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Und dann wird sie plötzlich lebendig

Sennentuntschi, die geschändete Puppe aus der Alpensage, und ihre strafende christliche Moral.

«Der Puppendämon häutete den Älpler, spannte die Haut und nagelte sie auf dem Hüttendach fest»: In der Geschichte des Sennentuntschi bestraft die lebendig gewordene Puppe für die Sünden.
«Der Puppendämon häutete den Älpler, spannte die Haut und nagelte sie auf dem Hüttendach fest»: In der Geschichte des Sennentuntschi bestraft die lebendig gewordene Puppe für die Sünden.

Wenn sexuell ausgehungerte Sennen ihre Fantasien ausleben, kommt es böse heraus. Davon berichtet die Sage vom Sennentuntschi, die von der Alp Wissenboden im Schächental erzählt wird. Und nicht nur dort: In zahllosen Abwandlungen geistert das Tuntschi durch den gesamten deutschsprachigen Alpenraum.

«Eines Tages», so heisst es in einer Fassung, «kamen Alpknechte auf die Idee, sie sollten auch ein Weibervolk haben.» Aus Lumpen, Stroh und Holz bauen sie sich eine Puppe, der sie Frauenkleider anziehen: «Mit dem Tuntscheli trieben sie dann allerlei Gugelfuhr, nahmen es abwechslungsweise zu sich ins Bett und trieben alle Laster mit ihm.» Dann aber wird die Puppe plötzlich lebendig.

Protest schon in den 80er-Jahren

Die sexuelle Erweckung kommt bald ins Kino: Diese Woche hat Michael Steiners Film «Sennentuntschi» in Zürich Premiere. Er hat schon viel zu reden gegeben. Das liegt an ihm, aber auch am Stoff. Denn schon einmal löste das lasterhafte Treiben der Sennen mit ihrer Sexpuppe im Alpenland Entrüstung aus. Das war im Jahr 1981, als Hansjörg Schneider sein Mundartstück «Sennentuntschi» im Schweizer Fernsehen zeigte. Protestkomitees gründeten sich, besorgte Elternverbände meldeten sich zu Wort, es gab eine Klage wegen Gotteslästerung.

Denn als die Puppe in Schneiders Stück zum Leben erwacht, wird sie den Sennen bald unheimlich, weil sie wie ein dienender Liebesautomat jeden vulgären Spruch nachplappert: «Chum, vogle.» Das Begehren der notgeilen Sennen führt zum Albtraum einer unersättlichen Sexmaschine.

Ursprung in griechischer Sage

«Sexualität und Gotteslästerung sind der Kern der Sage», sagte Michael Steiner schon vor zwei Jahren, als er im Bergell und mit Roxane Mesquida sein «Sennentuntschi» drehte. Auf eine Wiederholung des Skandals, sagte Steiner damals, habe er es mit dem Film aber nicht abgesehen. Da konnte er noch nicht ahnen, dass sein «Märchen für Erwachsene», wie er es nannte, schneller in die Schlagzeilen geraten sollte, als ihm lieb sein konnte – nicht aus moralischen Gründen, sondern wegen finanzieller Misswirtschaft.

Dabei gründet die böse Alpenmär in einer glücklichen Metamorphose. Die Geschichte vom Sennentuntschi geht auf die griechische Sage von Pygmalion zurück. Zwar verachtet auch der Bildhauer die Frauen; dann aber verliebt er sich in eine weibliche Statue, die er selbst erschaffen hat. Und er bittet die Göttin der Liebe um eine Frau nach dem Ebenbild seiner Statue. Sie wird unter Pygmalions Liebkosungen zum Leben erweckt – und heilt dann ihn von seinem Frauenhass.

Strafe für die Sünde

Im christlichen Mittelalter war diese Wunscherfüllung nicht mehr akzeptabel. So wurde sie in der Sage vom Sennentuntschi zum Frevel gegen Gott umgedeutet. Ein paar Sennen,die sich als Schöpfer von eigenen Gnaden betätigen und sich an ihrer künstlichen Frau versündigen – das musste bestraft werden.

Und so kennt die Lustpuppe keine Gnade mehr. Beim Alpabzug schlachtet das Tuntschi den Senn, der in der Hütte geblieben ist, und zieht ihm die Haut über die Ohren: «Der Puppendämon häutete den Älpler, spannte die Haut und nagelte sie auf dem Hüttendach fest.»

So wird die Männerfantasie von der totalen Verfügbarkeit der Frau zu einer Sage, die ihre grausame Strafe für die Sünde mitliefert. Die Geschichte vom Sennentuntschi als Männertraum mit christlicher Abschreckungsmoral: ein Märchen eben für Erwachsene.

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