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«Schau und teile»

Ein israelisches Gericht schickt die Dichterin Dareen Tatour wegen Anstachelung zur Gewalt ins Gefängnis.

«Widersteh, mein Volk, widersteh ihnen!», so lautet der Titel eines Gedichts von Dareen Tatour. Bild: Keystone
«Widersteh, mein Volk, widersteh ihnen!», so lautet der Titel eines Gedichts von Dareen Tatour. Bild: Keystone

Schon ihre Verurteilung im Mai hatte Proteste von Schriftstellerkollegen zur Folge; erst jetzt wurde das Strafmass bekannt: Die palästinensische Dichterin Dareen Tatour wurde vor einem israelischen Gericht in Nazareth zu fünf Monaten Haft verurteilt.

Anlass des Verfahrens war ein Gedicht mit dem Titel «Widersteh, mein Volk, widersteh ihnen!», das sich gegen die israelische Besatzung im Westjordanland richtet. Anstoss erregten auch weitere Äusserungen der 36-Jährigen in den sozialen Medien.

Das Gericht befand Tatour, die israelische Staatsbürgerin ist und nahe bei Nazareth lebt, wegen Anstiftung zur Gewalt sowie Verherrlichung und Unterstützung des Terrorismus für schuldig.

Fast drei Jahre im Hausarrest

Dareen Tatour wurde im Oktober 2015 wegen ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien verhaftet. Zu jener Zeit war es zu einer Reihe von Messerattacken auf Israelis gekommen, die von Palästinensern verübt wurden.

Die Dichterin verbrachte fast drei Jahre in Hausarrest. Sie durfte ihre Wohnung lediglich an Wochenenden für zwei Stunden verlassen – und das nur in Begleitung. Es war Tatour ausserdem verboten, ein Mobiltelefon oder das Internet zu nutzen – solche Auflagen gab es noch nie in Israel, sagen ihre Anwälte.

Tatour wurde in der Anklageschrift ein Videoclip auf der Onlineplattform Youtube zur Last gelegt, in dem sie ihr Gedicht vor einem Hintergrund vorträgt, auf dem maskierte Palästinenser zu sehen sind, die mit Steinen und Molotowcocktails israelische Uniformierte angreifen. In dem Gedicht heisst es: «Ich werde der ‹friedlichen Lösung› nicht erliegen, nie meine Fahnen senken, bis ich sie von ­meinem Land vertreibe.»

Kulturministerin verbreitete Tatours Video weiter

Als Dareen Tatour angeklagt wurde, veröffentlichte die israelische Kulturministerin Miri Regev eine bearbeitete Version des Videos und schrieb darunter: «Wo, glaubst du, wurde dieses Video gezeigt? Auf einer Hamas-­Veranstaltung in Gaza? Bei dem IS in Syrien? Der Hizbollah in Beirut? Schau und teile.» Damit erhielt der Videoclip eine noch grössere Aufmerksamkeit, Zehntausende sahen die Aufnahme.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Dareen Tatour mit dieser Videobotschaft zu Gewaltakten aufgerufen. «Der Inhalt, seine Veröffentlichung und die Umstände seiner Öffentlichmachung befördern die Möglichkeit, dass Gewalttaten oder Terrorismus begangen werden», heisst es in der Anklageschrift. Zwei weitere Gedichte Tatours werden ebenfalls zitiert.

«Ich habe keine Gerechtigkeit erwartet. Die Anklage war politisch, weil ich Palästinenserin bin.»

Dareen Tatour

Nach Ansicht Tatours habe ihr Prozess gezeigt, dass Israel «nur für Juden» eine Demokratie sei. «Nur Araber gehen ins Gefängnis.» Sie zeigte sich nicht überrascht über die Höhe der Strafe. «Ich habe keine Gerechtigkeit erwartet. Die Anklage war politisch, weil ich Palästinenserin bin.» Tatour hatte vor Gericht erklärt, ihr Gedicht sei vom zuständigen Polizeibeamten falsch übersetzt worden.

Israelische Autoren bezeichneten das Urteil als Schlag gegen die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Der Dichter Navit Barel sprach von einem «traurigen und erschütternden Tag für Israels Demokratie».

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