Falsche Bewegungen

Die junge Iranerin Maedeh Hojabri wurde verhaftet, weil sie im Internet tanzte.

Wegen eines Tanzes verhaftet: die Iranerin Maedeh Hojabri. Video: Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir wissen nicht, wo sie ist, wie es ihr geht, ob sie in Gefahr ist oder mit Respekt behandelt wird. Wir wissen nur, dass Maedeh Hojabri erreicht hat, wonach sie sich so lange gesehnt hat: dass die ganze Welt ihr zuschaut.

Dass sie sich so sehr danach gesehnt hat, darauf deuten die zahllosen Bilder hin, welche die 19-jährige Iranerin von sich ins Netz gestellt hat. Sie ist darin zu sehen in allen möglichen Posen, mit allen möglichen Kleidern und mit dem immer gleichen Schlafzimmerblick über einem grellrot geschminkten Mund.

Maedeh mit Hund und alleine, im Abendkleid, mit Jeans, lachend mit Freunden, aufgedonnert, nicht aufgedonnert. Salopp, lasziv, görenhaft. Unschuldig, verrucht, provokativ. Offenbar will eine junge Frau allen zeigen, wie schön sie sich findet. Ihre Tausenden von Followern auf Insta­gram scheinen derselben Ansicht zu sein.

Über drei Millionen Frauen verzeigt

Nun hat Maedeh Hojabri eine Steigerung ihrer Posen realisiert: Sie tanzte, filmte sich dabei, lud ihre Videos hoch – und wurde von der iranischen Polizei verhaftet. Im Iran gilt es als unsittlich, wenn Frauen in der Öffentlichkeit tanzen. Ausserdem ist es ihnen verboten, sich ohne Kopftuch zu zeigen. Innerhalb eines einzigen Jahres, schreibt Amnesty International, seien im Iran über drei Millionen Frauen verzeigt worden, weil sie sich den Kleidervorschriften widersetzt hätten.

Und was geschah mit Maedeh Hojabri? Am Freitag zeigte das iranische Staatsfernsehen sie bei einem entschuldigenden Bekenntnis, von dem anzunehmen ist, dass es unter Druck entstand. Doch weder die Verhaftung der Tänzerin noch ihre öffentliche Demütigung scheinen ihre abschreckende Wirkung erreicht zu haben. Im Gegenteil: Seit Hojabris Verhaftung haben mehrere Iranerinnen aus Solidarität demonstrativ Tanzvideos ins Netz gestellt.

Tanzen werde mit Prostitution assoziiert

Tanzen, hat der Germanist Manfred Schneider geschrieben, sei «die gleitende Erlösung aus den Fesseln der Sprache». Im Iran, scheint es, ist der Tanz die gleitende Erlösung aus den Fesseln des Fundamentalismus. In seiner Heimat assoziiere man das Tanzen «mit Dingen wie Prostitution, Nacktheit und Vulgarität», sagt der iranische Tänzer und Choreograf Asshin Gharrian der Onlinezeitschrift «Planet Interview». Zugleich sei es sehr beliebt.

Der Trick bestehe darin, sagt er weiter, das Tanzen hinter anderen Begriffen zu verstecken. So werde seine Art zu tanzen als Körpertheater beschrieben, Hip-Hop nenne man im Iran Aerobic, und klassisches Ballett, das man auch in Teheran lernen könne, heisse Rhythmische Gymnastik. Auch Maedeh Hojabri sagte, sie habe ja nur geturnt. «Es wird überall getanzt», sagt Gharrian. «Auf Hochzeiten, privat, auch in offiziellen Kreisen.»

Frauenturnen: ein iranischer Volkssport.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 21:10 Uhr

Artikel zum Thema

Schleierlose Freiheit im Iran

Immer mehr iranische Frauen widersetzen sich der Kopftuchpflicht. Das Regime will hart durchgreifen. Mehr...

Was die Menschen im Iran auf die Strasse treibt

Unzufrieden mit der Wirtschaftslage sind die Iraner seit langem. Das jüngste Budget der Regierung, das Subventionskürzungen für Ärmere vorsieht, scheint das Fass nun zum Überlaufen gebracht zu haben. Mehr...

Proteste im Iran fordern weitere Opfer

Video In vielen Teilen Irans ist es zu teils heftigen Demonstrationen gegen die Regierung gekommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...