Traumhochzeit

Benita Alexander erlebte das Märchen, dann den Albtraum.

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Das erste Mal begegnete sie ihm auf der Titelseite der «New York Times». Dr. Paolo Macchiarini, 1958 in der Schweiz geboren, war der Chirurg, der der Transplantationsmedizin einen Durchbruch ermöglichte: Organe aus Plastik, umhüllt mit patienteneigenen Stammzellen.

Benita Alexander, damals 46 Jahre alt, war TV-Produzentin für NBC News, und ihre Redaktion plante einen Film über ihn. Sie trafen sich in einem Luxushotel in Seoul – und redeten die halbe Nacht. Er lud sie nach Venedig ein. Und dort passierte, was ihr als Journalistin nie hätte passieren dürfen: Sie verliebte sich in jemanden, über den sie berichten sollte.

In der Pause auf die Bahamas

Währenddessen drehte ihr Team, wie er sich auf eine Pionieroperation vorbereitete: die erste Stammzellenluftröhre für ein zweijähriges Kind. In den Pausen flogen sie auf die Bahamas, nach Mexiko oder zu seiner Mutter nach Italien. Dann operierte er, der Film war beendet, und am Weihnachtstag machte er ihr einen Antrag.

Sie war glücklich. Er war aufmerksam und grosszügig, galt als Nobelpreis-Anwärter und war international gefragt: als Chirurg für VIP-Personen. Er nannte ihr die Namen nur zögerlich: Es waren Politiker, Showstars und der Papst.

Das einzige Problem war: Sie wollten in Rom in einer Kirche heiraten, waren aber beide geschieden. Er sprach mit seinem wichtigsten Patienten: Der Papst sagte zu, die Trauung selbst zu vollziehen, auf seinem Landsitz in Castel Gandolfo. Sie planten die Hochzeit im Juli 2015. Weitere Patienten sagten zu: die Clintons, die Obamas, Putin. Sie kündigte ihren Job. Und er half ihr bei der Auswahl von Kleidern, Karten, Blumen. Er wählte immer nur das Beste. Und bezahlte, ohne zu zögern.

Dann, am 14. Mai, die Einladungskarten waren längst gedruckt, erfuhr sie, dass Papst Franziskus im Juli nach Südamerika reisen würde. Er murmelte etwas von «Chaos» und «der Politik im Vatikan». Es war das letzte Mal, dass sie ihn sprach. Sie schrieb Mails an geladene Gäste auf vier Kontinenten und sagte die Hochzeit ab. Ihm schrieb sie: «Wer zum Teufel bist du?»

Vieles war frei erfunden

Ein Privatdetektiv klärte nicht viel. Ausser dass Macchiarini grosse Teile seines akademischen Lebenslaufs erfunden hatte. Und immer noch verheiratet war.

Am Tag der Hochzeit schickte sie zwei Freundinnen mit einer Flasche Wein bei ihm zu Hause vorbei. Der Doktor stammelte wie ein Schulbub. Eine Frau mit zwei Kindern kam zur Tür heraus. Sie sass im Auto und beobachtete ihn. Sie sah, wie er, als die Freundinnen gingen, den Wein in die Mülltonne warf.

Im Februar 2016 erschien ihre Geschichte in «Vanity Fair», gleichzeitig mit einer Untersuchung, die ihm gefälschte Forschungsergebnisse vorwarf. Und den Tod seiner meisten Patienten, darunter das Kind aus dem Film. Diesen Juni twitterte sie die Nachricht, dass Dr. Paolo Macchiarini in Stockholm wegen Totschlags an zwei Patienten angeklagt wurde.

Erstellt: 03.08.2016, 23:03 Uhr

Benita Alexander. Foto: Twitter

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