Federers Vorgänger von der Titanic

Der erste US-Open-Sieger aus der Schweiz heisst nicht Roger Federer. Sondern Richard Norris Williams II. Dieser überlebte eine Katastrophe.

Sah die Titanic untergehen und konnte sich gerade noch retten: Richard Norris Williams II (rechts). Foto: AP

Sah die Titanic untergehen und konnte sich gerade noch retten: Richard Norris Williams II (rechts). Foto: AP

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Wenn ab heute die besten Tennis­spieler der Welt um den Titel beim US Open kämpfen, richten sich alle Augen auf Roger Federer. Dabei hat der fünffache Sieger von New York einen fast vergessenen Vorgänger: Der erste in der Schweiz geborene Triumphator des Turniers ist nämlich nicht der Basler, sondern Richard Norris Williams II. Dieser siegte am 1. September 1914 in Newport im Bundesstaat Rhode Island bei den ameri­kanischen Meisterschaften, dem Vorgängerturnier des Open. Sein grösster Triumph war ihm jedoch zwei Jahre zuvor gelungen – als er den Untergang der Titanic überlebte.

Williams kam 1891 in Genf zur Welt. Aufgrund gesundheitlicher Probleme seines Vaters Duane waren die Eltern von Philadelphia in die Schweiz ­gezogen, um leichteren Zugang zu Heilbädern zu haben. Duane Williams brachte seinem Sohn das Tennis bei, 1911 war der Sprössling erstmals Schweizer Meister. Im Herbst 1912 wollte er an der Harvard-Universität studieren und Tennis spielen.

«Ohne Lärm, völlig geräuschlos»

Als sein Vater von der Jungfernfahrt der Titanic hörte, buchte er zwei Erstklasstickets. Richard und Duane Williams gehörten zu den 274 Passagieren, die am 10. April 1912 in Cherbourg an Bord gingen. Als das Schiff vier Tage später gegen Mitternacht einen Eisberg rammte, wurden beide aus dem Schlaf gerissen. Bald herrschte Chaos auf der Titanic, diesem angeblich «unsinkbaren» Luxusliner. Erst halfen Richard und Duane Williams anderen Passagieren in die Rettungsboote. Dann wurde ihnen klar: Für sie war kein Boot mehr übrig. Der Bug der Titanic verschwand bereits im Wasser. Bevor sie in den eiskalten Atlantik sprangen, wurde Duane Williams von einem ein­stürzenden Schornstein erschlagen. Richard Williams kletterte auf eine Brüstung, sprang in die Tiefe und schwamm.

Nur zwölf Wochen nach der Katastrophe spielte Richard Williams wieder ein Tennisturnier.

Aus einiger Entfernung sah er die Titanic um 2.20 Uhr untergehen – «ohne Lärm, völlig geräuschlos», wie er sich später erinnerte. Williams erreichte ein Rettungsboot, das um­gekippt im Wasser trieb. Neben ihm klammerten sich etwa 30 weitere Personen an den hölzernen Rumpf. Nur 13 von ihnen überlebten.

Von den Erfrierungen gekennzeichnet

Als das Passagierschiff Carpathia Williams rettete, war er nach Stunden im Ozean völlig unterkühlt. Seine Beine waren rotlila, er konnte sie nicht mehr fühlen. Ein Schiffsarzt legte ihm eine Amputation nahe. Doch Williams schüttelte den Kopf: «Meine Beine brauche ich noch.»

Er behielt recht. Nur zwölf Wochen nach der Katastrophe spielte Richard Williams wieder ein Tennisturnier. Es kam ihm entgegen, dass die Kleiderordnung weisse, lange Hosen vorschrieb, denn seine Beine blieben von den Erfrierungen gekennzeichnet – zeitlebens. Zwei Jahre später triumphierte er bei den US-Meisterschaften, 1916 ein zweites Mal, 1924 wurde er Mixed-Olympiasieger.

Sein Enkel Quincy Williams beschrieb ihn später als «bescheidenen Mann, der nicht gern über sich selbst redete». Vieles weiss Quincy aus Memoiren, so richtig erinnern kann er sich nicht mehr an seinen Grossvater, der 1968 starb. 56 Jahre nach der berühmtesten Schiffskatastrophe der Geschichte, 54 nach einem fast vergessenen Sieg.

Erstellt: 26.08.2019, 06:11 Uhr

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