Hostess berichtet von rüpelhaften Passagieren

Über den Kapitän und die Crewmitglieder der Costa Concordia haben die Medien schon viel Unrühmliches geschrieben. Nun sind die Passagiere dran: Eine Hostess schildert in einem Interview denkwürdige Szenen.

«Dass der Kapitän als einer der ersten das Schiff verlassen hat, kann ich nicht glauben»: Costa-Concordia-Mitarbeiterin Marie Bulgarini aus Wien.

«Dass der Kapitän als einer der ersten das Schiff verlassen hat, kann ich nicht glauben»: Costa-Concordia-Mitarbeiterin Marie Bulgarini aus Wien.

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Bei der Evakuierung der havarierten Costa Concordia in der Toskana habe die Crew ihr Bestes gegeben, verteidigt eine Schiffshostess ihre Kollegen. Gleichzeitig kritisiert sie das Verhalten vieler Gäste, welche die Räumung des Schiffes behindert hätten.

Das Verhalten vieler Gäste hat die österreichische Costa-Concordia-Mitarbeiterin Marie Bulgarini als «katastrophal» in Erinnerung. «Viele haben auch während der Evakuierung ihre Handys hochgehalten und gefilmt und fotografiert, sind uns somit teilweise wirklich im Weg gestanden und haben damit die Räumung des Schiffs behindert», sagt sie gegenüber der Nachrichtenagentur APA.

Andere Passagiere hätten sich den Anweisungen des Personals schlicht widersetzt. «Egal ob Frauen oder Kinder da waren, manche Touristen haben sich rücksichtslos durch die Menge geboxt, um als erste im Boot zu sein.»

Unwissende Crew

Bulgarini hatte seit Ende November als «International Hostess» auf dem Schiff gearbeitet. «Ich war gerade im Büro auf Deck 5, als das Schiff eine scharfe Rechtskurve machte und in Schräglage geriet», so die 23-jährige Wienerin. Das komme aber öfters vor, die Reisebegleiterin habe sich dabei nichts gedacht.

«Plötzlich hat das ganze Schiff gewackelt und vibriert, die Kästen gingen auf und alles fiel heraus, das Licht begann zu flackern und wir hatten ein Blackout, also Stromausfall.» Sie ging sofort hinauf zur Brücke auf Deck 8. «Wie alle anderen 'internationalen Hostessen' habe ich dann die erste Durchsage (in der jeweiligen Muttersprache, Anm.) gemacht.» Vorerst war nur die Rede von Problemen mit den Generatoren.

«Auch wir wussten bis zur Evakuierung nicht, was wirklich passiert war. Dass der Riss 70 Meter lang war, war uns nicht bekannt. Wir hörten nur von einem Loch.» In Folge machte die Österreicherin noch zwei Durchsagen, um die Passagiere zu beruhigen. «Die vierte Durchsage kam dann direkt vom Kapitän: 'Abandon ship' ('Schiff evakuieren', Anm.).»

Eine der letzten an Bord

Die Kritik der Passagiere an der Crew kann die 23-Jährige nicht nachvollziehen. «Zumindest jene Crewmitglieder, die ich beobachten konnte, haben sehr gut zusammengearbeitet. Ich habe selbst gesehen, wie einige Offiziere ins Wasser gesprungen sind, um Passagiere zu retten. Wir konnten innerhalb kürzester Zeit mehr als 4000 Menschen evakuieren.»

Um insgesamt vier Boote hat sich die Wienerin gekümmert, bis alle Passagiere gerettet waren. «Die Boote waren knallvoll.» Einmal hat sie selbst als Begleitung in einem Rettungsboot auf die Insel Giglio übergesetzt, ist dann aber zur Costa Concordia zurückgekehrt, um weitere Passagiere in die Boote einzuweisen. «Ich war eine der letzten, die das Deck verlassen haben.»

Hilfsbereite Einwohner

Auf der Insel haben sich auch die Einwohner um die Passagiere gekümmert. «Sie haben Decken und Kleidung gebracht, es war ja sehr kalt», sagte Bulgarini. «Am Pier haben sich dann auch viele Gäste bei den Crew-Mitgliedern bedankt.»

Samstag früh ging es dann mit Fährschiffen auf das italienische Festland nach Santo Stefano. «Wir mussten vorher allerdings noch die Namen der Passagiere notieren.» Auch am Festland kümmerten sich Hilfskräfte und Einheimische um die Gestrandeten.

«Sie haben die Passagiere mit Decken, Handtüchern, Jacken, Essen und Heissgetränken versorgt.» Bis Samstagmittag war Bulgarini im Dauereinsatz. «Dann wurden wir in ein Hotel gebracht.»

Keine Kritik an Kapitän

Am Sonntag wurde eine Arbeitskollegin von ihren Eltern abgeholt und Bulgarini konnte mit nach Österreich fahren. Erst zu Hause in Wien habe sie zu realisieren begonnen, was passiert war und was sie alles verloren hat.

Unterdessen erhärteten sich die Vorwürfe gegen den Kapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino. «Dass der Kapitän als einer der ersten das Schiff verlassen hat, kann ich nicht glauben.» Vielleicht sei er so wie sie mit einem Rettungsboot auf die Insel übergeschifft, dann aber wieder auf die Costa Concordia zurückgekehrt, um weiter bei der Evakuierung zu helfen.

«Ich habe ihn in den Morgenstunden am Pier gesehen, wo alle Rettungsboote ankamen», sagte Bulgarini. Den Kapitän habe sie als gut organisierten, kompetenten Menschen kennen gelernt.

Die 23-Jährige ist selbst erstaunt, wie ruhig sie während des Unglücks geblieben ist. «Vielleicht war das auch deshalb, weil die Insel sichtbar und so nahe war.» Nach den schlimmen Ereignissen möchte sie sich erstmal bei ihrer Familie erholen. «Ich glaube aber, dass ich zurück aufs Schiff gehe.» (bru/sda)

Erstellt: 17.01.2012, 11:32 Uhr

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Retter im Einsatz: Drahtseilakt auf der Costa Concordia. (Video: Reuters )

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