Retten, was zu retten ist

Die Ökonomin Hatice Karahan ist Beraterin von Präsident Erdogan. Sie soll sich um die äusserst strapazierten Beziehungen zur EU kümmern.

Hatice Karahan ist Chefberaterin für Wirtschaftsfragen im Auftrag Erdogans.

Hatice Karahan ist Chefberaterin für Wirtschaftsfragen im Auftrag Erdogans.

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Man könnte meinen, der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat nicht viel übrig für Karrierefrauen. Von ihm stammt der Ausspruch, Familie zu haben, Kinder grosszuziehen, das sei für Frauen Karriere genug. Auf Hatice Karahan wollte er aber trotzdem nicht verzichten. Vor ein paar Wochen holte er die 38 Jahre alte Mutter von zwei Kindern als Chefberaterin für Wirtschaftsfragen zu sich in seinen Präsidentenpalast. Seitdem fällt ihr die Aufgabe zu, in der aufs Äusserste strapazierten Beziehung zwischen der Türkei und der EU zu retten, was zu retten ist.

Wenn es politisch zwischen der Türkei und der EU nicht gut lief, konnten sich beide Seiten bisher sicher sein, dass das gegenseitige wirtschaftliche Interesse zusammenschweisst. Karahan sagt, sie glaube weiter an die Kraft der «Wirtschaftsdiplomatie». Deshalb sei sie sicher, dass es nicht zum Bruch mit der EU komme. Gehe es mit dem EU-Beitritt nicht voran, sollten sich die EU und die Türkei auf die Vertiefung der Zollunion konzentrieren. Das ist ihr Plan B.

Hatice Karahan gehört zu den wenigen, die noch regelmässig Erdogans Aufmerksamkeit bekommen. Einmal die Woche, manchmal häufiger, sitze sie mit dem Präsidenten zusammen; dann wolle er ihre Meinung hören, erzählt sie. Er sei offen für Kritik. Was die Beziehung zur EU angeht, erlebe sie ihren Chef aber als «sehr enttäuscht». Zumindest sie sagt: «Wir wollen Europa nicht verlieren.» Und: Europa wolle aber auch die Türkei nicht verlieren.

Wer Erdogans andere Berater kennt – Leute, die mehr als Verstärker denn als Berater tätig sind –, kann nur über das leise, überlegte Auftreten der Ökonomin staunen. Karahan verteidigt zwar auch die türkische Politik, bezeichnet die Verhaftungen von Deutschen als «spezielle Fälle», die nicht geeignet seien, so ein hartes Gesamturteil über ihr Land zu fällen.

Sie lässt aber im persönlichen Gespräch Kritik zu. Selbst das ist schon selten geworden in Erdogans engstem Umfeld, das sich bis hin zur täglichen Kleiderwahl und der Schnurrbart-Mode dem Chef anpasst. Karahan, hohe Hackenschuhe und Kopftuch, ist wichtig für die Aussenwirkung der Partei. Seine Wahlerfolge hat Erdogan vor allem Frauen zu verdanken. Karahan sagt, ihre Personalie zeige, wie sehr Erdogan Karrieren von Frauen fördere. Mit seinem Ausspruch habe er wohl betonen wollen, dass Frauen den Wunsch nach Familie nicht zugunsten der Karriere aufgeben sollten. Sie verfolgt Politik über die Türkei hinaus: Würden im deutschen Wahlkampf nicht gerade alle Parteien mit Familienpolitik werben?

Karahan studierte an der renommierten Bogazici-Universität in Istanbul, ihre Doktorarbeit schrieb sie dann in den USA, forschte an der Universität Syracuse. Als sie zurückkehrte, gab sie ihr Wissen als Dozentin für Makroökonomie weiter und arbeitete als Beraterin. Jetzt sucht Erdogan ihren Rat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 19:10 Uhr

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