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Morgen ist vielleicht zu spät

Die Zürcherin Anita Winter kämpft gegen das Vergessen des Holocaust.

War exklusive Vertriebspartnerin von Walt Disney: Anita Winter. Bild: ZVG
War exklusive Vertriebspartnerin von Walt Disney: Anita Winter. Bild: ZVG

Es gab eine Zeit in Anita Winters Leben, da ging kein Babykleidchen mit Mickey-Mouse-Emblem über einen Schweizer Ladentisch, ohne dass sie dabei ihre Hände im Spiel hatte. Ihre Firma war exklusive Schweizer Vertriebspartnerin von Walt Disney Babywear und anderen internationalen Marken. Winter entwarf auch ihre eigene Bekleidungslinie. Das Textilgeschäft war anspruchsvoll, zeitraubend und erfolgreich. Dazu kam ein turbulentes Familienleben. Ihr Mann Herbert Winter ist Wirtschaftsanwalt in Zürich und Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Das Paar hat eine Tochter und drei Söhne.

Jetzt sind die Kinder erwachsen, und Anita Winter engagiert sich seit 2013 mit der Energie, die sie als Geschäftsfrau versprüht hatte, für ein ganz anderes Thema. Sie ist Gründerin und Präsidentin der Gamaraal-Stiftung, die Über­lebende des Holocaust unterstützt. Vor allem aber setzt sie sich dafür ein, dass die Erinnerung an den Holocaust lebendig bleibt.

Heute, 72 Jahre nach Kriegsende, können immer weniger Augenzeugen noch mit eigenen Worten von der Tötungsmaschinerie berichten. Erinnerungen einiger der letzten rund 450 Holocaustüberlebenden in der Schweiz hat die Stiftung nun mithilfe des Archivs für Zeit­geschichte der ETH gesammelt und damit eine Ausstellung gestaltet. «Die letzten Holocaust­überlebenden der Schweiz» wird als Wander­ausstellung im ganzen Land gezeigt, nachdem sie in Zürich regelrecht überrannt wurde.

Anita Winter ist im aargauischen Baden aufgewachsen und selbst das Kind von Über­lebenden der Naziverfolgung. Sie erzählt, dass sich ihre Mutter im Bahnhof immer von den Gleisen abwandte. Eisenbahnwagen erinnerten die Mutter an die Deportationszüge in die Vernichtungslager. Um zu überleben war sie als Fünfjährige selbst aus einem solchen Zug gesprungen. Mit ihrer Familie flüchtete sie zuerst in einen Wald und dann auf abenteuerlichen Wegen unter falschem Namen nach Frankreich. Anita Winters Vater hatte 1938 als 16-Jähriger in Berlin hinter einem Schrank versteckt den Gewaltausbruch der Kristallnacht überlebt. Dann flüchtete er in die Schweiz, wo sich die Eltern 1961 kennen lernten.

«Tomorrow may be too late» ist das Motto der Gamaraal-Stiftung. Morgen könnte es zu spät sein. Es ist die Empfindung vieler Holocaust­überlebender, mit denen Winter gesprochen hat: die Angst, dass das Grauen vergessen geht und darum wieder von neuem beginnen könnte. Darum die Dringlichkeit, mit der Anita Winter sich ganz dem Ziel widmet, die Erinnerung an den Holocaust kommenden Generationen weiterzugeben. «Es geht mir dabei aber auch um die Hoffnung, die mit der Erinnerung verbunden ist, die Hoffnung auf mehr Menschlichkeit», sagt Anita Winter.

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