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Influencerin auf Abwegen

Antonella Patitucci wollte mit einer Aktion auf Cyberstalking aufmerksam machen und landete einen Rohrkrepierer.

Die Idee kam von Studierenden der ZHdK: Antonella Patitucci täuschte einen Fall von Cyberstalking vor, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Bild: Tamedia/Sophie Stieger
Die Idee kam von Studierenden der ZHdK: Antonella Patitucci täuschte einen Fall von Cyberstalking vor, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Bild: Tamedia/Sophie Stieger

Bisher präsentierte sich die Schweizer Influencerin Antonella Patitucci auf ihrem Instagram-Account als Kampflächlerin: Strahlend lässt sie sich mit einem Starbucks-Becher in der Hand auf einem weissen Sofa von der Sonne bescheinen, hochvergnügt ist sie beim Frühstück zu sehen, im Bikini, am Strand, auf der Yogamatte. Zur demonstrativen Fröhlichkeit hatte sie auch allen Grund: Erstens ist Insta­gram die Wellnessabteilung unter den sozialen Medien und will entsprechend gewürdigt werden. Zweitens ist für die 25-jährige Zürcherin in ihrem Leben bisher alles rundgelaufen. Nach ersten Showbiz-Schritten im Zirkus Chnopf absolvierte die damals 16-Jährige eine Schauspiel- und Musicalausbildung in München und Hamburg. Heute verdient sie ihren Lebensunterhalt als Model, Schauspielerin und Influencerin mit über 56'000 Followern.

Ein anderes Gesicht zeigte sie dann diese Woche. In einer weinerlichen Videonachricht bat Patitucci ihre Fans grammatikalisch nicht ganz sattelfest um Entschuldigung. In mehreren Posts hatte sie ihrer Followerschaft zuvor weisgemacht, sie werde von einem Unbekannten verfolgt. Ein Cyberstalker fotografiere sie heimlich und stelle die Bilder dann ins Netz, teilte sie mit. Erst habe sie Hasskommentare erhalten, dann habe der Täter begonnen, sie auch im echten Leben zu bedrohen. «Hier draussen gibt es wirklich kranke Menschen», sagte sie. Sie fürchte um ihr Leben und werde ihren Instagram-Account einstweilen offline stellen.

Kampagne beeinträchtige Glaubwürdigkeit echter Opfer

Die Bedrohung wirkte echt genug, dass sich verschiedene Influencer-Kolleginnen bei Patitucci meldeten. Fans zeigten sich besorgt und wünschten viel Kraft, Onlineportale schrieben aufgeregte Schlagzeilen. Die Zeitung «20-Minuten» (gehört ebenfalls zu Tamedia) nahm die Drohung sogar so ernst, dass die Redaktion die Polizei über den Vorfall informierte. Einen Tag später kam die Entwarnung: Das Stalking war bloss fingiert, Paticucci nicht in Gefahr. Studierende der Zürcher Hochschule der Künste hatten sich im Rahmen eines Semesterprojekts namens «Netzschatten» mit dem Thema auseinandergesetzt und Patitucci angefragt, ob sie sich für eine Guerillakampagne zum Thema zur Verfügung stellen würde. Man wollte auf das Thema aufmerksam machen, die Politik sensibilisieren und mit der Kampagne darauf hinweisen, dass die Schweiz noch immer keinen Straftatbestand Cyberstalking kennt.

Guerillamarketing ist immer ein Risiko, besonders wenn man andere glauben lässt, man befinde sich in echter Gefahr. Nachdem die Hintergründe der Aktion bekannt geworden waren, gab es denn auch zünftig Kritik. Viele Fans reagierten enttäuscht und wütend und liessen das die Influencerin auch wissen: Prävention sei ja gut und recht, so der Tenor, aber etwas vorzulügen und seine Fans zu verängstigen, und das auch noch zur Selbstpromotion, das gehe gar nicht. Auch Fachleute, die mit Cyberstalking zu tun haben, zeigten sich kritisch. Solche Kampagnen beeinträchtigten die Glaubwürdigkeit echter Opfer und führten zu einer Desensibilisierung. Und Patitucci selbst bittet auf ihrem Account mit Tränen in der Stimme um Entschuldigung. In der Hoffnung, dass es noch Fans gibt, die ihr die Zerknirschung abkaufen.

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