Genugtuung für Millionen

Eine Zeitung beschuldigt den Schauspieler Geoffrey Rush der sexuellen Belästigung. Dafür muss sie eine saftige Entschädigung zahlen.

Dem australischen Schauspieler Geoffrey Rush wurde von einer Zeitung vorgeworfen, seine Berufskollegin Eryn-Jean Norvill während einer Szene an der Brust berührt zu haben. Foto: Dylan Coker (AP)

Dem australischen Schauspieler Geoffrey Rush wurde von einer Zeitung vorgeworfen, seine Berufskollegin Eryn-Jean Norvill während einer Szene an der Brust berührt zu haben. Foto: Dylan Coker (AP)

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Die Schlagzeile war gemein, aber grossartig: «King Leer», titelte der «Daily Telegraph», eine australische Boulevardzeitung aus Sydney. Leider muss man die Schlagzeile auf deutsch erklären, was die Grossartigkeit mit Umständlichkeit beschwert. Geoffrey Rush, der oscargefeierte Schauspieler, spielte vor vier Jahren in Sydney den King Lear von William Shakespeare. Das Stück handelt von einem greisen, durch den Wahn überwältigten Vater, der sein Reich auf zwei seiner drei Töchter verteilt. Und in der Folge erkennen muss, dass ausgerechnet die jüngste Tochter Cordelia, die er verbannt hatte, loyal zu ihm gewesen war. Am Ende des Stücks trägt Lear Cordelias Leichnam auf seinen Armen.

Auf dieser Szene gründet der Vorwurf, Geoffrey Rush habe die Schauspielerin Eryn-Jean Norvill an der Brust berührt. Darum der Titel der Zeitung. «To leer» heisst: unanständig anschauen. Der 67-jährige Schauspieler verklagte die Zeitung wegen Rufmord. Vor Gericht, den Tränen nahe, wies er die Vorwürfe erneut zurück und sagte, die Beziehung zu seiner jungen Kollegin sei «professionell und warmherzig» gewesen. Er habe sie getragen wie seine Tochter und sich sogar vorgestellt, diese sei gestorben, um sich in die Szene einzufühlen.

Das Gericht gab dem Schauspieler im April recht und verurteilte die Zeitung zu einer Entschädigungszahlung von umgerechnet zwei Millionen Franken. Der Richter nannte die Vorwürfe des «Daily Telegraph» «verantwortungslos» und sprach von einem «Sensationsjournalimus der übelsten Sorte». Die Zeitung wirft dem Richter Parteilichkeit vor und zieht das Urteil weiter. Rush hofft, dass der Fall bald entschieden wird. Er leide unter Ängsten und Schlaflosigkeit.

Er habe sie getragen wie seine Tochter und sich sogar vorgestellt, diese sei gestorben, um sich in die Szene einzufühlen.

Wer sagt die Wahrheit? Für die Vorwürfe der Zeitung spricht, dass die Schauspielerin an ihnen festhält und noch weitere Vorfälle nennt, bei denen Rush aktiv geworden sei. Zudem hat auch die amerikanische Schauspielerin Yael Stone erzählt, Rush habe ihr nachgestellt und sie belästigt. Die «New York Times» machte ihre Vorwürfe im Dezember publik.

Geoffrey Rush ist seit 31 Jahren mit der Schauspielerin Jane Menelaus verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. Er wurde weltberühmt dank «Shine» (1996) mit seiner Darstellung von David Helfgott, dem an Schizophrenie erkrankten Pianisten. Dafür erhielt Rush einen Oscar. Auch brillierte er – unter vielem anderem – in «The King’s Speech» aus dem Jahr 2010 als Sprachtherapeut Lionel Logue, der dem englischen König das Stottern abtrainiert. Was für ein grossartiger Schauspieler er ist, zeigte er in der Darstellung eines Kollegen, der von sich sagte, es gäbe ihn nur in seinen Rollen, denn er habe keine Identität: Peter Sellers. Geoffrey Rush ging in «The Life and Death of Peter Sellers» vollständig im Kollegen auf. Dass auch er jetzt einen schlechten Ruf hat, egal wie die Gerichte entscheiden werden, dürfte ihn sein restliches Leben lang verfolgen.

Das gilt aber auch für die Schau­spielerin Eryn-Jean Norvill: Sie wollte nicht an die Öffentlichkeit. Den Rest ihres Lebens wird sie an diese Zeit mit ihrem Kollegen erinnert werden. Und an den Vorwurf des Richters, sie neige zu «Ausschmückungen und Übertreibungen».

Erstellt: 02.06.2019, 18:44 Uhr

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