«Das ist nicht irgendeine schäbige Sexgeschichte»

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre erneuert in einem BBC-Interview ihre Vorwürfe gegen Prinz Andrew. Und wendet sich mit emotionalen Worten an das britische Volk.

«Er weiss, was passiert ist, ich weiss, was passiert ist. Und nur einer von uns beiden erzählt die Wahrheit»: Virginia Giuffre während des BBV-Interviews. (Video: BBC via AP)

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Virginia Giuffre hält plötzlich inne. Sie sammelt sich, holt tief Luft. «Ich konnte einfach nicht verstehen, wie mächtige Menschen auf der höchsten Ebene der Regierung das zulassen konnten», sagt sie. Ihre Stimme zittert. «Es nicht nur zugelassen haben, sondern auch noch daran teilgenommen haben.» Giuffre kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Es ist der emotionalste Moment in diesem mit Spannung erwarteten Interview, das die britische BBC am späten Montagabend im Rahmen einer Sondersendung ausstrahlte. Und das zur nächsten aufsehenerregende Episode im Missbrauchsskandal um den US-Multimillionär Jeffrey Epstein geworden ist. Epstein hatte sich Anfang August in einem New Yorker Gefängnis das Leben genommen. Im Raum steht der Vorwurf, er habe Dutzende Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Anderen einflussreichen und befreundeten Männern habe er sie gewissermassen zugeführt.

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre soll eine dieser Frauen gewesen sein. «Wie eine Obstplatte sei sie herumgereicht worden,» sagt sie der BBC. Herumgereicht wurde sie ihren Worten zufolge an Prinz Andrew, den Duke of York und zweitjüngsten Sohn der Queen.

Worum es Virginia Giuffre bei diesem Interview geht, das macht sie gleich zu Beginn des BBC-Beitrags klar. Sie wendet sich direkt an alle Briten: «Ich bitte die Bürger des Vereinigten Königreichs inständig darum, an meiner Seite zu stehen, mir zu helfen, diesen Kampf zu kämpfen, das nicht als okay zu akzeptieren», sagt sie. «Das ist nicht irgendeine schäbige Sexgeschichte. Das ist eine Geschichte über Menschenhandel, das ist eine Geschichte über Missbrauch. Und es ist eine Geschichte über ein Mitglied eures Königshauses.»

Kein Wort des Mitgefühls: Prinz Andrew äussert sich im BBC-Interview erstmals zu den Missbrauchsvorwürfen. Video: BBC

Virginia Giuffre, die damals noch Roberts hiess, ist heute verheiratet, hat drei Kinder. Aber mit den Dämonen der Vergangenheit habe sie noch immer zu kämpfen, erzählt sie. Aus einfachen und ärmlichen Verhältnissen stammend wird sie schon als Kind missbraucht. Als Bedienstete in Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida gerät sie in die Hände von Jeffrey Epsteins Vertrauter Ghislaine Maxwell, die ihr anbietet, sie zur Massage-Therapeutin auszubilden. Giuffre ist jung, hilflos, ausgeliefert. Sie macht ihren Worten zufolge Dinge, die ihr befohlen werden, die sie eigentlich nicht machen will. Maxwell bildet sie nicht zur Therapeutin aus, sondern zu Epsteins Sexsklavin. Fast zwei Jahre verbringt Giuffre in dessen Dunstkreis, bevor sie wegläuft.

Dreimal, sagt Giuffre, sei sie in dieser Zeit auch zum Sex mit Prinz Andrew gezwungen worden. Zwischen 2001 und 2002. Zweimal davon als 17-Jährige. Beim ersten Mal sei sie mit Epstein und Maxwell in London gewesen. Andrew habe ihr in einem Londoner Nachtclub Wodka gegeben, bevor er mit ihr tanzen wollte. «Er ist der abscheulichste Tänzer, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe», sagt Giuffre der BBC. «Es war schrecklich.» Andrew habe stark geschwitzt, «sein Schweiss regnete praktisch überall hin». Sie habe sich geekelt, aber gewusst, dass sie ihn glücklich machen müsse. Weil Epstein und Maxwell das von ihr erwartet hätten.

