Kürtu arbeitet zu viel und verdient zu wenig

Kurt Gerber liebt das LKW-Fahren, aber sein Berufsstand erlebt gerade schwierige Zeiten. Nur einer ist optimistisch.

Der einzige Schmuck in Kurt Gerbers Lastwagen ist ein Traumfänger. Sein Traum: Millionär sein und am Strand liegen. Status: bisher unerfüllt. Foto: Reto Oeschger

Der einzige Schmuck in Kurt Gerbers Lastwagen ist ein Traumfänger. Sein Traum: Millionär sein und am Strand liegen. Status: bisher unerfüllt. Foto: Reto Oeschger

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Guten Morgen, Herr Gerber. «Ich bin der Kürtu.» Es ist kurz nach fünf Uhr morgens in Rothrist, und Kürtu verspürt gerade wenig Lust zum Reden, er muss los, ist im Rückstand, muss vor den Deutschen am Ziel in Boningen sein. Weil: Dort hat es nur eine Absaugstation. Sieht schlecht aus. «Gopfe­tami, ab fünf können die Deutschen über die Grenze, wenn sie vor uns da sind, dann warten wir eine halbe Stunde, das wirft das ganze Tagesprogramm über den Haufen.» Gerber fährt Lastwagen. Ein Bijou, sagt er, einen DAF, 510 PS, sechs Zylinder, geladen mit 27 Tonnen Raddipur, Bindemittel für die Baustelle.

Angekommen im Solothurnischen, fährt Gerber auf ein Industrieareal, dann atmet er auf: «Glück gehabt.» Der Deutsche ist noch nicht da. «Ist wohl im Stau.» Feind eines jeden LKW-Fahrers. Gerber fährt den Laster unter die Absauganlage, bringt Schläuche an und pumpt das Gut ab. Die Leute hier kennen ihn und zahlen ihm einen Kaffee vom Automaten, am Ende des Tages wird er davon über zehn getrunken haben. Gerber raucht Camel und sieht den Lastwagen mit deutschem Nummernschild kommen: «Der Fahrer ist Rumäne, ein armer Siech, er versteht die einfachsten Schilder nicht.» Etwa: Bitte läuten. Trampt überall rein. Regt die Leute hier auf.

Kurt Gerber ist seit 27 Jahren Lastwagenfahrer. Sein Beruf hat sich verändert, die Löhne sind gesunken, seine Freiheit wurde kleiner, das Umfeld internationaler. Früher gab es den Schwaben oder den Vorarlberger, über den die Schweizer Fahrer gespöttelt haben, heute ist es der Rumäne. Als im Juni angedeutet wurde, dass das Kabotageverbot gelockert werden könnte, gab es einen Aufschrei in der Lastwagenlobby. Kabo­tage meint, dass in der Schweiz nur Schweizer Firmen Waren von A nach B transportieren können. Fällt das Verbot, können die Schweizer Fahrer einpacken. Die Billiglohnempfänger kommen.

Der Fortschritt stärkt den Fahrer

Solche Dinge beschäftigen Gerber wenig. Er fährt, liefert ab, holt sich neues Gut, fährt, liefert ab. Nächster Halt: Bahnhof Aarau. Der leere Behälter geht per Bahn nach Italien, ein voller, mit Zement gefüllter Silo wird auf Gerbers Anhänger gesetzt. Wieder warten, wieder Kaffee aus dem Automaten, wieder Camel-Zigarette. Gerber plaudert mit den Leuten, der Chef ist weit weg, näher als ans Telefonohr kommt er ihm heute nicht. «Ich mag diese Freiheit.» Die ­Führerkabine ist geräumig, kaum geschmückt, nur ein Traumfänger hängt vorne an der Windschutzscheibe. «Mein Traum ist noch nicht in Erfüllung gegangen», sagt Gerber. Der wäre: mehrfacher Millionär, am Strand liegen. Mit seinem Beruf: schwierig.

30 Kilometer entfernt wohnt Gerbers pensionierter Chef, und der hat es geschafft. Er ist mehrfacher Millionär. Ueli Giezendanner, SVP-Nationalrat und Lastwägeler der Nation. Giezendanner lebt in einem ehemaligen Zeughaus, das er umgebaut hat. Schöne Möbel, schöne Autos – doch der wahre Schatz liegt eine Etage weiter unten: Dutzende alter Saurer-Lastwagen aus der Zeit, als Lastwagenfahrer noch die Könige der Landstrassen waren, oder wie es Giezendanner sagt: Captains of the Street. Giezendanner war selbst einer dieser Captains, er ist morgens in der Herrgottsfrüh nach Strassburg hoch, hat Bitumen geladen, diesen in die Schweiz gebracht und nachmittags das Büro gemacht – und ist damit reich geworden. Giezendanner hat mittlerweile das Geschäft seinen Söhnen übergeben.

«Welche Frau macht das mit, wenn der Alte 15 Stunden am Tag weg ist?»Kurt Gerber, Lastwagenchauffeur

Wenn er davon erzählt, wie sich der Beruf Lastwagenfahrer entwickeln wird, dann kommt er ins Schwärmen. Drohnen? Eine gute Sache. Robotergesteuerte Laster? Eine Entlastung. Die Zukunft? Rosig. Immer mehr Waren müssen transportiert werden, immer kleinere Stückzahlen auch. Gut für die Branche. Der Fortschritt werde den Lastwagenfahrer stärken. Sagt es und tätschelt einem Saurer die Haube, Baujahr 1957, acht Zylinder, sein Bijou. Giezendanner wird zum Romantiker, wenn er über die Saurer spricht. Es ist eine Romantik, die man heute unter den Lastwagenfahrern suchen muss.

