Me, me, Meghan!

Die Duchess of Sussex hat die September-Ausgabe der britischen «Vogue» gestaltet. Die Reaktionen sind zum grossen Teil negativ. Zu Recht.

Sie zeigt der Welt gern: Ich mache alles anders. (Foto: Ian Jones/Allpix/laif)

Sie zeigt der Welt gern: Ich mache alles anders. (Foto: Ian Jones/Allpix/laif)

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Dass sie nicht auf dem Titelblatt zu sehen ist, habe die Duchess of Sussex entschieden. Denn das wäre, so habe sie gefunden, zu dick aufgetragen gewesen. Nun, ihre Schwägerin Kate Middleton war vor drei Jahren genau da erschienen: auf dem Cover der britischen «Vogue». Oh, und davor ihre verstorbene Schwiegermutter, Prinzessin Diana, auch, gleich dreimal: 1981, 1991 und 1994.

Aber Meghan Markle, seit eineinhalb Jahren mit Prinz Harry vermählt und seit kurzem Mutter des gemeinsamen Sohnes Archie, zieht ihr Ding durch. Und zeigt der Welt gern: Ich mache alles anders.

Und so schlug die einstige «Suits»-Schauspielerin der britischen «Vogue» vor, eine ganze Ausgabe höchstselbst zu editieren, also zu gestalten. Chefredaktor Edward Enninful war hingerissen und sofort einverstanden gewesen und machte sozusagen gleich noch einen Knicks, indem er der Duchess die wichtigste Ausgabe des Jahres überliess: Die September-Nummer, in der die finanziell einträglichen, internationalen Kampagnen der Luxusmodehäuser lanciert werden. Sieben Monate hatte die geheim gehaltene Zusammenarbeit gedauert. Und nun fallen die Reaktionen auf das Resultat heftig aus. Im Sinne von: negativ.

Im glänzenden Rechteck soll sich die Leserin spiegeln

Meghan Markles Ruf ist ja bereits ein wenig ramponiert; sie gilt als herrisch und schwierig und geltungssüchtig; im Umgang mit ihr soll gelten, was Gatte Harry einst als Credo herausgegeben habe: «What Meghan wants, Meghan gets.» Ihrer Beliebtheit in der britischen Öffentlichkeit war das doch etwas abträglich.

Ihre Fangemeinde hingegen bucht das unter Rassismus ab, genauso wie jetzt die Kritik an der «Vogue»-Kooperation: Die weisse Oberschicht Grossbritanniens hätte es immer noch nicht verwunden, dass eine schwarze Frau in die königliche Familie eingeheiratet habe. Noch dazu eine schwarze Frau, die sich den Mund nicht verbieten lasse und sowieso total feministisch sei.

Bloss eine billige Kopie: Aktuelles Cover der «British Vogue». (Foto: Kensington Palace via Getty Images)

Ach was. Zum einen haben Royals keine Meinung zu haben, das verlangt das Protokoll. Wer bei den Windsors einheiratet, weiss das. Und wer von den Annehmlichkeiten des adeligen Daseins profitiert, muss halt auch die unerfreulicheren Seiten in Kauf nehmen und sich im Gegenzug an eben dieses Protokoll halten. Und tun, was Könige und Herzoge halt so tun: Bänder durchschneiden, Kindergärten besuchen, lächeln, winken. Und schweigen.

Beim genaueren Hinsehen macht sich Müdigkeit breit

Viel schwerer aber wiegt, dass sich die Duchess als etwas verkaufen will, das sie nicht ist. Und das hätte sie nicht deutlicher zum Ausdruck bringen können als mit dieser in der Tat missglückten Ausgabe – auch wenn sie sich selbstverständlich genau das Gegenteil davon erhofft hatte.

Auf dem Cover finden sich 15 rechteckige Fotos von Frauen, darüber geschrieben steht «Forces of Change». Ein einzelnes glän­zendes Rechteck ist leer; darin soll die Leserin ihr Spiegelbild sehen. Die Botschaft: Jede kann eine Force of Change sein, also die Welt ­verändern.

Die Idee ist gut, so auf den ersten Blick. Beim genaueren Hinsehen macht sich Müdigkeit breit. Erstens ist die Gestaltung des Covers die exakte Kopie des vor drei Jahren erschienenen Buches «The Game Changers», wo die damalige Miss Markle als eine von 15 erfolgreichen Frauen selbst auf dem Cover abgebildet war. Zweitens wirkt die Auswahl der Protagonistinnen so, wie wenn da jemand einfach gegoogelt hätte, welche Frauen in der letzten Zeit am meisten gegoogelt worden sind.

Die Duchess surft mit ihrer Auswahl perfekt auf der Welle des Zeitgeists, sie hakt dabei wie auf einer Excel-Tabelle sämtliche Themen ab, die momentan als sexy gelten und hohe Einschaltquoten versprechen: Umweltschutz (Aktivistin Greta Thunberg), Transgender (Schauspielerin Laverne Cox), ­Alter (Schauspielerin Jane Fonda), Yoga und Achtsamkeit (Ex-Model Christy Turlington), Feminismus (Autorin Chimamanda Adichie), Diversität (die kleinwüchsige ­Sinéad Burke, das schwarze Model Adut Akech), psychische Probleme (Model Adwoa Aboah, hat einen Suizidversuch hinter sich).

Wo bleiben Frauen wie Loujain al-Hathloul oder Lena Dunham?

Die Frauen auf dem Titelblatt sind vor allem: gerade hip. Richtig etwas bewegt hat kaum eine von ihnen. Jene, die wirklich was tun, vor denen die Welt sich verneigen sollte, weil sie seit Jahren oder Jahrzehnten mit Herzblut und zum Teil unter Lebensgefahr für eine Sache kämpfen, auch dann, wenn die Kameras aus sind, sucht man vergeblich.

Wo sind Feministinnen wie die Soziologin Kamla Bhasin aus Indien oder die junge Loujain al-Hathloul aus Saudiarabien, die verhaftet und gefoltert wurde, weil sie Auto fahren wollte? Wo die beiden US-Juristinnen Ruth Bader-Ginsburg und Gloria Allred, die schon für Frauenrechte kämpften, als das noch niemand chic fand? Weshalb fehlt die Britin Caroline Criado-Perez, die im Alleingang dafür gesorgt hatte, dass Jane Austen seit 2017 die Zehn-Pfund-Note ziert, und in diesem Frühling ein viel beachtetes Buch über die Frauenfeindlichkeit in der Wissenschaft herausbrachte?

Es fehlt an Tiefgang

Warum ist da kein Foto der jungen Computerwissenschaftlerin Katie Bouman, deren Algorithmus die erste Aufnahme eines schwarzen Lochs ermöglichte? Und wieso zum Teufel sucht man vergeblich nach Autorin und Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge, die mit ihrer Serie «Fleabag» gerade neue Massstäbe setzt – wie vor ihr Lena Dunham mit «Girls», die genauso wenig präsent ist?

Da fehlt es an Tiefgang, an echtem Interesse an der Sache. Da spielt eine ehemalige Schauspielerin die Rolle der engagiert-progressiven Neo-Herzogin mit Inbrunst. Bloss nimmt man sie ihr nicht ab.



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Erstellt: 03.08.2019, 18:29 Uhr

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