«Grosser seelischer Schmerz»

Der türkische Karikaturist Musa Kart soll hinter Gitter – weil seine Zeichnungen den Machthabern missfallen.

Rechtskräftig verurteilt: Ein Jahr und 16 Tage soll Musa Kart hinter Gitter. Foto: AFP

Rechtskräftig verurteilt: Ein Jahr und 16 Tage soll Musa Kart hinter Gitter. Foto: AFP

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Mit der Justiz hatte Musa Kart schon häufiger zu tun. 2005 zum Beispiel, als er beinahe eine Geldstrafe zahlen musste, weil er Recep Tayyip Erdogan als Katze gezeichnet hatte, die sich in einem Wollknäuel verheddert. Die Karikatur spielte auf den Einsatz des damaligen Premiers für islamische Schulen an; Erdogans Partei, die bis heute regierende AKP, kämpfte gegen den erbitterten Widerstand der ­Laizisten für eine Aufwertung dieser Gymnasien.

Ein Anwalt des Premiers klagte, der Katzen-Cartoon habe seinem Mandanten «grossen seelischen Schmerz» zugefügt, ein Gericht verhängte eine Geldstrafe. Am Ende triumphierte Kart: Er zog bis vor den Kassationshof, das Urteil wurde aufgehoben. Zuletzt hat der preisgekrönte Zeichner erneut um seine Freiheit kämpfen müssen. Und diesmal geht die Sache wohl nicht so glimpflich aus.

Der 64-Jährige wurde im April 2018 mit weiteren Mitarbeitern der Oppositionszeitung «Cumhuriyet» wegen «Unterstützung von Terrororganisationen» zu Haftstrafen verurteilt: Ein Teil dieser Strafen, auch die von Kart, ist nun rechtskräftig. Ein Jahr und 16 Tage soll Kart hinter Gitter. «Die Regierung hat gesagt: Werft den Karikaturisten wieder ins Gefängnis!», schrieb er auf Twitter. Er hat bereits neun Monate in Untersuchungshaft verbracht. Nun soll er die Reststrafe absitzen.

Schon als Student erste Karikaturen veröffentlicht

Internationalen Beobachtern gilt der Prozess als Farce – allein schon, weil den Beschuldigten die Unterstützung sowohl der kurdischen PKK als auch der Gülen-Bewegung vorgeworfen wird. Beide sind als Terrororganisationen verboten, verfolgen aber völlig gegensätzliche Ziele. Kart spricht von einem politischen Prozess; er und seine Kollegen hätten nichts anderes gemacht als Journalismus. «Zeichnen ist nun einmal mein Beruf», sagte er in einem «Spiegel»-Interview auf die Frage, ob er Angst vor weiterer Repression habe. Es klang ein wenig ratlos.

Begonnen hat Musa Kart seine Karriere nicht mit politischen Zeichnungen, sondern mit Bauplänen: Er ist studierter Ingenieur, veröffentlichte aber schon als Student erste Karikaturen – in den Achtzigern machte er seine Leidenschaft zum Beruf. 1993 wurde er bei «Cumhuriyet» festes Redaktionsmitglied und bekam bald eine Kolumne. Kart war Teil einer lebendigen, lange Zeit erstaunlich unverwüstlichen Karikaturistenszene. Das Genre ist in der Türkei sehr einflussreich – oder war es zumindest. Zuletzt sind die Spielräume immer stärker geschrumpft. Satirezeitschriften verlieren an Auflage. Die Verbreitung von Karikaturen in den sozialen Netzwerken ist riskant, der Staat schaut mit Argusaugen hin. Viele Zeichner und Zeichnerinnen leben im Exil, und wer bleibt, wird leicht zur Zielscheibe.

Am Ende stand die Übernahme durch die Regierung

Kart arbeitet inzwischen nicht mehr für «Cumhuriyet». Die Belegschaft verstrickte sich in Machtkämpfe, an deren Ende stand die Übernahme durch regierungsnähere Kräfte.

Es gibt nun pessimistische Stimmen, die nicht nur vom Tod des Traditionsblatts sprechen, sondern auch der türkischen Karikaturenkunst eine Eiszeit voraussagen. Vielleicht liegen sie richtig, andererseits: Solange jemand wie Musa Kart an einen ­Bleistift kommt, besteht Hoffnung.

Erstellt: 24.02.2019, 20:59 Uhr

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