El Chapo, der friedliebende Familienmensch

Das «Rolling Stone»-Magazin hat nun ein Video des ganzen Interviews von Hollywood-Star Sean Penn mit Drogenboss El Chapo veröffentlicht.

«Er ist eine Person, die keinerlei Probleme sucht», sagt der Drogenboss über sich selber. Sean Penn interviewt El Chapo. (Video: Rolling Stone/Documentales del Muno/Youtube)


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Sean Penn fragt den Chef des berüchtigten Sinaloa-Drogenkartells, Joaquín Guzmán, genannt El Chapo, zunächst nach seiner Kindheit. Er stamme aus einer einfachen Familie, er könne sich ungefähr bis zum Alter von sechs Jahren zurückerinnern, sagt Guzmán im Interview. Das Magazin «Rolling Stone» hat nun das ganze Video mit den Fragen Penns veröffentlicht, die ein Mitarbeiter des Drogenbosses El Chapo gestellt hatte.

Er habe Orangen, Süssigkeiten und Softdrinks verkauft, erzählt Guzmán. Daneben habe er auch die Kühe der Grossmutter gehütet und Holz gehackt. Die Mutter arbeitete hart. «Wir pflanzten Mais und Bohnen an», sagt El Chapo.

Der heutige Drogenboss, der unmittelbar nach dem Interview verhaftet wurde, sagt, er sei im Dorf Badiraguato auf einer Ranch namens La Tuna aufgewachsen. Damals wie heute habe es in der Region keine Jobs gegeben. Um Geld fürs Essen aufzutreiben, um zu überleben, baute man Marihuana und Mohn an.

Im Alter von 15 Jahren begann er selber, es anzupflanzen, zu ernten und zu verkaufen. Mit 18 ging er erst nach Culiacan, dann nach Guadalajara. «Regelmässig besuchte ich aber die Ranch, und das tue ich bis zum heutigen Tag, denn Gott sei Dank ist meine Mutter noch am Leben», erzählt Guzmán stolz. Sein Familienleben beschreibt er als «sehr normal». Er verstehe sich gut mit seinen Kindern, Brüdern und Neffen.

Nachfolgend ein Auszug aus dem Interview.

Wie leben Sie mit dem Druck, dass nach Ihnen gesucht wird?
Ich bin froh, frei zu sein. Denn Freiheit ist sehr schön. Der Druck ist für mich normal, denn ich musste nun schon einige Jahre vorsichtig sein. Aber ich spüre nichts, das meine Gesundheit oder meinen Geist beeinträchtigen würde. Mir geht es gut.

Ist es wahr, dass Drogen Schaden anrichten und die Menschheit zerstören?
Nun, es ist eine Realität, dass Drogen zerstören. Leider, wie ich schon sagte, gab und gibt es dort, wo ich aufgewachsen bin, keine andere Möglichkeit, um zu überleben. Es gibt keine andere Möglichkeit, in unserer Wirtschaft mitzuarbeiten.

Sind Sie verantwortlich für die grosse Zahl an Drogenabhängigen oder die Tatsache, dass es weltweit so viele Drogen gibt?
Nein, das ist falsch. Denn wenn ich nicht mehr bin, wird der Drogenhandel in keiner Weise zurückgehen.

Verbesserte sich Ihr Geschäft, als Sie im Gefängnis waren, oder verschlechterte es sich?
Soweit ich weiss, ist das Geschäft stabil geblieben. Es ist weder zurückgegangen noch gewachsen.

Und wie sieht es mit der Gewalt aus, die mit dieser Art von Aktivität verbunden ist?
Zum Teil ist das so, weil einige Leute schon mit Problemen aufwachsen. Und dann gibt es Neid oder sie verbreiten Informationen gegen eine Person, die dann zu Gewalt führen.

Sind Sie eine gewalttätige Person?
Nein.

Neigen Sie zur Gewalt, versuchen Sie, Gewalt zu vermeiden oder brauchen Sie sie als letztes Mittel?
Sehen Sie, alles was ich tue, ist mich zu verteidigen. Nichts mehr. Fange ich Streit an? Nie.

Was denken Sie über die Situation in Mexiko? Was geschieht hier, wie geht es weiter?
Drogenhandel ist Teil einer Kultur, die ihren Ursprung bei unseren Vorfahren hat. Nicht nur in Mexiko, sondern weltweit.

Ist Ihre Arbeit, Ihre Organisation ein Kartell?
Nein, überhaupt nicht. Denn die Leute, die ihr Leben dieser Tätigkeit verschreiben, hängen nicht von mir ab.

Wie hat sich das Geschäft entwickelt seit der Zeit, als Sie angefangen haben?
Es ist heute ganz anders, weil es nun viele Drogen gibt. Damals gab es nur Marihuana und Mohn.

