2000 Einwohner, 151 Fälle, 92 Täter

In einem Dorf der Samen in Norwegen sind über Jahre Mädchen und Frauen sexuell missbraucht und vergewaltigt worden.

In der Gemeinschaft wollte man von den Klagen der Opfer nichts wissen: Gemeindezentrum der Samen in Drag.

In der Gemeinschaft wollte man von den Klagen der Opfer nichts wissen: Gemeindezentrum der Samen in Drag. Bild: Keystone

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In der Zeitung wird sie «Liv» genannt. Das Foto zeigt nur ihren Rücken, ihre Geschichte zeigt das Versagen einer ganzen Gesellschaft. Liv ist in Nordnorwegen aufgewachsen, in einem kleinen Ort am Fjord. Als sie 14 war, zeigte ein Lehrer Livs Vater an. Der Mann hatte die Tochter und weitere Mädchen sexuell missbraucht. Livs Vater musste für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Was sie lange niemandem erzählt hat: Danach wurde es nur noch schlimmer. Denn als der Vater weg war, wurde Liv im Dorf zum «Freiwild», elf andere Männer hätten sich an ihr vergangen. Die Tageszeitung «Verdens Gangen» hat mit weiteren Opfern gesprochen, alle aus derselben Gemeinde. Der Artikel erschien im letzten Jahr unter dem Titel «Ein dunkles Geheimnis».

Viele Taten sind verjährt

Wie dunkel, das erfahren die Norweger erst jetzt, anderthalb Jahre später. Die Polizei hat in Tysfjord ermittelt, so heisst die Kommune am gleichnamigen Fjord, 2000 Einwohner. Die Ermittler gehen von 151 Fällen sexuellen Missbrauchs aus, darunter 43 Vergewaltigungen. Sie zählten 82 Opfer, das jüngste war 4, das älteste 75 Jahre alt, doch die meisten waren minderjährige Mädchen. Unter den 92 Tätern sind auch drei Frauen, die selbst missbraucht worden waren. Zwei Drittel der Fälle sind verjährt, der älteste liegt 65 Jahre zurück. Liv ist heute über 30 Jahre alt. In Norwegen fragt man sich, warum niemand eingegriffen hat.

Gelernt, sich zu schämen

Tysfjord liegt in Nordnorwegen. Die 2000 Einwohner verteilen sich auf mehrere Dörfer, die zur Gemeinde gehören, zwischen ihnen liegen vor allem Wasser und Felsen. Obwohl der Fjord beliebt ist bei Touristen, leben die Menschen hier abgelegen. Das Dorf, in dem die Zeitung recherchiert hat, heisst Drag. Viele der Bewohner sind Samen, gehören zum indigenen Volk Skandinaviens. Auch die meisten Täter und ihre Opfer sollen der Polizei zufolge Samen gewesen sein, gleichzeitig strenggläubige Protestanten.

Lars Magne Andreassen, Direktor des Kulturzentrums der Samen in Tysfjord, sagt, er habe seit Jahren von dem Problem gewusst. In seinem Zentrum habe es Ausstellungen und Seminare zum Thema sexueller Missbrauch gegeben und Unterstützung für diejenigen, die das Schweigen brechen wollten. Die Zahlen der Polizei seien trotzdem ein Schock für ihn gewesen.

Warum haben die Opfer so lange geschwiegen? «Sie haben den Behörden nicht vertraut», sagt Andreassen. Norwegen hat lange versucht, die Samen zu «norwegisieren», ihnen Kultur, Sprache und Land zu nehmen. «Wir haben gelernt, uns zu schämen, dass unsere Kultur nichts wert sei, unsere Sprache nicht brauchbar.» Offen reden über sexuellen Missbrauch? Die Menschen hätten Angst gehabt, dass man wieder nur auf sie herunterschaut, sagt Andreassen.

Polizei entschuldigt sich

Die Opfer sprachen in der Zeitung von Scham, Schmerz, von schwerem Schaden und davon, dass die Erwachsenen gewusst hätten, was vor sich geht. Doch niemand griff ein. Eine Frau erzählte, dass sie dem Pfarrer von dem Missbrauch erzählt habe. Als der nur fragte, ob es ihr gefallen habe, wurde ihr schlecht. Eine andere Frau berichtet, wie der Prediger seinen Missmut darüber ausdrückte, dass sie zur Polizei gehen wollte. Das war einfach nicht der Weg, wie man die Dinge regelte, damals am Fjord.

Die Polizei hat sich nun entschuldigt, dass sie so lange untätig war. Mehr als Hundert Fälle musste sie fallen lassen, die meisten wegen Verjährung. Nur zwei mutmassliche Täter sind bislang angeklagt worden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 22:18 Uhr

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