Ulrich Giezendanners Bijou: Ein alter Saurer-Lastwagen. Foto: Dominique Meienberg

Gerber Kürtu hat 1991 mit dem Lastwagenfahren begonnen, weil ihm der Schlosserberuf zu eintönig war. «600 Kilometer einfach drauflosfahren, das wars», sagt er. Heute machen das meist ausländische Fahrer. Sind billiger. Gerber muss von Ort zu Ort, immer wieder warten, das leidige Warten, dann weiter, nun nach Meierskappel in Luzern. Wieder ein Kaffee vom Automaten, wieder eine Zigarette, wieder warten. Bis zu fünfzehn Stunden arbeitet er pro Tag, bis zu 65 Stunden in der Woche. «Welche Frau macht das mit, wenn der Alte von morgens um fünf bis abends um acht weg ist?», fragt er. Und dann: «Welcher Junge will das noch lernen?»

Gerber hört im Laster immer DRS 1, so sagt er es, manchmal hört er in den Nachrichten, dass andere in anderen Berufen 8000 Franken verdienen. Macht ihn hässig. 5000 Franken brutto verdient ein Chauffeur in der Schweiz im Schnitt. Tendenz: sinkend. «Die Stunden, die du chnüppelst, stehen in keinem Vergleich zu dem, was du verdienst», sagt Gerber.

Das kratzt an der Popularität des Berufs. Es hat heute schon zu wenig Fahrer. 210 junge Menschen haben 2017 die Lehre zum Camionneur abgeschlossen. Nur 210. Also setzen die Transportunternehmen noch mehr auf Grenzgänger und Kurzaufenthalter. Bei der Firma Galliker machen sie 15 Prozent aller ­Fahrer aus. Bei Giezendanner Transport kommen rund 70 Grenzgänger und Kurzaufenthalter auf 120 einheimische Chauffeure. Der Grund: der Lohn. Es ist billiger, Zement aus Dänemark in den Aargau zu führen als aus dem Jura nach Boningen. Denn ein Chauffeur im EU-Raum verdient knapp 700 Euro pro Monat. Also haben auch die Schweizer Unternehmen begonnen, ausländische Standorte zu erschliessen. Das bringt die Löhne der Schweizer Fahrer noch mehr unter Druck. Der Fahrer ist so billig geworden, dass man ihn auch mal drei Stunden warten lässt. Meist schreibt er die Stunden nicht einmal auf; er hat Angst, Aufträge zu verlieren.

Mindestlohn? – Ein Knorz

David Piras kennt das, er ist Generalsekretär von Les Routiers Suisse, der Fahrergewerkschaft. «Was nichts kostet, ist nichts wert», sagt er. So fühlen sich auch immer mehr Fahrer – und wechseln den Beruf. Sie werden Hauswart oder Werksmechaniker. Dort arbeiten sie weniger und verdienen mehr. «Der Lastwagenfahrer ist aber keiner, der dem Geld nachrennt», sagt Piras, «aber irgendwann kannst du keine Familie mehr ernähren.» Piras versucht gerade in den Kantonen Aargau und Freiburg einen Mindestlohn für Fahrer mit fünf Jahren Erfahrung durchzusetzen. 4800 Franken. «Ein Knorz», sagt er, der Seufzer ist durch den Telefonhörer zu hören.

Gerber ist ein Fan seines Berufes. «Musst du sein», sagt er. Auch wenn er während der Arbeit meist schweigt und fährt, kann er wunderbar erzählen. Von Italien, von Deutschland, von den rücksichtsvollen Menschen. Wenn er in Italien auf der Autobahn den Blinker setzt, wird auf ihn geachtet. In der Schweiz? Da schauen alle auf sich. Früher hätten sich die Fahrer bei Pannen geholfen, heute fährt man weiter. «Ich kanns ja verstehen, aber trotzdem», sagt Gerber.

20 Euro für Parkplatz, Dusche, Essen

Es sei nicht alles schlechter geworden, mit den Zeitmessgeräten habe der Druck abgenommen, der Fahrer fährt nur so viel, wie er darf: maximal 4½ Stunden am Stück, maximal 10 Stunden am Tag. Der Rest: warten und Laster putzen. Auch in der Sicherheit sei ­einiges gegangen. Ruheplätze sind ­heute videoüberwacht, weil Kriminelle Schlafgas in die Fahrerkabinen bliesen, Fahrer ausraubten und Hunderte Liter von Diesel abpumpten. Nur: Nicht alle nutzen die überwachten Plätze, lieber sparen sie Geld. Nicht zuletzt, weil ihre Spesen gekürzt wurden, auch bei Giezendanner. 20 Euro bekommt ein Chauffeur für eine Übernachtung. Muss reichen für Parkplatz, Dusche und Essen.

Wird der Beruf wieder zu dem, was er einmal war? Giezendanner ist überzeugt davon: «In fünf Jahren ist er wieder der alte.» Gewerkschafter Piras sagt: «Nein. Wir arbeiten daran, dass kein weiterer Zerfall stattfindet.» Fahrer Gerber überlegt: «Da müsste einiges gehen.» 1. Mehr Lohn. 2. Weniger Arbeitszeit. «Vielleicht sollten wir mal eine Woche lang streiken, dann wissen alle im Land, was sie an uns haben.» Gerber lacht, Ironie kann er auch, er sagt: «Das macht uns aber auch nicht beliebter.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 17:53 Uhr

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