Und wie haben sich die Leute verändert?
Auch sie sind anders, denn heute wachsen die Dörfer Tag für Tag. Es gibt mehr Menschen und verschiedene Ansichten.

Wie wird sich das Geschäft entwickeln, wird es verschwinden?
Nein, es wird nicht verschwinden. Wir werden immer mehr Menschen und das Geschäft wird nie enden.

Glauben Sie, der Terrorismus im Nahen Osten wird das künftige Drogengeschäft beeinflussen?
Nein, das wird keinen Einfluss haben.

Sie haben gesehen, wie Pablo Escobar endete. Wie sehen Sie Ihre letzten Tage, was das Geschäft betrifft?
Ich weiss, dass ich eines Tages sterben werde und hoffe, es wird ein natürlicher Tod sein.

Die US-Regierung glaubt, die mexikanische Regierung wolle Sie nicht verhaften. Die wollen Sie töten. Was denken Sie?
Nein, ich glaube, wenn sie mich finden, dann werden sie mich natürlich verhaften.

Haben Ihre Aktivitäten einen grossen Einfluss auf Mexiko?
Nein, sicher nicht. Sicher nicht.

Weshalb?
Weil der Drogenhandel nicht nur von einer Person abhängt, sondern von vielen.

Wie gross ist das alles geworden? Sind diejenigen schuld, die die Drogen produzieren, oder diejenigen, die sie konsumieren? Wie stehen Produktion, Verkauf und Verbrauch im Verhältnis?
Wenn es keinen Konsum gäbe, gäbe es auch keine Verkäufe. Der Konsum steigt täglich und so verkauft es sich und verkauft es sich.

Es wird für viele Produkte geworben, aber wir hören nie jemanden, der sagt, Drogen seien gut. Haben Sie etwas unternommen, um die Bevölkerung zum Drogenkonsum zu animieren?
Überhaupt nicht. Die Leute wollen wissen, wie es sich anfühlt oder wie es schmeckt. Und dann wird die Sucht grösser.

Haben Sie Träume?
Ich träume normal, aber nicht täglich.

Sie haben sicher Träume, Hoffnungen für Ihr Leben?
Ich möchte die Tage, die mir Gott schenkt, mit meiner Familie verbringen.

Wenn Sie die Welt verändern könnten, würden Sie es tun?
Ich bin glücklich, so wie es ist.

Wie ist Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter?
Perfekt, sehr gut.

Ist es eine Beziehung, die von Respekt geprägt ist?
Sí, señor. Es gibt viel Respekt, Zuneigung und Liebe.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Söhne und Töchter?
Sehr gut. Sie kommen gut miteinander aus. Die Familie hält zusammen.

Wie haben Sie seit Ihrer Flucht gelebt?
Ich habe viel Freude und Freiheit erlebt.

Haben Sie je Drogen genommen?
No, señor … Ja, vor vielen Jahren habe ich es probiert. Aber süchtig war ich nicht.

Wie lange ist das her?
Ich habe seit 20 Jahren keine Drogen mehr genommen.

Hat es Sie beunruhigt, dass Sie Ihre Familie mit Ihrer Flucht gefährden könnten?
Sí, señor.

Haben Sie mit Ihrer letzten Flucht Ihre Freiheit auf Kosten von anderen verfolgt?
Ich habe nie daran gedacht, jemandem wehzutun. Ich habe lediglich Gott gebeten und alles hat geklappt. Alles war perfekt. Ich bin hier, Gott sei Dank.

Ihre beiden Ausbrüche verliefen gewaltfrei. Haben Sie keine Waffen gebraucht?
Es kam nicht so weit. In anderen Situationen ist es bekanntlich anders gelaufen. Aber hier brauchten wir keine Gewalt.

Wenn man bedenkt, was über Sie geschrieben wird, was man am Fernsehen sieht, welche Botschaft würden Sie dem mexikanischen Volk gern übermitteln?
Es ist normal, dass die Leute mir gegenüber gemischte Gefühle haben. Denn einige kennen mich, andere nicht. So ist es normal, dass die, die mich nicht kennen, ihre Zweifel haben, ob ich eine gute oder schlechte Person bin.

Wenn ich Sie bitten würde, sich zu beschreiben, wenn ich Sie bitten würde, so zu tun, als seien Sie nicht Joaquín , sondern die Person, die ihn besser kennt als irgendjemand auf der Welt, wie würden Sie sich beschreiben?
Ich würde sagen, er ist eine Person, die keinerlei Probleme sucht, in keiner Weise. (rub)

Erstellt: 13.01.2016, 13:11 Uhr

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