Im Auto zurück zu Maxwells Haus habe diese ihr dann gesagt, dass sie für Andrew tun müsse, was sie auch für Jeffrey Epstein tue. Schon da sei ihr schlecht geworden. Das Erzählen fällt Giuffre jetzt sichtlich schwer. Es habe nicht sehr lange gedauert, sagt sie, die ganze Prozedur. «Es war widerwärtig. Er war nicht gemein oder irgendwas. Er stand auf, bedankte sich und ging. Und ich sass da im Bett, entsetzt, beschämt und habe mich dreckig gefühlt.» Am Morgen danach habe Ghislaine Maxwell ihr gesagt, sie hätte das sehr gut gemacht. «Du hast ihn wirklich glücklich gemacht.» An dieser Stelle bricht Giuffre die Stimme weg. Sie atmet tief durch. Aber die Tränen kann sie nicht unterdrücken.

Diesem Moment des Interviews wird auch deswegen viel Beachtung geschenkt werden, weil es in dieser Geschichte um Glaubwürdigkeit geht. Giuffres Wort steht gegen das von Andrew. Der Prinz bestreitet alle Vorwürfe. Trotz jahrelanger Freundschaft mit Epstein will er nichts von dessen Machenschaften mitbekommen haben. In einem BBC-Interview Mitte November sagte er, er habe keine Erinnerung an das, was Giuffre behaupte. Doch der Auftritt ging nach hinten los, seine Aussagen wurden weithin als unglaubwürdig eingeschätzt. Zu hanebüchen schienen seine Erklärungsversuche.

Momentan wirft keine Behörde Prinz Andrew Fehlverhalten vor

Der Tag, an dem er Giuffre missbraucht haben soll? Da sei er zu Hause gewesen, sagte er, das wisse er heute noch. Er habe seine Tochter Beatrice zu einem Pizza-Express in Woking gebracht. Erinnern könne er sich daran, weil das wirklich etwas Aussergewöhnliches sei – er als Prinz im Pizza-Express. Und noch etwas: Er habe zu dieser Zeit ja gar nicht geschwitzt, wie Giuffre sagt, denn er habe an einer sonderbaren Erkrankung gelitten, infolge einer Überdosis Adrenalin im Falklandkrieg: «Es war beinahe unmöglich für mich zu schwitzen.»

Und das Bild, das sie zu ihren Vorwürfen bereitstellte? Das Prinz Andrew zeigt, mit seiner Hand an Giuffres Hüfte? Auch da könne er sich nicht erinnern. Es könne kein Bild von ihm in London sein, weil er Kleider trage, die er gewöhnlich auf Reisen trage. In London trage er immer Anzug und Krawatte. Weil Giuffres Interview bereits im vergangenen Monat aufgenommen wurde, konnte die US-Amerikanerin auf die Aussagen des Prinzen nicht direkt antworten. Die Authentizität des Fotos aber bekräftigte sie. Sie habe es dem FBI für Ermittlungen zur Verfügung gestellt.

Nach BBC-Angaben hatte Giuffre auch in London Anzeige wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung gegen Epstein und Maxwell erstattet. Scotland Yard habe die aber nicht weiterverfolgen wollen: Die mutmasslichen Straftaten hätten sich grösstenteils ausserhalb Grossbritanniens ereignet. Daher fehle die Zuständigkeit. Momentan wirft daher keine Behörde Prinz Andrew Fehlverhalten vor. Der Sohn der Queen muss aber, auch das ging aus der BBC-Sendung hervor, bei Reisen in die USA damit rechnen, als Zeuge im Epstein-Missbrauchsfall vorgeladen zu werden. Entsprechende Anträge seien von fünf Missbrauchsopfern gestellt werden.

Und Virginia Giuffre? Die wirkte anders als Prinz Andrew sehr bestimmt in ihren Aussagen. Strukturiert und gefasst, emotional aufgewühlt beim zentralen Teil der Geschichte. Dem BBC-Beitrag zufolge gibt es aber auch Ungereimtheiten in ihren Schilderungen. Darauf angesprochen sagt Giuffre: «Manchmal bleibt man mit einer nebligen Erinnerung zurück. Ja, ich mag mich geirrt haben bei genauen Daten, definitiv, oder manchmal vielleicht sogar bei Orten. Aber eines kann ich Ihnen versichern: Sie vergessen nie das Gesicht von jemandem, der auf Ihnen lag und Sie bedrängt hat.»

Erstellt: 02.12.2019, 22:35 Uhr

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