Simmens umstrittener Sponsor

Der Snowboard-Olympiasieger Gian Simmen wirbt für Produkte von Forever Living – Experten bezeichnen das Empfehlungsmarketing-Unternehmen als unseriös.

Er müsse sich nicht verstecken, denn sein neuer Sponsor sei «absolut seriös»: Gian Simmen.

Er müsse sich nicht verstecken, denn sein neuer Sponsor sei «absolut seriös»: Gian Simmen. Bild: Nicola Pitaro

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Der Snowboardstar Gian Simmen hat einen neuen Sponsor: Forever Living Products. Auf seiner Facebookseite findet sich ein Bild, auf dem er das neuste Produkt der Firma in die Kamera hält – den Energydrink FAB mit Guarana. «Forever Living Products ist mein Sponsor», bestätigt der Bündner auf Anfrage.

Der US-Konzern Forever Living Products (FLP) hat seit 1999 einen Sitz in Frauenfeld. Die Firma verkauft in erster Linie Aloe-Vera-Produkte. Nach eigenen Angaben macht FLP weltweit drei Milliarden Franken Umsatz. Das Geschäftsmodell: Empfehlungsmarketing.

Zweifelhafter Ruf

Der erste Kontakt zu FLP ist laut Simmen über den Berner Beat Hefti zustande gekommen, der FLP Produkte auf seiner Website livechange.ch vertreibt. Hefti betreibt in Worb das esoterische Zentrum Adlerhorst, in dem etwa Seminare für Reiki und Immortal Sciences (praktische Umsetzung alter Weisheiten) angeboten werden.

Auf die Frage, wie er in Kontakt mit Hefti gekommen sei, antwortet Simmen: «Über hundert Ecken.» Dass Simmen seinen Namen für eine Multi-Level-Marketingunternehmen hergibt, erstaunt Fachleute. Die Branche geniesst einen zweifelhaften Ruf. Immer wieder Klagen über Empfehlungsmarketing-Geschäftspraktiken hört Daniel Schlachter, Geschäftsleiter der Zentralstelle für Heimarbeit. «Mit meinem jetzigen Wissensstand muss ich von dieser Organisation abraten», sagt Schlachter, nachdem er die FLP-Website studiert hat. Das Geschäftsmodell sei völlig intransparent: «Für Otto Normalverbraucher ist nicht ersichtlich, was man für Verdienstmöglichkeiten hat.» Schlachters deutliche Einschätzung: «Unseriös.»

Reine Illusion

Das Hauptproblem in der Empfehlungsmarketing-Branche sei, dass unrealistische Versprechen gemacht würden, sagt Schlachter. Erfahrungen hätten gezeigt, dass der Verdienst häufig sehr gering sei – entgegen den grossen Versprechungen.

Dass sich Empfehlungsmarketing selten bezahlt macht, stellt auch Janine Jakob vom Schweizerischen Konsumentenschutz (SKS) fest: «Man sollte sich nicht zu viele Hoffnungen machen, dass man viel verdient. Man muss weit oben in der Pyramide und früh dabei sein.» Sich den Lebensunterhalt zu verdienen, entpuppe sich für den Grossteil der Leute als Illusion. Ein Hauptproblem sei, dass die Produkte vielfach überteuert seien – dadurch seien sie nicht konkurrenzfähig. Die meisten Pyramidensysteme kollabierten nach einer gewissen Zeit: «Es spricht sich rum, dass die Unteren nichts verdienen.»

«Verhalten aus Sekten»

Immer wieder Anfragen zu Empfehlungsmarketing-Firmen hat auch Georg Schmid. Er ist Leiter der evangelischen Informationsstelle Rel-Info, die über Sekten Auskunft gibt. Leute, die im Multi-Level-Marketing tätig sind, seien enorm engagiert. Die sozialen Beziehungen würden genutzt; die Teilnehmer versuchten, Kunden und neue Verkäufer zu gewinnen. «Dieses Verhalten erinnert Angehörige und Bekannte häufig an ein Verhalten, das man von Sekten kennt.»

Gian Simmen dagegen hält seinen Sponsor für «absolut seriös». Die Frage, ob er nicht fürchte, seinen Ruf zu beschädigen, verneint der Snowboardstar. Er habe das Geschäftsmodell geprüft – und erkenne keinen Haken an der Sache. «Wenn ich ein Restaurant gut finde, dann empfehle ich es meinen Freunden weiter, so ist es auch mit anderen Produkten.»

Selber ist Simmen auch als «Distributor» tätig, was bedeutet, dass er Ware bezieht und verkauft sowie weitere Verkäufer sucht. Sein Engagement halte sich aber in engen Grenzen: «Mir fehlt die Zeit.» Gegen einen lukrativen Nebenverdienst neben seinem 40-Prozent-Pensum habe er aber nichts einzuwenden. Simmen ist bei Swiss Ski als Snowboardtrainer angestellt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2012, 14:42 Uhr

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Gian Simmen wirbt auf Facebook für den Energydrink FAB. (Bild: Facebook)

Der Schneeballeffekt

Ziel des Empfehlungsmarketings ist nicht nur, Produkte zu verkaufen, sondern vor allem, neue «Partner» zu finden, die bereit sind, Produkte zu verkaufen. Bei Forever Living Products sind dies Distributoren, die wiederum Vertreiber suchen. Wer zusammen mit diesen einen gewissen Umsatz erwirtschaftet, steigt eine Stufe auf. So entsteht die Pyramide, wie bei den verbotenen Schneeballsystemen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) kann inzwischen schärfer gegen diese vorgehen. Es wird aber erst nach Beschwerden aus der Bevölkerung aktiv. (jäg)
fair-business@Seco.admin.ch

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