«Dieser Prozess ist für jede von uns»

Jetzt startet der Prozess gegen Harvey Weinstein. Zwei Klägerinnen stehen für über 80 Frauen. Eine von ihnen: Mimi Haleyi.

Sie steht heute im Gerichtsgebäude in Manhattan im Mittelpunkt: Klägerin Mimi Haleyi. Foto: Keystone

Sie steht heute im Gerichtsgebäude in Manhattan im Mittelpunkt: Klägerin Mimi Haleyi. Foto: Keystone

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In die Fassade des Strafgerichts des New York State Supreme Courts sind Worte von Thomas Jefferson gefräst, einem der Gründerväter der USA. Dort steht: «Equal and exact justice to all men of whatever state or persuasion». Der Grundsatz, die Justiz möge gerecht sein und frei von jeglichen äusseren Einflüssen, wird in diesem Gebäude in den kommenden Wochen und Monaten einer harten Prüfung unterzogen werden. Vor Gericht steht von Montag an Harvey Weinstein.

Als Filmproduzent war Weinstein einer der mächtigsten Männer Hollywoods, wenn auch mit zweifelhaftem Ruf. Im Oktober 2017 dann erschienen in der New York Times und im New Yorker Artikel, in denen es um konkrete Vergewaltigungs-Vorwürfe gegen Weinstein ging, das löste die weltweite «Me Too»-Bewegung aus: Frauen schilderten unter ebenjenem Schlagwort Vorfälle von Nötigungen oder Vergewaltigungen, bald auch über die Filmbranche hinaus.

Harvey Weinstein ist längst mehr als ein Angeklagter. Er ist Sinnbild für ein System, das von Frauen sexuelle Gefälligkeiten für eine berufliche Zukunft verlangt.

Wurde seit diesem Auftritt wieder ohne Rollator gesichtet: Harvey Weinstein erscheint zu einer Anhörung in New York. (6. Dezember 2019). Foto: Getty Images

Bis heute werfen mehr als 80 Frauen dem ehemaligen Studioboss massives Fehlverhalten vor, neben Untersuchungen in New York ermittelten auch die Behörden in Los Angeles und London. Doch trotz der scheinbar erdrückenden Beweislast durch Dutzende Zeuginnen, die alle von ähnlichen Erlebnissen berichten: Zum Prozess kommt es nun zum ersten Mal. Zuletzt hatten sich mehr als 30 Frauen, die Weinstein auf zivilrechtlichem Wege beikommen wollten, mit seinem inzwischen bankrotten Unternehmen auf einen vorläufigen Vergleich geeinigt. Ein Schuldeingeständnis ist nicht Teil dieses Deals.

Im Gerichtsgebäude in Downtown Manhattan, ein grauer Bau mit viel Beton und schmalen Fenstern, werden von Montag an zwei Frauen im Mittelpunkt stehen: Mimi Haleyi, eine ehemalige Produktionsassistentin der Weinstein Company, sowie eine Frau, die Weinstein beschuldigt, sie 2013 in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben, und die im Gegensatz zu Haleyi bislang nicht in der Öffentlichkeit auftrat. Opfer von Sexualstraftaten haben nach amerikanischem Recht ein lebenslanges Recht auf Anonymität. Haleyi hatte ihre Vorwürfe selbst öffentlich gemacht, sie wirft Weinstein vor, sie 2006 in seinem Apartment in Soho zum Oralverkehr gezwungen zu haben.


Bilder: Die Affäre Weinstein und ihre Opfer


Die Schicksale der beiden Frauen sollen stellvertretend für Dutzende Leidensgeschichten stehen, das zumindest erwartet Tina Chen, Präsidentin von «Time's Up». Die Organisation bietet Betroffenen juristischen Beistand, denen selbst das Geld fehlen würde für einen juristischen Kampf mit ihren Peinigern. «Wir hoffen, dass die Überlebenden ein bisschen Gerechtigkeit erfahren, wenn nun dieser Prozess beginnt», sagte Chen dem Hollywood Reporter. Deshalb wollen nicht nur mehr als 150 angemeldete Journalisten aus aller Welt einen Platz in den Besucherbänken – auch mehrere mutmassliche Opfer haben ihr Kommen angekündigt. Sie wollen ein Zeichen der Solidarität setzen. «Dieser Prozess», sagte kürzlich die Schauspielerin Rosanna Arquette, «ist für jede von uns.»

