Risse im Leben

Maya Lalive, die ehemalige Nationalrätin und Hoffnungsträgerin der FDP hat sich als Künstlerin und Mentaltrainerin neu gefunden.

Wurde als Parteipräsidentin der FDP gehandelt: Maya Lalive. Bild: PD

Wurde als Parteipräsidentin der FDP gehandelt: Maya Lalive. Bild: PD

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Die Fiamma ist eine furchteinflössende Felsnadel im Bergell. Laien staunen, dass man sie erklettern kann, passionierten Alpinisten gilt sie als Sehnsuchtsort. Maya Lalive stand ganz oben. Sie war damals schon 50, aber erst zum zweiten Mal in ihrem Leben mit Seil und Klettergurt unterwegs. Der Abstieg war für die Anfängerin die noch grössere Herausforderung. Ins Leere abseilen… Aber unten dann das Gefühl, es geschafft zu haben: unbeschreiblich. Lalive war angefixt. Sie fragte sich: Wie lässt sich neben Klettertechnik die mentale Stärke trainieren, die es braucht in den Bergen? Und sonst im Leben? Antworten gibt jetzt ihr Buch «Mental stark am Berg», geschrieben zusammen mit dem Psychologen Jan Rauch.

In die Zeit ihrer ersten Klettererfahrungen fällt auch eine private Krise, über die sie öffentlich nicht reden will. Jedenfalls gaben ihr Kletterschuhe und Karabinerhaken am Seil des Bergführers einen Halt, den sie sonst schmerzlich vermisste. Um ihrer Erfahrung auf den Grund zu gehen, belegte sie eine Ausbildung am Institut für Angewandte Psychologie in Zürich. Der Ratgeber ist aus ihrer Abschlussarbeit entstanden.

Die Häutung zur sportpsychologischen Expertin ist eine von vielen in Maya Lalives Leben. Landesweit bekannt wurde die Kommunikationsberaterin aus dem Kanton Schwyz, als sie 1999 überraschend in den Nationalrat gewählt wurde. Jung, dynamisch, attraktiv – bald galt sie als Hoffnungsträgerin der Freisinnigen, wurde als künftige Parteipräsidentin gehandelt. Zusammen mit ihrem Mann, dem damaligen SBB-Präsidenten Thierry Lalive d’Epinay, bildete sie ein Powercouple von hierzulande unüblichem Selbstbewusstsein. In einem Buch rief sie auf zum «Aufstand gegen das Mittelmass!».

Rechtlich nichts zuschulden kommen lassen

2003 dann die ebenso abrupte Abwahl. FDP im Formtief. Noch einmal zwei Jahre später enthüllte der «Tages-Anzeiger», dass Lalive als Geschäftsführerin der ETH-Foundation für ein Nebenamt monatlich 30'000 Franken bezogen hatte. Zudem gingen Beratungsaufträge der Stiftung an eine Firma, an der ihr Mann beteiligt war. Eine Untersuchung kam Monate später zum Schluss, dass sich Lalive rechtlich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Mit ihren Bezügen hatte sie auch Löhne anderer bezahlt, die Aufträge an die Beratungsfirma ihres Mannes hatte sie nicht selbst abgesegnet. Lalive wies darauf hin, dass sie für die ETH 100 Millionen Franken gesammelt hatte.

Dennoch: Den Job bei der Stiftung war sie los, das Kapitel «Strahlefrau» war mit dem öffentlichen Skandal definitiv erledigt. Was nun? Die Rückkehr in die Beratung erwies sich als unbefriedigend. Aber die studierte Kunsthistorikerin erinnerte sich an ihre Jugendträume. Sie begann zu fotografieren und zu malen, suchte ihren Weg in der Kunst. Flächen, Kanten und Risse im Fels, die sie beim Klettern entdeckte, wurden zu ihren Sujets.

«Ich kann nichts halbbatzig machen», sagt Lalive. Das mache sie oft anstrengend, für andere und für sich selbst. Zum Beispiel, als sie sich in den Kopf setzte, an der Albigna-Staumauer, gleich unterhalb der Fiamma, das 140 Meter lange und 10 Meter breite Bild «Der Riss» anzubringen. «Risse», sagt sie, «sind die Essenz des Lebens.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 22:21 Uhr

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