Im Archiv statt am Strand

Die Arbeit des Zürcher Jungforschers Adam Ohnesorge ist preisgekrönt.

Forschertalent und angehender Politologe: Schon mit seiner Maturaarbeit räumte Adam Ohnesorge reihenweise Preise ab. Bild: PD

Forschertalent und angehender Politologe: Schon mit seiner Maturaarbeit räumte Adam Ohnesorge reihenweise Preise ab. Bild: PD

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Es war nicht das Reiseziel, das die Eltern an den Ferienplänen ihres Teenagers doch sehr verwunderte – sondern der Grund dafür. Adam Ohnesorge wollte nach Korsika, um dort nach alten Dokumenten zu suchen. Die Eltern waren einverstanden – vorausgesetzt, dass wenigstens sie sich am Strand langlegen durften. Adam, damals noch Schüler am Realgymnasium Rämibühl, sass von morgens früh bis Büroschluss in den Archives Départementales in Ajaccio und arbeitete sich durch Tausende von Seiten vergilbten Papiers.

Der Fleiss zahlt sich aus. Ohnesorge hat mit seiner Maturaarbeit schon reihenweise Preise eingeheimst (darunter den Sonderpreis von «Schweizer Jugend forscht») und ist jetzt gerade in Tallinn als Sieger aus dem Wettbewerb der Europäischen Union für junge Wissenschaftler hervorgegangen. Dabei hat er sich unter 146 Jungtalenten aus 38 Ländern durchgesetzt. Die estnische Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid überreichte dem heute 20-Jährigen den Preis. Das beeindruckte ihn allerdings weniger als der Kontakt mit den Fachleuten der Jury und den anderen Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmern. «Da kann man so unglaublich profitieren», sagt Ohnesorge, «ich denke, es sind Freundschaften fürs Leben entstanden.»

Durch die Archive halb Europas

Auf sein Forschungsthema stiess Ohnesorge im Büchergestell zu Hause in Zürich-Hottingen: die Lebenserinnerungen eines seiner Vorfahren, eines Geistlichen, der zu Anfang des Ersten Weltkriegs in Korsika als feindlicher Ausländer interniert wurde. Das packte den geschichtsinteressierten Gymnasiasten. Er wollte mehr erfahren über dieses heute vergessene und verdrängte Kapitel Kriegsgeschichte. Google half für einmal nicht. Die Spurensuche führte ihn durch Archive in halb Europa und frass während zweier Jahre jede Sekunde seiner Freizeit. Jedenfalls tut er sich schwer, ein anderes Hobby zu nennen – ähhm, doch, manchmal, wenn gerade Gelegenheit sei, gehe er mit Freunden segeln.

Bei den Recherchen stiess Ohnesorge auch auf die Hilfs- und Vermittlungsdienste eines Einsiedler Paters, der im Auftrag der Schweiz die Internierungslager besuchte und sein Möglichstes tat, um die oftmals menschenunwürdigen Haftbedingungen zu verbessern. Ohnesorge ist überzeugt, dass sich daraus auch Lehren ziehen lassen für den Umgang mit heutigen Kriegen und der darin verstrickten Zivilbevölkerung. Es ist dieser Aspekt, der ihn heute motiviert und den die Wettbewerbsexperten noch schärften: Warum, wurde er immer wieder gefragt, ist seine Arbeit relevant für die Bürger Europas? Deshalb studiert Ohnesorge jetzt nicht Geschichte, sondern an der Uni Zürich Politologie im ersten Semester. Eine Zukunft im diplomatischen Dienst kann er sich vorstellen.

Während Ohnesorge nun fleissig Vorlesungen hört, sucht die Stiftung «Schweizer Jugend forscht» kommende Jungtalente: www.sjf.ch.

Erstellt: 29.09.2017, 20:30 Uhr

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