Weitermachen, weiterlächeln

Ex-Velostar Beat Breu versucht sich nach vielen Rückschlägen als Zirkusdirektor. Es ist wohl seine letzte Chance auf ein bisschen Glück.

Beat Breu hat sich mit seinem Zirkus einen lange gehegten Traum erfüllt.  Erste Station der Tournee: Teuchelweiherplatz Winterthur. Foto: Urs Jaudas

Beat Breu hat sich mit seinem Zirkus einen lange gehegten Traum erfüllt. Erste Station der Tournee: Teuchelweiherplatz Winterthur. Foto: Urs Jaudas

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Beat Breu steht vor dem Kassenhäuschen, Hände in den Hosentaschen, und wartet auf Besucher. Manchmal dreht er seinen Kopf und blickt zu seiner Frau Heidi, die hinter einer Glasscheibe mit einem langen Sprung sitzt. Sie ist bereit, um mit einem Bleistift das nächste Kreuzchen auf einem Blatt Papier einzuzeichnen. Acht hat sie bisher machen dürfen. Es hätte Platz für 600. So viele fasst das Zirkuszelt. Beat Breus Zelt. Oben zwischen den Masten leuchtet der Name. Er hat sich damit seinen Kindheitstraum erfüllt. Mit 61 Jahren.

Sie kommen schon noch, sagt Beat Breu zu seiner Heidi. Es ist kurz nach 19 Uhr auf dem Winterthurer Teuchelweiherplatz. Eine halbe Stunde noch, bis im Circus Beat Breu die allererste reguläre Vorführung beginnt.

Am Tag zuvor sah es hier um diese Zeit anders aus. Viele lachende Menschen, grosses Hallo, Pröschtli, gell. Es war Premiere! Alte Freunde, Unterstützer, Fans, ein paar Promis waren gekommen. Es gab Grissini mit Rohschinken, Früchtespiessli. Die Schwiegertochter hatte sie gemacht. Der «Blick» interviewte vor dem Kioskwagen Toni Vescoli. Und in den Lokalmedien durfte Breu noch einmal seiner Freude Ausdruck geben. Er konnte sich dabei einen Seitenhieb gegen all die Nörgler und Zweifler, gegen jene, die ihn immer nur belächelten, nicht verkneifen. «Sie haben doch nur gewartet, dass ich scheitere.»

«All die Kritiker haben doch nur darauf gewartet, dass ich scheitere.»Beat Breu

Die Häme. Er kennt sie bestens. Es gibt wohl keinen anderen Schweizer, über den so viel Hämisches geschrieben und gesendet wurde. Allein dem «Blick» verschaffte er über 700 Schlagzeilen. Und jetzt, als Zirkusdirektor ohne jegliche Erfahrung, ist ihm die zweifelhafte Medienpräsenz abermals gewiss. Beat Breu liefert Storys. Schon immer. Manchmal ungewollt. Aber geantwortet hat er immer, wenn er gefragt wurde. Dieser Mann, 170 Zentimeter klein, Delfinlachen, Lispelstimme, blickt auf ein Leben voller Rückschläge, Triumphe und dramatische Wendungen zurück.

Er begann als trittsicherer Sieger. Der Ostschweizer gewann zweimal die Tour de Suisse und gehörte in den 80er-Jahren zur Rad-Weltspitze. Verehrt, geliebt für seine träfen Sprüche. An einem Hang oberhalb von St. Gallen lebte er in einem schönen Haus, seine Frau war hübsch, die zwei Kinder brav. Aus dem klein gewachsenen Mann mit der Pöstlerlehre war ein Grosser geworden.

Er hätte alles gehabt, um seine sportlichen Erfolge vergolden zu können, sagen alle, die ihn kennen: das Palmarès, das Gesicht, das Image. So wie Ferdy Kübler. Oder auch Urs Freuler. Nur, er ist zu gutgläubig, sagen auch alle, die ihn kennen. Dieser Makel hat ihn fast alles gekostet: das Vermögen, das Seelenheil, fast das Leben.

Der bessere Breu

Der Niedergang begann mit seinem Bruder Urs, vier Jahre älter. Beim RV Arbon war dieser lange der bessere Breu, ehrgeiziger, selbstsicherer. Als der Bruder schliesslich in eine Bank wechselte und der Kleinere nach dem Gewinn der Züri-Metzgete zum Star wurde, war klar, wer die stetig voller werdende Kasse verwalten sollte. Nur: Der Bruder verspekulierte sich. Das ehrgeizig angedachte Immobiliengeschäft platzte Anfang der 90er-Jahre. Und Beat Breus gesamtes Vermögen, das er seinem Bruder anvertraut hatte, war weg. Der Spezialist für steile Hänge, von allen Bergfloh genannt, stand vor dem Nichts und musste den Finanzinstituten fortan 19'000 Franken zurückzahlen – pro Monat. All das erzählte Beat Breu damals offenherzig den Journalisten.

