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Und in der anderen Hand das Handy

Zwei US-Journalisten wurden vor laufender Kamera erschossen. Der Täter dokumentierte und verbreitete seine Tat in sozialen Medien – mit perfidem Effekt.

Mord in Echtzeit: Kurz nach der Tat twitterte der Schütze und verwies auf sein Video (26. August 2015).
Mord in Echtzeit: Kurz nach der Tat twitterte der Schütze und verwies auf sein Video (26. August 2015).
Screenshot Twitter

Vier Stunden nachdem er seine früheren Arbeitskollegen erschossen hatte, loggte sich Vester Lee Flanagan alias Bryce Williams auf Twitter ein. Dort informierte er seine Follower: «Ich filmte es. Schaut auf Facebook nach.» Tatsächlich hatte Williams seinen Mord mit dem Smartphone dokumentiert: in der einen Hand hatte er die Waffe, in der anderen das vertikal gehaltene Handy. Wenig später errichtete er eigens einen Twitter-Account und verwies auf sein eigenes Video aus der Ego-Shooter-Perspektive. Das sei jetzt auf Facebook schrieb er, mit der klaren Absicht, sein Attentat viral gehen zu lassen.

Williams ist ein Medienprofi, er wusste sehr genau, wie er vorgehen musste. Und Kommentatoren sind sich einig, dass die Tat samt ihrer geplanten massenhaften Verbreitung über die sozialen Medien ohne Vergleich ist und eine neue Eskalationsstufe darstellt. Eine derart professionelles Bespielen dieser neuen Publikationskanäle kannte man bis dato nur von den Jihadisten des IS.

Psychologieprofessor Keith Campbell hat sich im Buch «The Narcissism Epidemic» mit dem Phänomen befasst, dass es ein steigendes Bedürfnis nach medialer Wahrnehmung gibt - und dass Gewalttäter dies immer raffinierter in ihre Taten mit einbeziehen. Heute, im Zeitalter von Social Media, könnten die Mörder ihre Vermarktung selber in die Hand nehmen, ihrem Narzismus selber Geltung verschaffen, sagte er gegenüber der «Washington Post»: «Bonnie und Clyde warteten wohl wohl noch aufgeregt, bis ihre Taten in den Zeitungen vermeldet wurden. Nun können (Täter) ihre eigenen Geschichten fabrizieren.»

Follower generiert wie ein Popstar

Auch Farhad Manjoo, Tech-Autor der «New York Times», sieht im Virginia-Mord eine neue Eskalationsstufe, eine «fürchterliche Wende». Williams habe sehr genau gewusst, wie ungeheuer attraktiv sein wackeliges Video auf Web-User wirken würde. Die kurze Zeit auf Twitter – nach 20 Minuten wurde der Account gesperrt – habe er sehr effektiv genutzt und Follower in einem Tempo generiert, die sonst Popstars vorbehalten sei.

Für das Digital-Magazin «Wired» enthüllte das Massaker die «dunkle Seite des Sharings». Seit kurzem eingeführte Features wie Autoplay – Videos, die ohne Zutun des Users beginnen – hätten den Effekt deutlich verstärkt. «Nun mussten sogar User die Videos schauen, die sie gar nicht schauen wollten.»

Die Rolle von Facebook und Twitter war denn auch eine unglückliche. Zwar sperrten die beiden Dienste Williams' Konten innert Kürze. Doch schnell ist heute offenkundig nicht mehr schnell genug. Kopien der Kopien der Videos machten die Runde. Es blieb der Community überlassen, die Viralität der Mord-Videos einzudämmen. «Don't share the videos» lautete der Text der beliebtesten Tweets. Denn bei der Tat handle es sich im Grunde um ein Snuff-Movie – das Filmen eines Mordes zur Unterhaltung. Früher wurden diese versteckt im Untergrund getauscht. Heute sieht sie die ganze Welt.

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