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Standhalten, nicht flüchten

Die Pariser Studentin Marie Laguerre wurde auf offener Strasse von einem Mann geschlagen. Das wollte sie nicht hinnehmen.

Dieses Video schlägt in Frankreich hohe Wellen. Video: Storyful/Tamedia

18.30 Uhr, alles normal. Ein lauer Sommerabend, Pariser und Pariserinnen sitzen in Strassencafés. Marie Laguerre, 22 Jahre alt, trägt ein rotes Kleid. Ein Mann mit Bart und schwarzem T-Shirt geht an ihr vorbei, macht anzügliche Geräusche, ruft ihr Unflätigkeiten zu. «Ta gueule», zischt sie im Weitergehen, halt die Klappe. Erst denkt sie, er habe sie gar nicht gehört. Doch er hat. Der Mann greift sich einen Aschenbecher von einem Cafétisch und wirft ihn nach der Frau, das Geschoss geht nur Zentimeter an ihrem Kopf vorbei. Laguerre antwortet mit einem Fluch, geht zügig davon, er folgt ihr. Sie bleibt stehen. Er schlägt ihr mit Wucht ins Gesicht. Ein ­Dutzend Menschen sitzen direkt daneben, springen auf, sind empört, beschimpfen den Mann. Er verschwindet, läuft die Strasse hoch.

Nichts davon wüssten wir, wenn Laguerre nicht etwas Ungewöhnliches getan hätte. Die Architekturstudentin ging nach Hause, mit einer Wunde im Gesicht, einem Dröhnen im Kopf. Und besann sich eines Besseren.

Sie kehrte zum Tatort zurück, bat Zeugen um ihre Aussagen, bekam eine Kopie des Überwachungsvideos vom Cafe, vor dem alles passierte. Laguerre erstattete Anzeige – und stellte Video und Aufruf über Facebook ins Internet. Die Aufnahme wurde inzwischen fast zwei Millionen Mal aufgerufen. Nun spricht das ganze Land über den Angriff von letzter Woche. Politiker unterstützten Laguerre, darunter etwa die sozialistische Bürgermeisterin des 10. Arrondissements von Paris, ­Alexandra Cordebra – die auf Twitter ihrerseits dafür beschimpft wird.

«Empörend, aber leider nicht überraschend»

Alltägliche sexuelle Belästigung ist ein heisses Thema in Frankreich. Seit Jahren klagen Frauen über aufdringliche Männer in der Metro, überlegen sich, ob sie statt eines Jupe doch lieber eine Hose tragen sollen. 2015 ergab eine Umfrage unter Frauen, die den öffentlichen Verkehr nutzen, dass ausnahmslos alle schon einmal sexuell belästigt worden waren. Der Angriff auf Laguerre sei «empörend, aber leider nicht überraschend», meinte Frankreichs Ministerin für Gleichstellung, Marlene Schiappa. Sie hat ein neues Gesetz in Aussicht gestellt, das Sofortbussen für solche Belästigung ermöglichen soll.

Ob solche Strafen viel bewirken können, ist fraglich. «Es war nicht das erste Mal an diesem Tag, in dieser Woche, in diesem Monat», erzählt Laguerre in einem Interview mit «Le Parisien». «Und es ging alles so schnell.» Aber sie wolle sich das nicht mehr bieten lassen. «Ich habe mich geweigert, den Blick zu senken, ich habe ihm direkt in die Augen gesehen.» Als der Schlag sie traf, habe sie Stolz empfunden. Mithilfe des Videos sucht die Polizei nun nach dem Täter.

«Der Adrenalinpegel steigt, es stresst mich, auf die Strasse zu gehen.»

Marie Laguerre

Trotz ihres Mutes fühlt sich Laguerre nicht mehr sicher in ihrem Pariser Quartier. «Der Adrenalinpegel steigt, es stresst mich, auf die Strasse zu gehen», sagt sie. «Das Problem ist die systematische Unsicherheit, unter der Frauen aufgrund der Männer leiden.»

Auf Facebook appellierte sie an ­Männer, «die meinen, auf der Strasse sei alles erlaubt, die uns erniedrigen: Das ist nicht akzeptabel. Es ist Zeit, dass diese Art des Benehmens ­aufhört!»

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