Nicht einmal er glaubt mehr an die Revolution

Der 100-jährige linke Dichter und Buchhändler Lawrence Ferlinghetti kämpft bis heute für die Freiheit der Meinungen.

Geht keinem Gespräch aus dem Weg: Lawrence Ferlinghetti. Foto: laif

Geht keinem Gespräch aus dem Weg: Lawrence Ferlinghetti. Foto: laif

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Als er auf die Welt kommt, Ende März 1919, ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen und in Russland ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Im selben Jahr beraten in Versailles die Siegermächte über die Reparationszahlungen von Deutschland. Der mexikanische Rebell Emiliano Zapata wird erschossen, und der amerikanische Kongress bereitet das Frauenstimmrecht vor.

Auch für den kleinen Lawrence, am 24. März 1919 in der Stadt Yonkers im Bundesstaat New York geboren, geht das Leben ereignisreich los. Der Vater ist schon vor seiner Geburt gestorben, bei der Geburt wird er von seiner Mutter getrennt und wächst zuerst bei seiner Tante auf, die ihn nach Frankreich bringt und dann zurück nach New York. Lawrence Ferlinghetti wird in Heimen untergebracht und schliesslich von einem älteren, reichen Paar adoptiert. Er studiert in New York und Paris, dissertiert später über die Stadt als Symbol der modernen Poesie, arbeitet als Journalist, kämpft für die Alliierten im Zweiten Weltkrieg, veröffentlicht Gedichte und gründet 1953 in San Francisco den City Lights Bookstore mit, ein Epizentrum des liberalen Denkens in Amerika.

Den Buchladen gibt es bis heute. Er hat die etwas abgefuckte, nach Staub und Papier riechende, raschelnde Atmosphäre, wie sie den besten ­Buchhandlungen eigen ist.

Obwohl Ferlinghetti sich nicht als Beat-Poet versteht, unterstützt er die literarische, vom Jazz inspirierte, der mündlichen Erzähltradition nachempfundene Bewegung, die Autoren wie William Burroughs, Jack Kerouac oder Allen Ginsberg hervorbringt.

Zurückgezogen und fast erblindet

1956 publiziert Ferlinghetti Ginsbergs Gedichtsammlung «Howl» mit den berühmten ersten Zeilen: «Ich sah die besten Köpfe meiner Generation, zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Neger­strassen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze.»

Der Text gilt als strafbar obszön. Ferlinghetti wird verhaftet und in einen Prozess über die amerikanische Meinungsfreiheit hineingezogen. Ferlinghetti, der seine politische Haltung als «philosophische Anarchie» definiert, gewinnt den Prozess und wird berühmt. Seine kurz darauf publizierte Gedichtsammlung «A Coney Island of the Mind» verkauft sich über eine Million Mal.

Seit längerem lebt der Verleger zurückgezogen und ist fast erblindet. Er empfängt Journalisten aber immer noch zu Interviews und ist bekannt dafür, keinem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Vor kurzem hat er «Little Boy» herausgegeben, surrealistisch zersetzte Memoiren, von manchen als tobendes Testament beschrieben. Der Text ist in der Verwendung von Struktur und Interpunktion eigenwillig, so, wie er es gernhat. Bei aller Vitalität glaubt der 100-Jährige aber nicht, dass in seiner Heimat noch eine Revolution möglich ist: «Die Vereinigten Staaten sind nicht bereit dafür», sagt er im Gespräch mit dem «Guardian».

Ob er stolz sei auf seine Leistung, fragt ihn der Journalist zuletzt. Das Wort ist ihm zu egoistisch. Genauso wie er die heutige Generation für gefangen hält im «Ich, ich, ich» und in der «Verherrlichung des kapitalistischen Systems». Ruhig ist er nicht geworden.

Erstellt: 21.03.2019, 21:54 Uhr

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