Der Gefangene, der aus dem Fenster stieg

Sindri Stefanssons gelang eine filmreife Flucht. Nun will er zurück in den isländischen Knast.

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Tatbestand: Diebstahl. Ausmass: der grösste in Islands Geschichte. Diebesgut: 600 Bitcoin-Server. Wert: 2 Millionen Dollar. Ort des Diebesguts: wenn man das in Island nur wüsste.

Einer, der es wissen könnte, ist Sindri Stefansson (31), vorbestraft, Vater dreier Kinder. Der Isländer ist nach dem Raub zusammen mit zehn anderen Verdächtigten verhaftet worden – die Zeitungen nennen ihn «Mastermind», weil er am längsten von allen Verdächtigten im Gefängnis sass. Bis er floh, untertauchte und zum internationalen Flüchtling wurde.

Stefanssons Flucht ist aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Ungewöhnlich, weil Häftlinge in Island gewöhnlich aus Gefängnissen fliehen, um sich zu betrinken. Das ist keine isländische Stammtischweisheit. Das sagt ein isländischer Soziologieprofessor. Ungewöhnlich aber auch, weil die Flucht so einfach gelang.

«Ich konnte nichts essen und hatte Knoten im Magen.»

Stefansson bucht in seiner Zelle auf seinem Handy einen Flug nach Stockholm (isländische Haftbedingungen). Er öffnet das Fenster seiner Zelle, steigt hinaus und marschiert aus dem Gefängnis (isländische Haftbedingungen). Das Tor zur Freiheit ist keine grosse Stahltür, sondern lediglich eine Barriere wie man sie aus Park­häusern kennt (isländische Haftbedingungen). Mittels Autostopp und Taxi kommt er zum Flughafen, nimmt den Flieger, in dem auch Islands Premierministerin Katrin Jakobsdottir sitzt. Zum Gespräch kommt es nicht, Stefansson hat seine Kappe tief ins Gesicht gezogen, will um keinen Preis auffallen.

In Stockholm erschrickt er. Überall in den Medien sieht er sein Häftlingsfoto. «Ich konnte nichts essen und hatte Knoten im Magen», erzählt er der «New York Times». Zum Raub hält er sich bedeckt. Dass es überhaupt dazu kommt, hat mit der gegenwärtigen Bitcoin-Manie zu tun. Nicht nur die Kryptowährung hat an Wert gewonnen, sondern auch die ganze Hardware. Nur: Sie ist viel schlechter bewacht und darum einfacher zu klauen. Island wiederum ist der perfekte Ort für die Kühlung der Computer. Kühle Temperaturen und tiefe Strompreise.

Noch immer sucht die Polizei nach den Tätern. Sie vermutet Verbindungen zu einem ausländischen Verbrechersyndikat. Ob Stefansson tatsächlich beteiligt ist, weiss sie nicht, dafür kennt sie seine weitere Flucht. Mit Zug, Taxi und Fähre gelangt er über Dänemark nach Deutschland, worauf er nach Amsterdam reist. Drei Stunden war er dort in Freiheit, zwei Tage entfernt von einem neuen Leben in Spanien mit seiner Familie, wie er sagt. Dann verhaftet ihn die Polizei. Passanten haben ihn erkannt.

Stefansson landet in einer Amsterdamer Zelle. Es gefällt ihm nicht, es wächst in ihm ein einziger Wunsch: Er will zurück in ein Gefängnis in Island. Denn diese seien im Vergleich zu den niederländischen wie ein Hotel. Isländische Haftbedingungen eben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2018, 20:09 Uhr

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