Erste Station der Tournee: Teuchelweiherplatz Winterthur. Foto: Urs Jaudas

Die Zuschauer litten mit. Und wollten unbedingt wissen, was die nächste Episode in diesem Drama sein würde. Die Medien stillten diese Neugier. Sie berichteten von seinen Versuchen als Komiker – und als Puffbetreiber: Longhorn City, ein Bordell mit Indianerzelt und Saloon. Zu lesen war auch von seinem «Schlägli», seiner Herzoperation. Und als sich Beat und Heidi kurzzeitig trennten, weinte sich Letztere in der «Glückspost» aus. Beat Breu blieb ein Thema.

Die Hände. Beat Breu hat sie tatsächlich, seit er sich vor das Kassenhäuschen hingestellt hat, noch immer nicht aus den Hosentaschen geholt. 15 Minuten bleiben bis Showbeginn. Heidi hat mittlerweile vier weitere Kreuze auf ihrem Blatt machen dürfen. Macht aktuell zwölf Besucher. «Dass es heute etwas schwieriger werden würde, hatte ich erwartet», sagt Breu tonlos, «es sind ja noch Ferien.» Eine Rentnerin, Ticket Nummer 4, nähert sich dem Zirkusdirektor und informiert ihn höflich, dass das WC-Papier ausgegangen sei. Breu nimmt sich dessen an und schlendert zu seinem Wohnwagen, um Nachschub zu holen. Die Hände bleiben, wo sie sind.

Widrigkeiten

Das Problem in der Sanitäranlage kann der Chef lösen. Andere hingegen nicht. Da ist die Sache mit den Werbeplakaten, die noch immer nicht eingetroffen sind («diese ‹Löli› von der italienischen Druckerei») oder jene mit den verweigerten Visa für die marokkanischen Arbeiter («bei anderen problemlos, nur bei uns… völlig unverständlich»). Da ist aber vor allem die Sache mit den Tieren. Fünf Araber, fünf Hengste, sechs Ponys und vier Kamele stehen in diesen Tagen an der Grenze und dürfen nicht in die Schweiz, da es in Vorarlberg einen Fall von Rindertuberkulose gegeben hat. Pech. Sie wären die Attraktion gewesen. Ohne Tiere kein Zirkus, hatte Breu gesagt, als das Ganze noch eine Idee auf einer Crowdfunding-Plattform war. Jetzt muss Beat Breu also ohne die tierischen Kräfte in die erste Saison steigen.

Er setzt darum auf noch mehr Manpower aus Deutschland. Die Lauenburger-Familie, eine weit verzweigte Zirkusdynastie aus dem Norden, prägt das Programm. Sie ist es auch, die das Zelt, die Lastwagen, selbst die Süssigkeiten mitgebracht hat. Kennen gelernt haben sich die Breus und die Lauenburgers via Facebook. Die einen hatten die Erfahrung und das Material, die anderen den Willen. Wie genau diese Geschäftsbeziehung aussieht, will Breu nicht ausführen. Es sieht so aus, dass Breu alles mietet. Seine Heidi sagt dazu nur: «Beat ist hier der Chef, und wir zahlen die Löhne. Punkt.» Branchenkenner sind skeptisch, wie lange das gut gehen kann. Die Fixkosten sind hoch, der Markt mit sechs umherziehenden Zirkussen umkämpft. Für Breu ist das nur die übliche Nörgelei. «Ich mache halt etwas, kritisieren ist einfacher.»

Es ist 19.30 Uhr. Heidi hat 21 Kreuze auf ihrem Blatt gemacht. Die Show beginnt: ein Jongleur, Akrobatik, glitzernde Kostüme. Das Sägemehl duftet. Nur die Tiere fehlen. «Wenn die aber mal da sind, geben wir Vollgas», sagt Beat Breu. Jetzt reckt er die Hand in die Luft.

Erstellt: 10.08.2019, 08:18 Uhr

Breus Leben – ein Auf und Ab

1981 Er gewinnt erstmals die Tour de Suisse, ein Jahr danach zwei Etappen an der Tour de France. 2. Sieg TdS 1989.

2001 Nach dem Verlust seines ganzen Vermögens durch ein gescheitertes Immobiliengeschäft des Bruders und sieben Jahren als Komiker versucht sich Breu als Puffbetreiber im Long Horn City.

2007 Comeback mit 49 Jahren auf der offenen Rennbahn Oerlikon.

2013 Privatkonkurs

2018 Bistro im Zirkus Royal. Aktuell mit Circus Beat Breu unterwegs.


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