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Der Chef der günstigsten Kasse leistet Widerstand

Nur ein Modell, nur eine Franchise, kein Computer: Wie Turbenthal eine komplett eigene Schiene fährt.

Setzt auf die Eigenverantwortung der Versicherten: Daniel Rüegg. Bild: ZVG
Setzt auf die Eigenverantwortung der Versicherten: Daniel Rüegg. Bild: ZVG

Eines ist jetzt schon sicher: Wenn heute Bundesrat Alain Berset die Krankenkassenprämien für das kommende Jahr bekannt gibt, steht die Krankenkasse Turbenthal wieder als die günstigste der Schweiz da. Für den Leiter der Kasse im Tösstal am östlichen Rand des Kantons Zürich ist das allerdings nicht nur Anlass zur Freude.

Daniel Rüegg weiss, er wird wieder viele Menschen enttäuschen müssen. Zwar sehen alle anhand der Tabellen des Bundesamts für Gesundheit, dass sie bei ihm am günstigsten fahren würden. Aber nur die wenigsten können und wollen die Kriterien zur Aufnahme in seine Kasse erfüllen. Zunächst: Nur Einwohner der Gemeinde Turbenthal und zweier Nachbar­gemeinden sind zugelassen. Die Kasse bietet zudem nur ein einziges Versicherungsmodell an, das mit der tiefsten gesetzlichen Franchise von 300 Franken. Am wichtigsten aber: Rüegg setzt auf die Eigenverantwortung der Versicherten. Alle 400 kennt er persönlich.

«Computer machen krank»

Das ist indes nur ein Teil des Geheimnisses hinter der rekordtiefen Monatsprämie – rund 100 Franken weniger als jene der nächstgünstigsten Kassen. Daniel Rüegg ist Präsident, Geschäftsleiter und einziger Angestellter der Krankenkasse Turbenthal. Die Kassenverwaltung findet Platz in ein paar Bundesordnern und einem Karteikasten. Die Karten beschreibt Rüegg im gekonnten Zehnfingersystem mit seiner Schreibmaschine, einer Hermes Ambassador, wie sie seit den 50er-Jahren auf dem Markt ist. Keine Website, kein E-Mail, kein PC, kein Handy und schon gar kein Smartphone. Daniel Rüegg findet: Er sei ohnehin schon ein «Zabli», da brauche er nicht noch elektronische Nervösmacher.

«Computer machen krank», sagt er sogar, das sehe er rundum. Der 63-Jährige hat nie im Leben einen benützt. Aber missionieren will er deswegen niemanden: «Ich akzeptiere das: Wer mit dem Computer arbeiten will, soll das doch tun, kein Problem.» Aber dann wird der Mann mit dem optimistischen Schnauz doch sehr bestimmt: «In unserem Land haben wir doch immer versucht, allen die Freiheit zu geben, ihr Leben so zu leben, wie sie gerne möchten.»

Das Bundesamt für Gesundheit aber hat damit ein Problem: Es will Rüegg zwingen, seine Krankenkassenverwaltung zu modernisieren. Beim Bundesverwaltungsgericht ist deswegen ein Entscheid hängig. Aufgeschreckt von der SVP hat sich auch der Bundesrat schon zum Fall Turbenthal geäussert. Er räumt zwar ein, jede Kasse könne die Technik, mit der sie arbeite, frei wählen. Dieses Eingeständnis wirkt aber schnell schein­heilig, wenn man in der bundesrätlichen Stellungnahme weiterliest: Die computergenerierte Versicherungskarte sei für jeden Krankenversicherten gesetzliche Pflicht. Aber noch hat das Gericht nicht entschieden. Noch tippt Daniel Rüegg auf seiner Hermes. Und seine Versicherten freuen sich an rekordtiefen Prämien.

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