Bilder untersucht. Handelt es sich um Raubkunst? Hunderte Bilder bleiben in Deutschland blockiert. Bisher bestätigte sich der Verdacht nur in sechs Fällen.

Erstellt: 29.10.2017, 20:09 Uhr

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