Arquette gibt an, Anfang der Neunziger von Weinstein bedrängt worden zu sein, ihr Vorwurf gilt, wie so viele andere, als verjährt. Die Anschuldigungen der beiden Klägerinnen dagegen glaubt die New Yorker Staatsanwaltschaft beweisen zu können. Insgesamt fünf Anklagepunkte wurden zusammengetragen, bei einer Verurteilung droht Weinstein, der die Anschuldigungen bestreitet, eine lebenslange Haft. Doch bis zu einem Urteil ist es noch ein weiter Weg. Bereits der Vorlauf des Verfahrens hatte sich als langwierig erwiesen.

Zwischenzeitlich musste die Staatsanwaltschaft von einem in der ursprünglichen Klage enthaltenen Opfer abrücken, weil herauskam, dass der leitende Detective versucht hatte, eine für Weinstein entlastende Zeugenaussage zu unterschlagen. Dann sorgte der Angeklagte selbst für Verzögerungen, indem er sein Verteidigerteam wechselte. Richter James Burke sah sich gezwungen, den neuen Anwälten Zeit zur Einarbeitung einzuräumen. Zuletzt war der Prozessstart im September ein weiteres Mal verschoben worden, weil die Anklage noch einmal um zwei Punkte erweitert wurde; ein juristischer Winkelzug der Staatsanwaltschaft, um weitere Zeuginnen hören zu können.

Auch wenn die Vorwürfe dieser Frauen nicht mitverhandelt werden, will die Staatsanwaltschaft Weinstein nachweisen, dass er Frauen wie ein Raubtier nachstellte. Für den New Yorker Anwalt Daniel Hochheiser ein cleverer Zug: «Ein guter Verteidiger kann die Glaubwürdigkeit einer Klage infrage stellen, vielleicht auch von zweien. Aber wenn du mal bei drei, vier, fünf bist, brauchst du keinen Anwalt mehr, sondern einen Zauberer», sagte er dem Magazin Variety.


Bilder: 5 Stars über Weinsteins Avancen


Weinsteins Team hat indes den Kampf um die öffentliche Meinung bereits eröffnet. Seine Anwältin Donna Rotunno sagte Anfang Dezember in einem TV-Interview: «Wenn du kein Opfer werden willst, geh nicht mit auf ein Hotelzimmer.» Die Juristin aus Chicago hat sich auf die Verteidigung von Sexualstraftaten spezialisiert und gilt als besonders hart im Kreuzverhör. Zuletzt liess sie ihren Mandanten aus dem Krankenhaus heraus ein Interview geben, dort war Weinstein am Rücken operiert worden. Das zum Boulevardblatt New York Post gehörende Portal Page Six konnte sich über eine knackige Zeile freuen – Weinstein schwadronierte von seinen Verdiensten um die Sache der Frauen. Und Rotunno bekam die wohl erhofften Fotos: Sie zeigten ihren Mandanten als mitgenommenen, älteren Mann.

Schon die zunächst anstehende Auswahl der zwölf Jury-Mitglieder dürfte schwierig werden. Beide Seiten wollen ein voreingenommenes Gremium verhindern, und das ist durchaus eine spannende Frage: Ist es möglich, in diesem Fall tatsächlich nicht voreingenommen zu sein? Neben jenen Amerikanern, die den Angeklagten bereits für schuldig halten, gibt es auch solche, die der «Me too»-Debatte überdrüssig sind und den Mann als solches als zu Unrecht verfolgt sehen (lesen Sie dazu mehr).

Der Weinstein-Prozess, so sieht es aus, könnte auch ein weiteres Beispiel dafür sein, wie sehr Amerika gespalten ist.

Erstellt: 06.01.2020, 10:33 Uhr

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